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"Humanität ist keine Geldfrage“

Patientenanwalt Gerald Bachinger über den Trend zur Spezialisierung, den Irrsinn, Arztgespräche extra zu honorieren - und Kommunikationsprobleme als Ursache von medizinischem Pfusch. Das Gespräch führte Doris Helmberger

Wäre unser Gesundheitssystem menschlicher, wenn Ärzte mehr Geld für Gespräche erhalten würden? Nein, meint der niederösterreichische Patientenanwalt Gerald Bachinger im FURCHE-Interview.

Die Furche: Wie ganzheitlich orientier ist das österreichische Gesundheitssystem?

Gerald Bachinger: Der Trend geht leider immer mehr in Richtung Spezialisierung: Ärztinnen und Ärzte müssen immer mehr ausblenden. Wobei das kein österreichisches, sondern ein internationales Phänomen ist. Als Patientenanwalt habe ich kein Patentrezept dagegen, aber ein paar Ideen: Zum einen geht es um eine integrierte Versorgung der Patientinnen und Patienten. Es darf nicht mehr darum gehen, in welcher Institution sie sind - im niedergelassenen oder stationären Bereich, in einer Ambulanz oder im Pflegeheim -, sondern es muss darum gehen, welches Problem sie haben. Ein weiterer, wesentlicher Schritt ist die Schaffung des "Hausarzts neu“ als Gesundheitscoach, der für bestimmte Fragen Fachärzte beizieht, aber als Drehscheibe für den Patienten dient, bei der die Informationen - auch dank elektronischer Gesundheitsakte ELGA - zusammenlaufen. Im Zuge der Gesundheitsreform ist das nicht zum ersten Mal geplant.

Die Furche: Laut Ärztekammer wird es gerade diese Reform den Medizinern künftig noch schwieriger machen, sich für die Behandlung ihrer Patienten ausreichend Zeit zu nehmen. Ist Menschlichkeit in der Medizin eine Frage des Systems?

Bachinger: Für mich ist Menschlichkeit und Humanität keine Frage der Strukturen, Institutionen oder der Bezahlung, sondern eine Frage des Charakters und der Einstellung. Sonst würde das ja bedeuten, dass ich als Mensch nur menschlich bin, wenn ich ein Honorar dafür bekomme. Das ist absurd. Ich kann in jeder Struktur unmenschlich oder menschlich sein. In einer hochtechnisierten Einrichtung kann es der Professor sein, der nach wie vor menschlich bleibt, oder die Putzfrau, die sich zwei Minuten Zeit nimmt und mit einem weinenden Patienten ein paar Worte spricht.

Die Furche: Aber ist es nicht logisch, dass Ärzte immer weniger Zeit in Gespräche investieren, wenn ihnen das von den Krankenkassen nicht vergütet wird?

Bachinger: Diese Kritik ist für mich zu kurz gegriffen. Die Honorierung müsste sich insgesamt ändern: von einem mengenoptimierten hin zu einem qualitätsoptimierten System. Es ist ja irrsinnig, dass ich als Arzt eine eigene Honorarposition für ein ärztliches Gespräch angeben muss, das zur sonstigen, ärztlichen Zuwendung dazukommt. Es müsste künftig viel stärker um Ergebnisqualität gehen - man nennt das "Pay for Quality“ oder "Pay for Performance“ -, wo Zuwendung und Gespräche selbstverständlich dazugehören. Da brauchen sich dann Ärztekammer und Krankenkassen nicht mehr darüber zu streiten, wie ein ärztliches Gespräch von zehn oder 20 Minuten honoriert wird. Ein Gespräch an Quantitäten zu knüpfen, ist ohnehin ein Irrsinn: Ich kann in zwei Minunten die wesentlichen Informationen besprechen, wenn ich die Kunst der Kommunikation beherrsche, oder ich kann eine halbe Stunde herumreden.

Die Furche: Aber kann man das ärztliche Behandlungsergebnis überhaupt beurteilen?

Bachinger: Wir haben in Österreich schon seit zwei Jahren das Projekt "Austrian Inpatient Quality Indicators“ zur Messung der Ergebnisqualität im Krankenhaus. Um diese Ergebnisqualität sollte es künftig auch im niedergelassenen Bereich gehen. Bei der Honorierung sollte man nicht mehr fragen, wie viele Medikamente einem Patienten verordnet wurden, sondern ob sich etwa sein Blutdruck gesenkt hat. Auch die Patientenzufriedenheit ist dabei ein wichtiger Faktor. Hier schließt sich der Bogen.

Die Furche: Zurück zur "Kunst der Kommunikation“: Können Medizinstudierende diese Kunst überhaupt erlernen - oder müssen sie sie von vornherein mitbringen?

Bachinger: Natürlich gibt es ein paar Naturtalente, aber die meisten müssen das lernen. Die Aus- und Fortbildung ist für mich ein wesentlich größerer Hebel, um mehr Menschlichkeit in der Gesundheitskommunikation zu erhalten, als es finanzielle Anreize sind. Es wird ja schon manches angeboten: An der Medizinuni Wien gibt es ein tolles Projekt, gibt, wo Medizinstudierende in Workshops gemeinsam mit Schauspielern, die Patienten mimen, praktische Situationen üben. Genau so stelle ich mir das vor. Doch dieses Angebot droht, aus Kostengründen eingestellt zu werden. Und Ärzte, die schon im Beruf stehen, interessieren sich meist eher für Kongresse über die neuesten, endoskopischen Untersuchungsmethoden als für solche zum Thema Kommunikation. Das ist auch deshalb tragisch, weil es in drei Viertel aller Fälle, bei denen sich Patienten von Ärzten "verpfuscht“ fühlen, nicht um fachliche Fehler, sondern einfach um Kommunikationsprobleme geht. Viele fühlen sich einfach nicht ernst genommen oder trauen sich nicht, ihre Anliegen zu artikulieren.

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