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Im Niemandsland

"Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Über den Umgang mit der Endlichkeit" war das 7. Philosophicum Lech überschrieben. Die Furche dokumentiert stark gekürzt die Referate von Thomas Macho und Klaus Thiele-Dohrmann, dazu lesen Sie ein Interview mit Volker Gerhardt, ebenfalls einer der Referenten. Im Frühjahr 2004 erscheint, wie jedes Jahr, bei Zsolnay der Tagungsband. Redaktionelle Gestaltung: Rudolf Mitlöhner

Tod und Unsterblichkeit bilden widerspenstige Themen. Wir können über Tod und Unsterblichkeit nur aus einer externen Perspektive sprechen. Während die meisten Gegenstände kulturhistorischer Forschung - von den Anlässen der "rites de passage" (Geburt, Sexualität, Krankheit) bis zu den technischen und materiellen Objektivationen jeder Kultur - bloß einen relativen Widerstand gegen ihre theoretische Analyse ausüben, bleiben Tod und Unsterblichkeit, die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod, schlechthin undurchdringlich. Der Tod und sein - erhofftes oder gefürchtetes - Danach sind nur von außen bekannt, gestatten keine hermeneutische Annäherung und keine teilnehmende Beobachtung.

Zwang zur Antwort

Epikurs Satz ist unwiderleglich: wo wir sind, ist kein Tod, und wo der Tod ist, sind wir nicht. Aber mit dieser Einsicht ist nichts gewonnen; sie verringert nämlich keineswegs den Zwang, eine Antwort zu geben, wo gar keine Antwort gegeben werden kann. Denn in wesentlicher Hinsicht sind Kulturen und Gesellschaften Systeme zur Klärung von Zugehörigkeit. Aus Sprache, Aussehen, Abstammung oder Wissen wird - bis heute - abgeleitet, wo wir zuhause oder nicht zuhause sind. Die Frage der Zugehörigkeit wird von zahlreichen Ämtern, permanent und unmerklich oft, gestellt und entschieden: nicht nur in einer horizontalen, sondern auch in einer vertikalen Achse. Denn jede Geburt ist eine Einwanderung, jeder Tod eine Auswanderung; und aus der Perspektive einer Kultur oder Gesellschaft müssen diese Ein- und Auswanderungsprozesse ebenso erfasst, beschrieben und - im Horizont der Frage nach Zugehörigkeit - entschieden werden wie jede Reise oder Übersiedlung. Schon darum kann sich kein soziales System entlasten von der Pflicht, die Fragen nach Geburt und Tod, nach Sterblichkeit oder Unsterblichkeit, auf irgendeine Art und Weise zu beantworten: nicht allein durch Gesetze, mit Hilfe von Akten und Archiven, sondern auch durch Religionen, Kulte, Rituale, Praktiken der Bestattung und der Erinnerung von Toten.

Wie regeln die Kulturen der Moderne vertikale Zugehörigkeiten? Die kulturelle Bewertung der Lebensgrenzen hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten deutlich verändert. Während vergangene Epochen die Erfahrungen der Geburt und des Todes auf einen mythisch (als Schicksal) oder theologisch (als Vorsehung) markierten Horizont der Unverfügbarkeit zu beziehen pflegten, haben die technologischen Fortschritte der neuzeitlichen Medizin, Biologie oder Chemie den Umfang möglicher Einflüsse auf die konkreten Erscheinungsformen von Lebensanfang und Lebensende dramatisch erweitert.

Die Kindersterblichkeit wurde radikal gesenkt, während das durchschnittliche Lebensalter erstaunlich gesteigert werden konnte; bestimmte Todesursachen wurden erfolgreich bekämpft, bedrohliche Geburtsrisiken verringert. Diese technologisch-wissenschaftlichen Triumphe, die auch ein Skeptiker der modernen Medizin gewöhnlich zugesteht, haben freilich eine bemerkenswerte Transformation kultureller Symbolsysteme bewirkt. Im vormodernen Kontext der Anerkennung von Geburt und Tod als den prinzipiell unverfügbaren Grenzen wurden zahlreiche Praktiken und Rituale ausgeübt, um die Instanzen der Vorsehung oder des Schicksals anzusprechen, zu versöhnen und günstig zu stimmen, aber auch um im schlimmsten Fall deren Entscheidungen - als Prüfung oder Strafe - zu ertragen. Diesem Zweck dienten Opferzeremonien, bis ins letzte Detail festgelegte Verhaltensregeln (von der Taufe bis zur Bestattungsfeier), und nicht zuletzt eine ausgeprägte Metaphorisierung des "Jenseits": gerade die streng definierten Grenzen begünstigen die Phantasie ihrer Überschreitung.

Inzwischen sind die Grenzen flexibler geworden; sie lassen sich vielfach manipulieren, verschieben oder - etwa bei einer gelungenen Reanimation - vorübergehend außer Kraft setzen. Darum würde es unter gegenwärtigen Bedingungen geradezu als kriminalisierbares Delikt angesehen werden, ein Unfallopfer mit Sterbegesängen zu "trösten" oder einen Priester - womöglich an Stelle der Rettung - zu rufen. Auch die Trauer um einen Verstorbenen oder die unerfüllte Sehnsucht nach einem Kind münden nicht selten in Fragen und Vorwürfe: Wurde die richtige, die rettende Maßnahme versäumt? Haben die Ärzte ihre Pflicht erfüllt? Hätte nicht noch etwas getan werden können? Wer hat versagt?

Resthimmel der Esoterik

Die mögliche Adressierung einer anonymen oder zumindest unbelangbaren Macht wird immer seltener praktiziert, geschweige denn ritualisiert: die bunten und vielfältigen Phantasien eines "Jenseits" verblassen, kompensiert allenfalls durch die "Resthimmel" einer beliebigen, kollektiv unverbindlichen "Esoterik". Diese Entwicklung lässt sich zwar leicht kritisieren und als "Verfallsgeschichte" geißeln; doch selbst die eloquenteste Polemik könnte rasch mit jener nostalgischen Heuchelei verwechselt werden, die das Phantasma eines jenseitigen Glücks der mutmaßlich erfolgreichen Therapie vorzuziehen behauptet.

Im Ernstfall wird stets der "Spatz in der Hand" gehütet, und zwar sogar in jener, von Odo Marquard zugunsten der Frömmigkeit charakterisierten Lage, in welcher die "Taube auf dem Dach" der einzige Spatz ist, der sich hüten lässt: dann wird nämlich die theomorphe Taube tatsachlich wie ein Spatz behandelt - als eine Art von sakraler Lebensversicherung, die bekanntlich nicht schadet, auch wenn sie nichts nützt.

Wer stirbt, hat versagt

Die Frage nach der veränderten symbolischen Bewertung der Lebensgrenzen in der Moderne kann also nicht auf fundamentale Gegenwartskritik und historisierende Verklärungen ehemals "goldener Zeitalter" rekurrieren; es wären vielmehr die Konsequenzen zu diskutieren, die sich aus der steigenden Manipulierbarkeit von Geburt und Tod ergeben. So hat sich das gesellschaftliche Verhältnis zum Tod spürbar verändert, freilich nicht im Sinne der These von einer "Verdrängung des Todes". Der Tod wird heute in gewisser Hinsicht weniger verdrängt, als im neuerdings gern zitierten Mittelalter der ars moriendi: es genügt schon, den Fernsehapparat einzuschalten, um auf denkbar vielfältige Weise von der Sterblichkeit der Menschen Kenntnis zu nehmen: Auf dem ersten Kanal läuft beispielsweise eine Dokumentation über Krieg und Konzentrationslager, auf dem zweiten wird eine Soap-Serie über Intensivstationen angeboten, auf dem dritten erscheint der Nachrichtensprecher, um die aktuellen Katastrophen, Schlachten oder Unfälle zu kommentieren, auf dem vierten wird ein Kriminalfilm oder Western ausgestrahlt, auf dem fünften ein Horrorfilm über Vampire und Zombies.

Der Tod wird wohl nicht verdrängt - ganz im Gegensatz zu den Sterbenden, die häufig einem klinischen Expertensystem anvertraut sind, das dazu neigt, sich im Falle scheiternder Bemühungen von seinen Patienten abzuwenden. Wo der Triumph über den Tod beinahe zum ärzlichen Ethos schlechthin geworden ist, muss die Erfahrung der Niederlage abgewehrt werden. Der Sterbende erscheint als materialisierter Vorwurf; dieser Vorwurf wird ihm gleichsam projektiv zurückgegeben: wer stirbt, hat versagt und verdient keine weitere Aufmerksamkeit. Die klinische Hilflosigkeit, ja, oft genug die unbewusste Wut, die sich im Umgang mit einem Sterbenden einstellen kann, begünstigt freilich eine Praxis, die den "Versager" rasch zum bloßen Mittel neuer Lebenserhaltungsstrategien umfunktioniert, etwa zum "Organspender". Die steigende Manipulierbarkeit der Lebensgrenzen ermöglicht die Einrichtung und strategische Nutzung von "Zuständen" zwischen Leben und Tod, gleichsam die Ausbreitung temporaler "Niemandsländer", die sich von den gefrorenen Embryos bis zu den künstlich am Leben erhaltenen Komatoten erstrecken.

In diesen "Niemandsländern" werden die traditionellen Erfahrungen mit den Lebensgrenzen irritiert: Ist das befruchtete Ei in der Tiefkühltruhe tatsächlich "am Leben"? Ist der atmende Mensch mit rosiger Haut und spinalen Muskelreflexen tatsächlich "gestorben"? In ihrer Studie zur Praxis der Organtransplantation berichten Anna Bergmann und Ulrike Baureithel von Krankenhäusern, in denen die so genannten hirntoten "Spender" bei der Organentnahme narkotisiert werden, um nicht durch unerwartete Reaktionen wie Muskelzuckungen, Hautrötungen oder Schweißausbrüche das OP-Personal zu erschrecken.

"Familienplanung"

Geburt und Tod werden - im Verein mit den wachsenden Möglichkeiten, die Lebensgrenzen zu manipulieren und zu verschieben - latent "virtualisiert". Diese "Virtualisierung" erzwingt jedoch Planungen und Entscheidungen, die im Horizont traditioneller Ethik nur schwer beurteilt werden können. Die klassische Ethik wurde ja gerade aus dem Geist der Anerkennung einer schicksalhaften, göttlich gebotenen Unverfügbarkeit der Lebensgrenzen entfaltet; den nahezu universellen Tötungsverboten entsprachen die verschiedensten Regelungen und Einschränkungen der Zeugung von Kindern. Neues Leben durfte nicht aktiv produziert, sondern lediglich als "Geschenk" des Schöpfers oder der Sterne angenommen werden: Kinder wurden "bekommen" und nicht "gemacht".

Erst die moderne Biologie und Gynäkologie ermöglicht "Familienplanung", eine pharmakologisch und zunehmend auch gentechnologisch unterstützte Erzeugung von "Wunschkindern". Dagegen wäre auf den ersten Blick gar nichts einzuwenden: "Wunschkinder" werden doch in der Regel besser versorgt, erzogen und intensiver geliebt. Allerdings konstituiert die Bemühung um die "Wunschkinder" erst das gegenüberliegende Feld der unerwünschten Kinder. Die Planungsanstrengungen und Erwartungen generieren die Möglichkeit der Planungsfehler und Enttäuschungen. Nicht selten konvertieren darum gerade die besonders heiß ersehnten "Wunschkinder" zu unerwünschten Kobolden, sobald sie nämlich die Projektionen und Hoffnungen ihrer Eltern frustrieren. Die neue "Machbarkeit" der Nachkommen überträgt die Logiken von Bedürfnis, Produktion und Konsum auf die Kinder, die dann - wie alle Produkte - halten oder nicht halten können, was sie versprechen (siehe Kasten).

Wie werden sich künftige Umgangsformen mit den flexibleren, zunehmend beeinflussbaren Lebensgrenzen entwickeln? Womöglich beginnt demnächst kein "Jahrhundert der Titanen" (wie der alte Ernst Jünger prophezeite), sondern vielmehr eine neoägyptische Epoche, die auch darin ihre Verwandtschaft mit dem Alten Reich bezeugen würde, dass sie eine wissenschaftlich-technisch bewirkte Langlebigkeit, ja, die Hoffnung auf immer erfolgreichere Verzögerungen des Sterbens nur für einen verschwindend kleinen Teil ihrer Angehörigen ermöglichen könnte. Während in Ägypten die Macht und der dynastische Status als Kriterien für die aufwendigen Mumifizierungsprozeduren und "Verewigungen" in grandiosen Mausoleen fungierten, sind es im 21. Jahrhundert wohl Finanzen und Wohnorte, welche die Chancen auf optimale Therapien und lebensverlängernde Maßnahmen spürbar erhöhen können.

Die "neuen Fellachen"

Denn gewiss darf nicht übersehen werden, dass die technisch immer plausibleren und realistischeren Träume vom "Neuen Menschen" keineswegs die gesamte Gattung betreffen werden. Die Perspektiven der "Machbarkeit" des Menschen eröffnen sich in absehbarer Zeit nur für einen Bruchteil der Erdbevölkerung: die überwältigende Mehrheit der "neuen Fellachen" wird im Sinne eines strukturellen Rassismus von gentechnologischen oder medizinischen Optimierungsstrategen gar nicht erfasst werden.

Welche Macht- und Wissensordnungen werden sich in einer solchen biomedizinisch diversifizierten Gesellschaft herausbilden? Welche ethischen Maximen werden sich durchsetzen? Und welche Gegenutopien werden den exklusiven Traum von technisch erwirkter Unsterblichkeit erschüttern? Vielleicht folgt der neoägyptischen Epoche ein Zeitalter, in dem das memento mori nicht mehr als Eingeständnis des Versagens und der Verzweiflung ausgesprochen werden muss, sondern als heitere Anerkennung der Gestaltungschancen, die jeder Grenzziehung entspringen. Aber dieses ferne Zeitalter kennt noch keine Propheten.

Prof. Dr. Thomas Macho, geb. 1952 in Wien, ist Professor für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Zahlreiche Publikationen, u. a. Co-Herausgeber der Styria-Reihe "Bibliothek der Unruhe und des Bewahrens" (gemeinsam mit Adolf Holl und Peter Strasser).

Wunschkind

Im Krisenmoment empfiehlt sich jenes zeitgemäße "Kind", das die Medienagentur Bilwet mit beißender Ironie offeriert hat: "Das Elektrische Kind® wurde speziell für die Ansprüche berufstätiger Erwachsener entwickelt. Es ist besonders widerstandsfähig, nervenschonend, pflegeleicht und lässt sich (je nach Vorliebe und Lebensgewohnheit) auf Tag- oder Nachtbetrieb schalten. Hat man gerade keine Zeit oder Lust, betätigt man mit einem einfachen Schlag auf den Hinterkopf die Standby-Taste. - Schon ist das Elektrische Kind® deaktiviert. Angenehme Nebenerscheinung: Es gibt keine unangenehmen Nebenerscheinungen wie blaue Flecken oder psychische Schäden (ein Umstand, der ein weites Feld von Anwendungsmöglichkeiten eröffnet. Ihrer Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt). Das Elektrische Kind® hat fünf Schwierigkeitsgrade, kann in drei Sprachen fröhlich sein und ist das ideale Geschenk für alle, die Kinder wirklich lieben." TM

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