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Idyllen sind suspekt

Als "Die Eskimorolle" wurde ein Erzählband Margit Schreiners neu aufgelegt. Harmlos sind die Geschichten nicht.

Als diese Erzählungen vor neun Jahren zum ersten Mal erschienen, da hatte der Band den monströsen, aber aussagekräftigen Titel "Die Unterdrückung der Frau, die Virilität der Männer, der Katholizismus und der Dreck". Die gleichnamige, subtil witzige Geschichte spielt in der Nähe von Rom, die Erzählerin macht mit einer ziemlich anstrengenden Schriftstellerkollegin, die diese Schlagworte ständig im Mund führt, einen Ausflug zu einem entlegenen Kloster, wo sie ein merkwürdiges Erlebnis mit einem Mönch hat, von dem ihre redselige Begleiterin nichts mitbekommt.

Männer gehen baden

In Margit Schreiners neu aufgelegtem Erzählband spielen Speisen eine gewisse Rolle, vor allem Mehlspeisen, Grießknödel und Topfenknödel, Schwarzwälder Kirschtorte und Ribiselkuchen, aber die "Eskimorolle" ist nichts zum Essen: Dabei handelt es sich vielmehr um eine technische Finesse beim Kajakfahren, die ein Freund der auf Besuch weilenden Erzählerin schmackhaft machen möchte: Es gehe darum, auf Kommando zur Seite zu kippen, das Boot unter Wasser um seine Achse zu drehen und mit Schwung auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Dem Freund ist es aber nicht um eine theoretische Erörterung zu tun, sondern um eine praktische Erprobung: Er lässt das Schlauchboot mitsamt Ehefrau und Gast in der Mitte des eiskalten Stausees kentern, und die Eskimorolle funktioniert überhaupt nicht, schwimmend erreichen sie das Ufer.

Dass die, die das große Wort führen, Männer vorzugsweise, baden gehen, ist durchaus typisch für die Prosa der Margit Schreiner. Idyllen sind ihr suspekt. Wie mühsam Freundschaft sein kann, auch davon handelt dieses Buch. In einer Mischung zwischen Lakonie und Kaltschnäuzigkeit erzählt Margit Schreiner von einer Kindheit in Linz, bei der es sich ohne Zweifel um ihre eigene handelt. Mit gespielter Naivität erinnert sie sich an den Religionsunterricht und die Fronleichnamsprozession und die böse Frau Lehrerin Hirsch, die dem Bild einer alter Nazi entsprach, blonde Schülerinnen bevorzugte und mit der Orthografie auf Kriegsfuß stand. Schreiner blendet dabei den Bewusstseinsstand der Gegenwart nicht aus. Vater und Mutter erinnern sich an andere Dinge als ihre Tochter, und die ist mit sich selber so wenig einig wie die Eltern untereinander.

Bei der Erstveröffentlichung fühlte Wendelin Schmidt-Dengler sich an Roseggers "Waldheimat" erinnert und schlug Titel vor wie: "Wie ich mit dem Hans ausging und mit dem Wolfgang heim kam" oder "Wie ich mit dem kommunistischen Studentenverband Weihnachtsfreude holen ging". Rosegger ist freilich nicht die schlechteste Referenz, und harmlos sind Schreiners Geschichten gewiß nicht. Da sind die diversen Onkel, alle mit mehr oder minder dunkler Vergangenheit, der Onkel Franz aus Nürnberg, dessen kulinarische Ansprüche seit seiner Zeit an der Westfront unerhört hochgeschraubt sind und der seinen Deutschen Schäferhund stundenlang vor einem Stück Fleisch sitzen lässt, das der nicht anrühren darf: "Hin und wieder schaute er zu dem Hund hin, dem der Speichel in zwei dünnen Rinnsalen aus dem Maul floß." Oder Onkel Fritz mit dem Klumpfuß, der als Beamter keine Sympathie für die staatliche VÖEST hegt, bei der der Vater beschäftigt ist, und der die Weinflasche nach jedem Einschenken wieder zurück in den Einbauschrank stellt. Als bei einem Familienbesuch eine prunkvolle Kristallschale zu Bruch geht, muss Onkel Fritz sich übergeben. Auf der Heimfahrt meint die Mutter, die Schale habe er "zur Geburt seines Sohnes 1944 von der Partei geschenkt bekommen. Blödsinn', sagte mein Vater, die hat er bekommen wegen dem Buckel und dem Fuß.'"

Schwere Ausbrüche

Die Erzählungen über italienische Protagonisten, über den Apotheker, Gina und Sophia, fallen schließlich aus dem Rahmen des Autobiografischen. So ist es verständlich, dass man den ursprünglichen Untertitel des Bandes nicht beibehalten hat: Ein "Roman in Geschichten" ist das nicht. Aber es ist ein Buch, das ganz leichthin eine Ahnung davon vermittelt, wie schwer es war, in und aus den provinziellen fünfziger Jahren zu neuen Ufern aufzubrechen: die bizarren Verwandten hinter sich zu lassen, die familiären Verschwiegenheiten, die katholischen Vorschriften, die komplizierten ersten Lieben und sexuellen Abenteuer und irgendwann auch die Rituale des Kommunistischen Studentenverbandes, in dessen Versammlungen die Erzählerin sich fast so gefühlt hat wie früher in der Sonntagsmesse. Ob die Eskimorolle der Existenz letztlich glückt, das lässt Margit Schreiner hier offen.

Die Eskimorolle

Von Margit Schreiner

Verlag Schöffling, Frankfurt 2004

184 Seiten, geb., e 20,50

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