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"In seinen Armen das Kind perdu"

Der besonders als Nestroy-Darsteller gefeierte Burgschauspieler robert meyer stellte sich beim Forum Sacré CSur den Fragen der Schüler/innen des Wiener Gymnasiums.

Was fasziniert Sie an der Schauspielerei?

Robert Meyer: Ich habe mich immer gern verkleidet und wollte in andere Rollen schlüpfen. Da dachte ich, es könnte ein Beruf sein, der mir bis an mein Lebensende Freude bereitet. Jeder sollte das tun, was ihm Freude macht. Faszinierend ist es auch, viele andere Leute kennen zu lernen. Außerdem steht man als Theaterschauspieler oft im Mittelpunkt, also glaube ich, dass es auch eine eitle Angelegenheit ist. Das gefällt mir.

Wie lernen Sie eine Rolle? Stimmt es, dass Sie Ihre Skripts immer bei sich tragen. Lernen Sie in der u-Bahn auch?

Meyer: (lacht) In der u-Bahn eher nicht. Das meiste lerne ich zu Hause in meinem Arbeitszimmer, und wenn ich das Ganze einigermaßen im Kopf habe, dann kopiere ich mir ungefähr drei Seiten, die ich mir so richtig zusammenwurschteln kann, schnappe mir meinen Hund und gehe in den Prater spazieren. Dort lerne ich weiter. Es wäre mir peinlich, als Schauspieler enttarnt zu werden, denn oft denken Leute, die jemanden einen ordentlichen Text auswendig lernen sehen, er sei ein Schauspieler. Ich habe immer Schmierzettel dabei, wo ich ständig nachsehen kann. Damit festigt sich der Text, denn ich bin eigentlich ein Mensch, der gerne gut vorbereitet zu den ersten Proben erscheint.

Hat ein Schauspieler mit Ihrer Erfahrung noch Lampenfieber vor einer Aufführung?

Meyer: Das Lampenfieber hat meiner Meinung nach wenig mit Erfahrung zu tun. Manchmal, besonders bei Premieren, zittere ich schon, meistens beim erstmaligen Betreten der Bühne. Es gibt Schauspieler, die überhaupt kein Lampenfieber haben, und dann wiederum welche, deren Lampenfieber mit dem Alter immer schlimmer wird.

Inwiefern ist es für Sie schwierig mit einer Person auf der Bühne zu stehen, mit der Sie sich im realen Leben nicht so gut verstehen?

Meyer: Wir sind im Burgtheaterensemble 120 Personen - da kann einfach nicht jeder mit jedem befreundet sein. Wenn ich selbst inszeniere, suche ich mir selbstverständlich immer Kollegen, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann und natürlich gab es in meiner Karriere auch Leute, die ich nicht ausstehen konnte und die mich nicht ausstehen konnten. Das ist hart.

Um da gleich anzuschließen, wie ist es, wenn Sie einen Regisseur nicht mögen? Ist es schwierig, den Anweisungen Folge zu leisten?

Meyer: Ja. Ja, sicher. Das ist ganz schwierig. Wenn man mit zehn Regisseuren zusammenarbeitet, dann entwickeln sich klarerweise Sympathien für einige von ihnen; und dann gibt es solche, mit denen man nie wieder zusammenarbeiten möchte und bei denen man sich das sogar in den Vertrag schreiben lässt.

Wie kommt man zu einer Rolle?

Meyer: Normalerweise wird man vom Direktor beauftragt, eine Rolle zu spielen. Der wiederum spricht sich mit dem Regisseur ab. Nach einer Einigung erhält man dann den Rollenauftrag. Man kann eine Rolle natürlich auch ablehnen, wenn man sagt, dass man das nicht kann, z. B. wenn man splitternackt über eine Bühne rennen müsste. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen sich Schauspieler ihren Ruf verdorben haben, weil sie Rollen wegen kleiner, nebensächlicher Dinge nicht angenommen haben und in der Folge drei Jahre keine Angebote mehr bekommen haben.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch einmal in Ihrem Leben spielen möchten?

Meyer: Das ist die Frage, die mir am öftesten gestellt wird. Und meine Antwort lautet: nein. Denn alles, was ich bisher gespielt habe, habe ich mir nicht gewünscht. Und ich denke mir, das ist alles so schön dahergeflogen, und ich hoffe und denke, es fliegt auch weiter.

Was war bisher Ihre herausforderndste Rolle?

Meyer: Eine Rolle, die ich als sehr anstrengend empfand, aber auch als sehr interessant, war in Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi". Ich spielte Professor Ebenwald, den Gegenspieler des Prof. Bernhardi. Der Text war sehr schwierig, die alte wienerische Sprache machte mir sehr zu schaffen. Ich habe das aber sehr gerne gespielt. Und eine jener Rollen, die für mich sehr wichtig waren, war der Titus Feuerfuchs im "Talisman".

Gehen Sie privat auch ins Theater?

Meyer: Berechtigte Frage! Ich gehe in unser Theater. Ich gehe ab und zu in ein anderes Schauspiel. Ich gehe aber noch lieber ins Musiktheater. Ich liebe es, in die Oper zu gehen.

Kritisieren Sie dabei andere Schauspieler und denken sich, das hätte ich anders gemacht?

Meyer: Also, das ist ganz klar. Wenn man als Schauspieler in einem Stück sitzt und sich das ansieht, hat man einen noch kritischeren Zugang als ein "normaler" Beobachter. Ich denke mir entweder: "Wow, der ist wirklich sensationell!" Manchmal aber denke ich mir: "O du lieber Heiland!" Es kann einen schon wahnsinnig machen. Ich geh' aber dann nicht in die Kantine und sage: "Kinder, ihr wart so schlecht!". Mir hat mal jemand so etwas gesagt, wir wurden aber kurz darauf Freunde (lacht).

Was macht für Sie persönlich Nestroy so besonders? Warum spielen Sie ihn so gerne und haben sich so intensiv mit ihm befasst?

Meyer: Nestroy ist für mich in erster Linie die Sprache. Dieser Sprachwitz und diese Formulierungskunst sind für mich einzigartig. Ich finde, es steckt viel hinter den Rollen, und obwohl man ihm oft nachsagt, er habe fast alle seiner Inhalte gestohlen, hat er diese meiner Meinung nach gut verkauft und auf seine geniale Weise formuliert! Ich finde, der "Talisman" ist Nestroys bestes Stück. Titus Feuerfuchs ist für mich ein sensationeller Charakter. Bei ihm ist jeder Satz perfekt, keiner ist irgendwie unnötig.

Was macht Titus Feuerfuchs aus?

Meyer: Titus Feuerfuchs ist zu Beginn ein armer Kerl. Sein größtes Glück erfährt er, als er die rote Perücke geschenkt bekommt. Doch dann wird er zur Bestie, und wenn er ganz oben ist, fällt er wieder ins Bodenlose ... Diese Rolle hat so viele Facetten, dass es für mich immer ein Genuss war, sie zu spielen.

Wie reagiert man, wenn man den Text vergisst, und es keinen Souffleur gibt?

Meyer: Entweder man hat eine wahnsinnige Begabung und erzählt einfach irgendetwas. Die da unten merken das meistens gar nicht. Schlimm ist es allerdings im Versmaß. Wenn man da einen Schmarren baut, ist es sehr schwierig sich auszubessern. Ein berühmter Kollege fällt mir da ein: Raoul Aslan trug einmal den Erlkönig frei vor: "Erreicht den Hof mit Not und Müh' / In seinen Armen das Kind perdu". - Der Abend war gerettet ...

Glauben Sie, dass weniger junge Menschen ins Theater gehen und eher ins Kino gehen und fernsehen?

Meyer: Nein, das glaube ich nicht. Es geht sowieso nur ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung ins Theater. Es gibt immer wieder einschlägige Untersuchungen, aber wir müssen in Österreich nichts befürchten. Die Preisgestaltung trägt hier auch einiges bei: Als Schüler kriegt man an der Abendkasse im Burgtheater sogar eine Karte um sieben Euro, wenn es sich nicht um eine Premiere handelt. In Deutschland ist das etwas ganz anderes. Hier in Österreich sind noch viele fürs Theater zu begeistern.

Wie sieht es mit Ihrem Verhältnis zu den Kritikern aus?

Meyer: (räuspert sich) Nehmen wir an, es gibt zwölf Theaterkritiker in Wien. Dann weiß ich von allen, die mir gut gesonnen sind. Ich weiß von Kritikern, die mich absolut nicht ausstehen können. Als ich einmal einen von ihnen zur Rede stellte, merkte ich, dass es ein schwerer Fehler war. So nahm ich mir vor, keine Kritiken mehr zu lesen. Erst vor kurzem, seit dem "Tannhäuser" (die Nestroy'sche Wagner-Parodie hatte im Dezember am Burgtheater Premiere; Anm.), habe ich wieder Kritiken gelesen, da ich von allen Seiten zu hören bekommen habe, meine Kritiken seien so gut ...

Transkribiert von Magdalena Pijanowski und Patrick Altmann (8b).

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