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Gesellschaft

"Ich hätte da noch eine Frage“

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Aufklärung von Verbrechen im Spiegel von Zeit und Gesellschaft, wie Krimis sie erzählen: Der Wandel führt vom Ermittler und Inspektor über den Kriminologen zum Kriminalisten.

Ein smarter Werbefachmann hat den Plan für einen perfekten Mord ersonnen. Mittels heimlich in einen Film hineingeschnittener Bilder manipuliert er das Unterbewusstsein seines Opfers, sodass es sich an einen bestimmten Ort begibt, wo es dann ermordet wird. Doch der elegante Bösewicht wird von einem zerknautschen, tollpatschig wirkenden Kriminalinspektor überführt - indem der Polizeibeamte sich seinerseits der Methode der unterschwelligen Werbung bedient.

Wer in den letzen 40 Jahren öfters ferngesehen hat, wird unschwer den Plot einer Folge der Krimiserie "Columbo“ erkennen. Doch selbst wenn man das Kunststück vollbracht haben sollte, niemals die Folge "Ein gründlich motivierter Tod“ gesehen zu haben, so ist klar: Diese Story muss aus den frühen Siebzigerjahren stammen. Jemanden mit Hilfe unterbewusster Stimuli zu überführen und der genüsslich geschilderte Gegensatz zwischen Upperclass-Täter und kleinbürgerlichem Kommissar verweisen ganz eindeutig in diese Epoche.

Die Ermittlungsmethoden von Kommissaren in Film und Fernsehen - wie nah oder fern sie der kriminalistischen Realität auch sein mögen - haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Heute würde sich kein Kommissar mehr angestaubter Methoden der Wahrnehmungspsychologie bedienen und auch die Masche, durch ärmliche Erscheinung und scheinbar unsicheres Auftreten den Täter in Sicherheit zu wiegen ("Ich hätte da noch eine Frage …“), würde in einer heutigen Produktion nicht mehr funktionieren.

Ermittler lassen das Gesetz hinter sich

Eine fiktive Ermittlungsmethode, die sich von Anfang an durch die Filmgeschichte zieht, lautet: Pfeif auf das Gesetz. Als einer der ersten Polizeifilme gilt "Heißes Eisen“ (1953), der kürzlich im Rahmen der Fritz-Lang-Retrospektive bei der Viennale zu sehen war - und schon hier nehmen die Ermittlungen des eigentlich rechtschaffenen Polizisten immer mehr die Gestalt eines persönlichen Rachefeldzuges an. Auch in späteren Polizeifilmen wie "Dirty Harry“ (1971) lassen die Ermittler die Legalität weit hinter sich und sind kaum noch von den Kriminellen, die sie verfolgen, zu unterscheiden. Don Siegels Klassiker, der Clint Eastwood zum Hollywood-Superstar machte, war bis weit nach seiner Entstehungszeit heftig umstritten, weil sich "Dirty Harry“ ganz eindeutig gegen den damals herrschenden linken Zeitgeist stellt.

In aktuellen Filmen oder Serien, die den Anspruch haben, Polizeiarbeit abzubilden, sind brachial-illegale Methoden verpönt. Schon in den 1980er-Jahren war diese Art von Ermittler ein Anachronismus und wurde in "Sledge Hammer!“ durch den Kakao gezogen, deren Titelfigur die Karikatur eines "Dirty Harry“ war. Ein letzter Nachhall ist die deutsche Serie "Der letzte Bulle“, wo die Methoden eines 20 Jahre im Koma gelegenen Kommissars mit heutigen Standards kollidieren; der Macho alter Schule langt schon mal hin, wenn ein Zeuge nicht gleich auspackt. Prägnanter kommt der Unterschied zwischen damals und heute in der britischen Serie "Life on Mars“ zum Ausdruck, wo ein Polizist der Gegenwart plötzlich in den Siebzigern erwacht und sich an den damals herrschenden Zuständen abreibt. Freilich gibt es Ausreißer wie die Actionserie "24“, in der Folter als Ermittlungsmethode legitimiert wurde - aber die Serie wird ja gemeinhin als Auswuchs der Ära George W. Bush betrachtet.

Selbstverständlich gab es immer auch diejenigen Polizisten, die sich brav ans Gesetz hielten. Diese müssen sich auf eine andere Methode verlassen: auf die Schärfe ihres Verstandes, auf die Fähigkeit, wie es euphemistisch so schön heißt, eins und eins zusammenzuzählen. Ihre Methodik besteht darin, die Bedeutung scheinbar unwichtiger Details zu erkennen und aus ihnen Schlussfolgerungen zu ziehen. Mit Logik kommen sie zum Ziel. Inspektor Columbo steht in dieser Tradition, aber natürlich auch der deutsche Klassiker "Der Kommissar“ mit Erik Ode. Kleine Tricks, um den Mörder zu einer Unachtsamkeit zu verleiten oder Bluffs, um ein Geständnis zu entlocken, sind auch ihnen erlaubt. Diese Schiene ist nach wie vor lebendig, obwohl die biederen Durchschnittsbürger - vielleicht einmal von ein paar "Tatort“-Kommissaren abgesehen - Auslaufmodelle sind.

Umkehr der Ermittlungsmethode

Die kriminalistischen Genies von heute bewegen sich hart an der Grenze zum Wahnsinn oder darüber hinaus. Adrien Monk ("Monk“) leidet unter sämtlichen nur denkbaren Neurosen und Phobien und auch bei Detective Robert Goren aus "Criminal Intent“ scheint es nur eine Frage der Zeit, bis er in einer psychiatrischen Einrichtung stationär aufgenommen wird. Sogar in der "Tatort“-Reihe gibt es schon einen (von Ulrich Tukur gespielten) Kommissar, der infolge eines Gehirntumors von Halluzinationen geplagt wird, sodass es passieren kann, dass ihm plötzlich die Kessler-Zwillinge erscheinen und ein Tänzchen vorführen.

Eine Sonderform jenes Ermittlers, der seine Fälle mit Köpfchen aufklärt, ist der des Profilers. Dieser sucht nicht den Täter innerhalb einer Gruppe von vorhandenen Verdächtigen, sondern erstellt ein Persönlichkeitsprofil des Täters und hält dann nach den passenden Verdächtigen Ausschau. Seinen Durchbruch feierte dieser Typus in dem Thriller "Das Schweigen der Lämmer“ (1991), wo eine junge FBI-Agentin mithilfe des genialisch-perversen Kannibalen Hannibal Lecter einem Serienmörder auf die Spur kommt.

Die Kraft des Geistes jedoch gerät bei Film- und Fernsehermittlern immer mehr ins Hintertreffen. Natürlich, auch die scharfsinnigsten Spürnasen waren immer schon auf Spuren und Beweisstücke angewiesen. Serien wie "CSI“ aber machen aus den einstigen Hilfsmitteln einen Fetisch. In den Serien, in denen Teams von Forensikern im Mittelpunkt stehen, werden Fälle in erster Linie durch ausgeklügelte technische Methoden aufgeklärt. Jeder Täter hinterlässt eine Spur, es geht nur noch darum, das richtige Analyseverfahren zu finden, um die verräterischen Moleküle sichtbar zu machen.

Siegeszug der Kriminalistik

Der Triumphzug Horatio Caines ("CSI: Miami“) oder Jordan Cavanaughs ("Crossing Jordan“) muss als Zeitsymptom gelesen werden: Indem Ermittlungen im sozialen Umfeld des Opfers zur Nebensache degradiert werden, wird die lange Zeit vorherrschende Annahme entsorgt, dass Verbrechen zumindest teilweise sozial bedingt sind. Wenn Spurensicherung zur Aufklärung eines Verbrechens genügt, dann wird auch die Auseinandersetzung mit den Ursachen obsolet. In der US-Rechtswissenschaft spricht man bereits vom "CSI-Effekt“: Gemeint ist die zunehmende Tendenz von Geschworenen, in realen Gerichtsverfahren auf forensische Beweise das größte Gewicht zu legen.

Ob Scharfsinn oder Forensik - das Publikum liebt anscheinend Ermittler, die sich einer klar erkennbaren Methodik bedienen. Dies mag noch so ausgefallen sein - man denke nur an die Penibilität von Adrien Monk oder die vermeintlich übersinnlichen Fähigkeiten von Patrick Jane ("The Mentalist“) - aber sie muss unverwechselbar sein.

Verwechselbarkeit ist das Problem der allermeisten deutschsprachigen Krimis, wo die Kommissare und SOKO-Mitglieder vor sich hin ermitteln und einmal so, einmal so den Verbrechern das Handwerk legen. Seine anachronistische Methodik wurde auch einem der historisch bedeutendsten fiktiven Kommissare zum Verhängnis: Jules Maigret, Leiter der Pariser Mordkommission, Held von 75 Romanen und 28 Erzählungen, die unzählige Male für Film und Fernsehen adaptiert wurden. Ein Ermittler, der sich allein auf seine Intuition verlässt und nicht auf wissenschaftliche Akribie, besitzt heute keine Glaubwürdigkeit mehr.