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Identität: verzweifelt gesucht

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Der moderne Mensch sucht nach Persönlichkeit, das moderne Unternehmen nach Identität. Kunst und Kultursponsoring sollen sie bringen.

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Der moderne Mensch sucht nach Persönlichkeit, das moderne Unternehmen nach Identität. Kunst und Kultursponsoring sollen sie bringen.

Kunstdebatten führt man heute mit religiösem Eifer, finanziert wird Kunst aber kaum mehr von Päpsten, Bischöfen und Äbten, sondern von Banken und Versicherungen. Weil Kunstförderung durch Unternehmen immer wichtiger wird, gibt es für die besten Konzepte einen Preis: den Maecenas. "Es ist so eine Art modernes Mäzenatentum," beschreibt Ernst Greindl das Kultursponsoring der Wiener Städtischen Versicherung, die auf eine relativ lange Liebe zur Kunst zurückblicken kann: "Ein Vierteljahrhundert engagieren wir uns sicher schon in diesem Bereich."

Im Jahr 1996 heimste man medienwirksam erstes Lob dafür ein: den "Maecenas". Am Anfang war bei der "Städtischen" ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sport und Kultur, inzwischen fließen zwei Drittel des Jahresbudgets für Sponsoringmaßnahmen in den Kulturbereich. Die Bregenzer Festspiele, der Carinthische Sommer oder die Wiener Festwochen gehören zu den bekanntesten Events, deren Programmhefte das Logo der "Städtischen" ziert.

Diese Form des Sponsorings hat den unwiderlegbaren Vorteil, daß ein schöner Abend mit Seerundfahrt bei den Bregenzer Festspielen Großkunden gefällt und vertrauensfördernd wirkt. "Kultur ist eine gute Schiene, um das Image zu verbessern," gibt Greindl unumwunden zu.

Weil eine Versicherung verpflichtet ist, an die Zukunft zu denken, hat man in letzter Zeit einen Schwerpunkt auf Kinder und Jugendkultur gesetzt. Der Carinthische Kindersommer oder die Kinderfestspiele des Bregenzer Sommers zählen mittlerweile zu fixen Bestandteilen des Kulturprogramms. Ein wenig Idealismus hat sich die "Städtische" jedenfalls bewahrt. "Gewisse Dinge wären ohne Sponsoring nicht realisierbar," weiß Greindl, darum unterstützt man auch Theatergruppen, die unter hohem finanziellem Druck stehen.

"Die künstlerische Freiheit ist nicht eingeschränkt," weist Greindl jede Einflußnahme des Geldgebers auf die Produktion strikt zurück. Konsequent mischt man sich in die künstlerische Entwicklung der ausgewählten Projekte nicht mehr ein. Selbstverständlich ist dieses Postulat der Freiheit der Kunst nicht. Damit auch alles mit rechten Dingen zugeht, trifft quartalsmäßig, im März, Juni, September und Dezember, eine Jury zusammen, um über Projekte zu beratschlagen, die in den Genuß der Förderung kommen. Die Namen der Jurymitglieder, die aus der Kunstkritik sowie aus dem Journalismus kommen, darf Greindl nicht verraten. Die Akzeptanz im Betrieb selbst ist hoch, daß Mitarbeiter vergünstigte Karten zu den Veranstaltungen erhalten, mag dazu beitragen. "Dieses Angebot wird eifrig genutzt," freut sich Greindl.

Nach einer aktuellen Meinungsumfrage ist allerdings die überzeugendste Sponsoringmaßnahme eine sozial motivierte: fast die Hälfte aller Befragten würde das Produkt einer Firma kaufen, die sich hilfsbereit gibt. Sport, Kultur und Wissenschaft liegen mit beinahe 40 Prozent ungefähr gleich im Trend. So gesehen dürfte Siemens zu einem beinahe idealen Konzept gefunden haben. Das Unternehmen profiliert sich auf mehreren Ebenen. Wie bei der "Städtischen" investiert man in die Jugend: "Einmal im Monat veranstalten wir Kindermatineen. Viele Schulklassen kommen, um bei uns eine Zeitreise durch die Welt der Technik zu machen," erklärt Eva Sulowsky. So konnten die Kinder in einem Workshop Solarmobile bauen, und die Gefährte gleich auf einer Teststrecke ausprobieren. "Wir wollen damit schon den Kleinen Technik vermitteln, und ihnen die Angst davor nehmen," beginnt das Unternehmen bei den Kindern, tapfer gegen die Furcht vor der Übermacht der Technik anzukämpfen.

Soziales Handeln Zur Abwechslung bieten die Matineen aber auch rein kulturelle Schwerpunkte: Kinderlieder, Vivaldi für Kinder von Marco Simsa oder eine Kunstausstellung mit dem Titel "Onkel Herbert und die verrückten Dinge". An die 50.000 Schilling läßt sich das Unternehmen eine Kindermatinee mit Buffet kosten, für die teilnehmenden Knirpse kostet der Spaß nichts. Freiwillige Spenden sind willkommen, sie kommen nicht der Firma, sondern einem eigens ausgewählten Sozialprojekt zugute.

1996 entschied die Firma, alle Sponsoring Aktivitäten auf ein Projekt zu konzentrieren. Die Wahl fiel auf das "Bienenhaus", ein heilpädagogisch therapeutisches Zentrum der SOS Kinderdörfer. Zwölf Kinder von drei bis fünfzehn Jahren leben dort, um traumatische Erlebnisse wie Mißhandlung oder Verwahrlosung aufarbeiten zu können. Erst danach sind sie in der Lage, sich in einer SOS Kinderdorf-Familie zu integrieren. Dieses Projekt ist sehr bewußt gewählt, es stellt den Bezug zu den Kindern her. Auch Mitarbeiter spenden. "Mail an everyone" rief firmenintern dazu auf, Haushaltsgeräte und ähnliches gab's zusätzlich zur Finanzspritze. "Über 5 Millionen Schilling haben wir seit 1997 aufgebracht," ist Eva Sulowsky stolz.

Den "Maecenas 1997" bekam das Unternehmen für eine andere Aktion. Mittels eines Großbildschirms übertrug man den "Don Giovanni" der Salzburger Festspiele auf den Domplatz. 3.000 Menschen konnten so mit Zählkarten am Elite-Event teilnehmen. "Wir haben eben unsere Technik benutzt," lacht Sulowsky. Das Kulturevent unter freiem Himmel war ein schlagender Erfolg, den Zugang zu den Salzburger Festspielen wußte man außerdem für spezielle Großkunden zu verwerten: die wurden auf die Originalpremiere eingeladen. "Das eine schließt das andere nicht aus, natürlich haben wir unser Kultursponsoring auch genutzt. Wichtig war uns trotzdem der Kulturtransfer für die Öffentlichkeit," erklärt Sulowsky. Auch die Veranstaltungsreihe LITERATniktechTUR setzt sich auf breiter Ebene in Events, Lesungen, Vorträgen und Diskussionen mit dem Zusammenhang zwischen Technik und Sprache auseinander. Heuer wird zum zweiten Mal ein Preis von 100.000 Schilling für den besten Textbeitrag ausgeschrieben, in Österreich lebende Autoren jeder Staatsangehörigkeit sind dazu eingeladen. Der Zweitplazierte erhält eine Anerkennung von 10.000 Schilling. Die zwölf Beiträge, die der fünfköpfigen Jury am interessantesten erschienen, kommen als Buch heraus.

Siemens technische Schlagseite spiegelt sich auch in der bildenden Kunst: Gastkuratoren der Galerie Hilger suchen förderungswürdige Arbeiten junger, unbekannter Künstler aus. Man kauft traditionell in Öl, auf Leinwand oder Papier an, Kunstkalender für Kunden gibt's auch. Doch Präsenz im Netz ist Pflicht: "Art lab" heißt die Ausstellung im Cyberspace, von der siemens homepage gibt es einen link zur virtuellen Galerie.

Bleibende Werte Die Flucht nach vorne ins Netz mußte die Raiffeisen Landesbank Niederösterreich gar nicht erst antreten: Das Erbe, das man zu verwalten hatte, war Auftrag genug. Die Bank besitzt das berühmte Loos-Haus am Wiener Michaelerplatz. Von dieser geschichtsträchtigen Immobilie zur Kultur ist es nicht weit. Man entschied das Naheliegendste: Im Jahr 1987 wurde das Gebäude komplett rekonstruiert. "Wir wollten das Haus in den ursprünglichen Zustand versetzen. Früher war ein exklusives Herrenmodengeschäft drinnen, darüber Wohnungen. Es hat sich sehr verändert. Wir haben es komplett neu adaptiert, damit die alte Pracht wieder zum Vorschein kommt," erklärt Reinhard Pühringer den Beginn einer weiteren "Maecenas"-trächtigen Erfolgsgeschichte.

Mit dem Loos-Haus als Erbstück, besetzte die Bank ein bis dahin noch unbelegtes Feld: die Architektur. "Wir wollten ein medial wirkungsvolles Signal setzen." Das ist gelungen. Trotz beschränkter Öffnungszeiten erfreuen sich Ausstellungen im Loos-Haus großer Beliebtheit. 10 bis 15.000 Besucher kommen, um meist Aspekte der Architektur zu sehen. Außerdem wurde der Loos-Architektur-Preis kreiert: Er wird für innovative Bauten vergeben und ist mit 200.000 Schilling hoch dotiert. Vom Reihenhaus über Bürogebäude, Geschäftslokale oder Restaurants wollte man letzte Trends im Baugeschehen an die breite Masse bringen. "Wir suchen immer eine zeitbezogene, aktuelle Themenstellung. Außerdem möchten wir die Öffentlichkeit einbeziehen, das Publikum kann Jury spielen," sagt Pühringer.

Bemerkenswert ist jedes Jahr, wie der Geschmack der Expertenjury und jener des Publikums, das durch Einwerfen des beliebtesten Objekts den Publikumspreis bestimmt, auseinanderklaffen. Heuer allerdings hat Raiffeisen eine Pause eingelegt: "Wir arbeiten an einem Kulturkonzept," entschuldigt Pühringer die momentane Funkstille um den Loos-Preis. Die Bank hat ein großes Ziel: Sie möchte das Sponsoring fusionieren und alle Aktivitäten bundesweit koordinieren. Niederösterreich engagiert sich auch beim Donaufestival, dem Osterklang oder konventionellen Publikumsrennern wie den aktuellen Events rund um das Gesamtkunstwerk Strauß. Dieses weit gestreute Spektrum soll nun fest zu einem schlüssigen Gesamtbild gebündelt werden.

Es braucht Zeit, bis sich Identität überzeugend festigt. Bei zunehmend kunstinteressierter Konkurrenz fällt es schwer, der glaubwürdigste Mäzen zu sein. "Wir möchten die Architektur als Schwerpunkt behalten, der Loos Preis wird sicher bleiben. Aber man kann immer etwas besser machen, da gibt's jetzt eine Nachdenkpause." Die Globalisierungsfalle hat auch das Sponsoring erwischt. Wer seine eigene Firmenidentität schaffen will, muß sich anstrengen. Der Kunde ist König, und hoffentlich auch die Kunst.

Das Dossier wurde von der Firma Geiger-Moden gesponsert.

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