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Im Niemandsland zwischen LEBEN UND TOD

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Forscher versuchen die Erlebniswelt von Menschen mit Suizidgedanken zu ergründen. Aufklärung und Enttabuisierung sind weiterhin dringend nötig, betonen Experten.

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Forscher versuchen die Erlebniswelt von Menschen mit Suizidgedanken zu ergründen. Aufklärung und Enttabuisierung sind weiterhin dringend nötig, betonen Experten.

Auch in unserer zunehmend Tabu-losen Gesellschaft bleibt ein großes Thema, das allzu gern tot geschwiegen wird: der Tod selbst. Dies gilt umso mehr für Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen oder, wie man so sagt, "freiwillig" aus dem Leben scheiden - wiewohl der Suizid bei etwa 70 bis 90 Prozent der Betroffenen Ausdruck einer psychischen Erkrankung ist. Oft handelt es sich um eine schwere Form der Depression: "Wie auch Krebspatienten leiden depressive Menschen unter einer potenziell tödlichen Erkrankung", betonte der Tiroler Psychiater Christian Haring, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, bei einer Experten-Pressekonferenz in Wien. Dies scheint allerdings noch nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, so Haring. "Wie bei einer Krebserkrankung ist eine frühe Diagnose und in weiterer Folge frühzeitige Therapie von höchster, ja lebenserhaltender Bedeutung."

Wirtschaftskrise und Suizid

Das Ausmaß der Suizid-Problematik verdient jedenfalls Beachtung: In Österreich sterben rund 1300 Menschen pro Jahr durch Suizid - das sind mehr als doppelt so viele wie durch Verkehrsunfälle. Die gute Nachricht: Seit 1987 ist die jährliche Zahl der Suizide hierzulande kontinuierlich gesunken und hat 2009 einen bisherigen Tiefstand erreicht, wobei ein Rückgang um 46 Prozent zu verzeichnen war. "Während wir noch vor 20 Jahren zu den Ländern mit den höchsten Suizidraten zählten, liegt Österreich durch diesen Rückgang nun im europaweiten Mittelfeld", berichtete Nestor Kapusta von der Medizinischen Universität Wien. Vor allem die Verbesserung der psychosozialen Versorgung, besonders in der Diagnostik und Behandlung depressiver Erkrankungen, wird dafür ins Treffen geführt. Aber auch die Verschärfung des Waffengesetzes sowie die Etablierung von Richtlinien für die Medienberichterstattung führten laut Experten zu einer Reduktion der Suizidhäufigkeit.

Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise zeigte sich in vielen Ländern ein Anstieg der Suizidraten. Ursachen dafür sind meist die steigende Arbeitslosigkeit und damit verbundene psychische Störungen. Hinzu kommt, dass es angesichts ökonomischer Rezession oft auch im Gesundheitssystem zu Einsparungen kommt. "Es ist jedoch gerade in Krisenzeiten notwendig, soziale Leistungen und psychische Behandlungsangebote auszubauen, um besonders jenen Menschen zu helfen, die von der Krise zusätzlich betroffen sind", betonte Kapusta. "Studien belegen, dass die Zunahmen von Suizidraten während der Krise in jenen europäischen Ländern am stärksten waren, in denen die geringsten sozialen Ausgaben verzeichnet wurden." In Österreich kam es während der Krisenjahre zwar zu keinem Anstieg der Suizide, jedoch zu einer Stagnation des bislang beobachteten Rückgangs.

Verzerrte soziale Wahrnehmung

Männer weisen ein dreifach höheres Suizidrisiko auf als Frauen, bei Männern bis zum 40. Lebensjahr ist Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache. Die Gruppe der über 65-Jährigen wiederum hat im Vergleich zu jungen Menschen ein etwa fünffach höheres Suizidrisiko. Die gesellschaftliche Wahrnehmung des Risikos sei hier verzerrt, bemerkte Kapusta, da jüngere Suizidenten zu ungewöhnlicheren, oft aggressiveren Methoden tendieren und daher stärker emotionalisiert werden.

Enttabuisierung ist jedenfalls immens wichtig, wie Christian Haring festhält: "Speziell Suizid bei Kindern und Jugendlichen ist gesellschaftlich in höchstem Maße tabuisiert, da die meisten Eltern eine Stigmatisierung als Versager fürchten. Suizidversuche in diesem Alter werden deshalb oft als Unglück, etwa als Unfall dargestellt. Dabei wäre es extrem notwendig, Bewusstsein zu schaffen, um solchen Suiziden vorzubeugen."

Hohe innere Anspannung

Was Menschen auf dem Weg zu einem Suizid empfinden, wird selbst von professionellen Helfern nur lückenhaft wahrgenommen. Der österreichische Psychiater Erwin Ringel (1921-1994) etwa definierte ein "präsuizidales Syndrom", bei dem sich Suizidgedanken aufdrängen und es zur Entwertung zwischenmenschlicher Beziehungen sowie zum Gefühl zunehmender Ausweglosigkeit kommt. "In der Zeit vor einem Suizidversuch erwägen Menschen den Suizid vorerst nur als gedankliche Möglichkeit", berichtete der Suizidforscher Thomas Niederkrotenthaler von der Medizinischen Universität Wien. "In ihren Gefühlen sind die Betroffenen aber einer hohen inneren Anspannung, Orientierungslosigkeit und Ambivalenz zwischen Lebens-und Todesimpulsen ausgesetzt."

An der Psychiatrischen Universitätsklinik Salzburg versucht man derzeit, sich dieser Erlebniswelt mit einer neuen Forschungsmethode anzunähern. Suizidale Patienten dokumentieren täglich mit Hilfe eines Internet-basierten Systems ihre Gedanken und Gefühle sowie Schutz- und Risikofaktoren. In Feedback-Gesprächen erhalten sie dann Informationen über ihre Erlebnisschwankungen und damit verbundene hoffnungsvolle Momente.

Wer die Signale verzweifelter Menschen zu empfangen versteht, ihnen Zeit, Aufmerksamkeit und ehrliche Anteilnahme widmet, kann dazu beitragen, Suizide zu verhindern, hat bereits Erwin Ringel betont. Das behutsame, aber offene Ansprechen einer Suizidgefährdung kann die Situation nur verbessern. "Suizidale Menschen müssen auf ihre Suizidalität angesprochen werden. Die Phantasie, dass dadurch erst Suizide ausgelöst werden könnten, ist falsch", so Psychiater Christian Haring. "Ziel eines solchen Gesprächs muss sein, die Betroffenen zu überzeugen, professionelle Hilfe anzunehmen. Im Idealfall kennt man bereits einen geeigneten Experten und begleitet den Betroffenen dorthin."

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