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Gesellschaft

In vielen Familien ist "der Ofen aus"

1945 1960 1980 2000 2020

In modernen Familien herrschen oft nur mehr "Mikrowellen-Beziehungen": intensiv, aber kurz. Der Autor, Kinderpsychologe in Innsbruck, warnt vor einer solchen elterlichen Zeitökonomie.

1945 1960 1980 2000 2020

In modernen Familien herrschen oft nur mehr "Mikrowellen-Beziehungen": intensiv, aber kurz. Der Autor, Kinderpsychologe in Innsbruck, warnt vor einer solchen elterlichen Zeitökonomie.

Nach jahrelangem parteipolitischem Gezänk um Kinderbetreuung und Karenzgeld, nach bis zum Überdruß medial verbreiteten Horrormeldungen über familiäre Gewalt und sexuellen Mißbrauch, über Prügelväter, Scheidungskriege und Amokläufe wird allmählich klar: Beim Thema Familie muß es künftig um Grundsätzlicheres gehen. Dies nicht nur, weil die "Urzelle des Staates" ihre Reproduktionsfunktion aufgrund der gesunkenen Geburtenrate nicht mehr erfüllen kann. Die Diskussion muß radikaler geführt werden, weil die moderne Familie an Auszehrung leidet. Der Zelle geht zunehmend der Saft aus!

Fern jeder verklärenden Romantisierung muß man erkennen, daß sie historisch betrachtet noch nie einem derartigen Schwächungsprozeß ausgeliefert war wie heute. Nach der politischen Abwertung der Kernfamilie durch die 68er als einem Hort der Reaktion und Unterdrückung ist der gegenwärtige familienpolitische Zeitgeist dabei, ihr sukzessive den Rest zu geben: In alarmierendem Ausmaß werden drei der wesentlichen Ressourcen aus familiären Verbänden geplündert und ausgelagert: Zeit - Beziehung - Wärme.

Wie nie zuvor fließt die Zeit der Familienmitglieder in ihr Engagement nach "draußen". Konnte die Kernfamilie ehedem mit nur einem außerhäuslich erwerbstätigen Elternteil (in der Regel dem Vater) finanziell über die Runden kommen, so bedarf es heute meist eines zusätzlichen Einkommens. Die "Firma Familie" kann nur mehr mit zwei außerhäuslichen Planposten überleben. Vermehrter Selbstverwirklichungs- und Freizeitstreß reduziert das familiäre Zeitkonto zusätzlich.

Untersuchungen zeigen, daß sich die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, seit 1960 um zehn bis zwölf Stunden pro Woche verringert hat. Elternpaare sprechen nur noch zehn bis 15 Minuten täglich miteinander. Als eine Art "Boxenstopp" bezeichnet der Chefredaktuer der Zeitschrift von "Psychologie Heute", Heiko Ernst, den Aufenthalt in der Familie von heute: Kurze Verweildauer, schnelle Befriedigung der Bedürfnisse - Essen, Kleiderwechsel, Austausch von Informationen - und weiter geht das Rennen ...

Zeitmangel beeinträchtigt das emotionale Familienklima nachhaltig. Statt ruhiger Gelassenheit beherrscht das Motto "Hetzen statt Herzen" den Umgang mit Kindern. Die amerikanische Ideologie der "quality-time" vermittelt die trügerische Hoffnung, Kontakte wären umso besser, je kürzer und intensiver sie angelegt sind. In der kindlichen Wahrnehmung setzt sich derartige elterliche Zeitökonomie allerdings eher unter dem Titel Elternraub fest. Dies vor allem dann, wenn die gesamte Familienwelt der Erwerbswelt untergeordnet und vorrangig von Elterninteressen geprägt ist. Kinder sind dann - wie Paul Zulehner formuliert - nur noch "Störfaktoren für das Life-Design", für die Lebensentwürfe von Mann und Frau.

Die zunehmende Absorption von Zeit aus familiären Verbänden kann mit den Argumenten von Armutsgefährdung und Selbstverwirklichung allein nicht erklärt und akzeptiert werden. Es sind immer auch kollektive und individuelle Wertentscheidungen, wie elterlicher Ego-Kult, Konsum- und Kommerzwahn, die - überspitzt formuliert - ausgelagerte Familienzeit in wertlosen Müll verwandeln. Denn nach ein paar Jahren ist auch das teurere Auto Schrott und der Zweit- und Drittfernseher im Kinderzimmer defekt ...

Zeitmangel hat zur Folge, daß Leistungen, die ehedem in den Familien selbst erbracht wurden, neuerdings vermehrt ausgelagert werden müssen. Die moderne Familie betreibt Outsourcing in großem Umfang. Wie ein kleiner Wirtschaftsbetrieb vergibt die Familie ihre zuvor jahrhundertelang selbst erbrachten Kernleistungen an staatliche Institutionen beziehungsweise an ein wachsendes Netz von Dienstleistungsangebot rund ums Kind.

Ein Heer von Psychologen, Psychotherapeuten, Beratungslehrern, Sozialarbeitern, Freizeitpädagogen tritt als Substitut für eine ermattete Familie auf.

Der deutsche Erziehungswissenschaftler Herrmann Giesecke ("Das Ende der Erziehung") weist darauf hin, daß das Kind durch dieses pädagogische Outsourcing zum Opfer vielfältiger, letztlich aber persönlich unverbindlicher Kompetenzen wird. Es wird gleichsam ständig weitergereicht und niemand ist mehr verantwortlich. Trotz - oder gerade wegen - dieser Expertenhilfe wissen Eltern heute weniger als zuvor, was richtig und was falsch ist. Einen großen Teil ihrer früheren Autorität, Traditionen und Rituale haben sie verloren, und ihrer Intuition wagen sie kaum mehr zu trauen. Hilflos sind sie dem pädagogischen Zeitgeist ausgeliefert.

Scheidung, Vaterlosigkeit, fehlende Geschwisterbeziehungen und die Auslagerung alter Menschen sind weitere Phänomene eines sozialen Entsorgungssogs, in den die moderne Familie hineingeraten ist. Das hohe Maß qualitativer und quantitativer Auslagerung von Beziehung verändert die soziale Binnenstruktur der Familie nachhaltig.

Viele Heranwachsende erleben nicht mehr jenes kinderpsychologisch unumgänglich notwendige Mindestmaß an Gesichertheit, Verläßlichkeit und Stabilität. Statt zum Ort verläßlicher Geborgenheit ist Familie für viele zu einem Beziehungslabyrinth geworden: undurchschaubar und verunsichernd.

Treffend charakterisiert Ulrich Beck familiäre "Beziehungskisten": "Es ist heute nicht mehr klar, ob man heiratet, wann man heiratet, ob man zusammenlebt und nicht heiratet, heiratet und nicht zusammenlebt, ob man das Kind innerhalb oder außerhalb der Familie empfängt oder aufzieht - mit dem, mit dem man zusammenlebt oder mit dem, den man liebt, der aber mit einer anderen zusammenlebt, vor oder nach der Karriere oder mittendrin."

In vielen Familien ist "der Ofen aus". Und das sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn. Nicht nur, daß die - immer kleiner werdenden - Küchen immer öfter kalt bleiben und das Kind beim Heimkommen von der Schule statt einem liebevoll angerichteten Essen und einer/einem ruhig-gelassenen Mutter/Vater auf das Gefriermenü vor der Mikrowelle reduziert ist, fehlende Nestwärme hat viele Gesichter. Die kalte Küche ist quasi die physikalische Ausdrucksform für den Wärmeverlust des modernen Kinderalltags, mangelnde Zuwendung die psychische. Der Mangel am "Nahrungsmittel" Zuwendung ist die meist verbreitete Form von Kindesmißhandlung.

Das Grundmuster der reduzierten Küchenkultur vieler moderner Familien durchzieht auch deren familiär-menschliche Beziehungen: Mikrowellen-Beziehungen, möglichst kurz aber intensiv! Im Kontakt mit dem Kind manifestieren sich eilig-ungeduldige Umgangsformen und häufig ein Gesprächsklima des punktuellen Abfragens von Informationen: Welche Note hast du im Test? Ist die Aufgabe schon fertig ...? Denn langsames Garen der Gesprächsthemen bräuchte Zeit und Muße, wird im praktischen Familienalltag aber nur allzuoft verdrängt von den im Hintergrund lodernden elektronischen Herdfeuern wie TV und PC. Die elektronischen Medien haben sich in Familien zu Gesprächskillern, zu gefräßigen Absorbern von Zeit, Beziehung und Wärme entwickelt.

Die skizzierten Auslagerungsprozesse haben die "Zelle Familie" stark geschwächt. Innere Leere, Identitätsprobleme, Orientierungsschwierigkeiten, Aggression und Sucht sind Signale für die defizitäre Entwicklung dieses wichtigsten aller kindlichen Lebensräume. Der deutsche Autor Rüdiger Safransky sieht die größte Bedrohung für die Familie in jenen Kräften, die die Familie aus ökonomischen Gründen zerstören. Weil von der Familie totale Flexibilität verlangt wird, werden Kinder dauernd aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissen - "sie werden behandelt wie ein Reisegepäck unserer Mobilitätsathleten". Daher fordert er Mut, "auf fruchtbare Weise altmodisch zu sein".

Was das auf der politischen Ebene heißen könnte, geht aus dem jüngsten Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichtes hervor. Dieses hat ein deutliches Signal für die Familie gesetzt und die krasse steuerliche Benachteiligung vieler Familien gegenüber Kinderlosen korrigiert. Begründung: Kinder kosten Zeit und Geld! Wenn es um die Familienpolitik für das 21. Jahrhundert geht, dann sollte Schluß sein mit Prioritätenverwirrung und einseitigen parteipolitischen Reflexen. Die Zelle braucht neuen Saft, eine familienpolitische Frischzellenkur ist überfällig!

Aber es geht nicht nur um die Familienpolitik im großen. Auch der einzelne kann Prioritäten setzen. Jedes Elternpaar macht ja auch seine individuelle Familienpolitik - durch die praktische Umsetzung von Werthaltungen und den bewußteren Einsatz der eigenen Ressourcen. Und da kann man Safransky nur zustimmen: Wenn es um Familie geht, könnten wir tatsächlich wieder etwas altmodischer sein!

Nach jahrelangem parteipolitischem Gezänk um Kinderbetreuung und Karenzgeld, nach bis zum Überdruß medial verbreiteten Horrormeldungen über familiäre Gewalt und sexuellen Mißbrauch, über Prügelväter, Scheidungskriege und Amokläufe wird allmählich klar: Beim Thema Familie muß es künftig um Grundsätzlicheres gehen. Dies nicht nur, weil die "Urzelle des Staates" ihre Reproduktionsfunktion aufgrund der gesunkenen Geburtenrate nicht mehr erfüllen kann. Die Diskussion muß radikaler geführt werden, weil die moderne Familie an Auszehrung leidet. Der Zelle geht zunehmend der Saft aus!

Fern jeder verklärenden Romantisierung muß man erkennen, daß sie historisch betrachtet noch nie einem derartigen Schwächungsprozeß ausgeliefert war wie heute. Nach der politischen Abwertung der Kernfamilie durch die 68er als einem Hort der Reaktion und Unterdrückung ist der gegenwärtige familienpolitische Zeitgeist dabei, ihr sukzessive den Rest zu geben: In alarmierendem Ausmaß werden drei der wesentlichen Ressourcen aus familiären Verbänden geplündert und ausgelagert: Zeit - Beziehung - Wärme.

Wie nie zuvor fließt die Zeit der Familienmitglieder in ihr Engagement nach "draußen". Konnte die Kernfamilie ehedem mit nur einem außerhäuslich erwerbstätigen Elternteil (in der Regel dem Vater) finanziell über die Runden kommen, so bedarf es heute meist eines zusätzlichen Einkommens. Die "Firma Familie" kann nur mehr mit zwei außerhäuslichen Planposten überleben. Vermehrter Selbstverwirklichungs- und Freizeitstreß reduziert das familiäre Zeitkonto zusätzlich.

Untersuchungen zeigen, daß sich die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, seit 1960 um zehn bis zwölf Stunden pro Woche verringert hat. Elternpaare sprechen nur noch zehn bis 15 Minuten täglich miteinander. Als eine Art "Boxenstopp" bezeichnet der Chefredaktuer der Zeitschrift von "Psychologie Heute", Heiko Ernst, den Aufenthalt in der Familie von heute: Kurze Verweildauer, schnelle Befriedigung der Bedürfnisse - Essen, Kleiderwechsel, Austausch von Informationen - und weiter geht das Rennen ...

Zeitmangel beeinträchtigt das emotionale Familienklima nachhaltig. Statt ruhiger Gelassenheit beherrscht das Motto "Hetzen statt Herzen" den Umgang mit Kindern. Die amerikanische Ideologie der "quality-time" vermittelt die trügerische Hoffnung, Kontakte wären umso besser, je kürzer und intensiver sie angelegt sind. In der kindlichen Wahrnehmung setzt sich derartige elterliche Zeitökonomie allerdings eher unter dem Titel Elternraub fest. Dies vor allem dann, wenn die gesamte Familienwelt der Erwerbswelt untergeordnet und vorrangig von Elterninteressen geprägt ist. Kinder sind dann - wie Paul Zulehner formuliert - nur noch "Störfaktoren für das Life-Design", für die Lebensentwürfe von Mann und Frau.

Die zunehmende Absorption von Zeit aus familiären Verbänden kann mit den Argumenten von Armutsgefährdung und Selbstverwirklichung allein nicht erklärt und akzeptiert werden. Es sind immer auch kollektive und individuelle Wertentscheidungen, wie elterlicher Ego-Kult, Konsum- und Kommerzwahn, die - überspitzt formuliert - ausgelagerte Familienzeit in wertlosen Müll verwandeln. Denn nach ein paar Jahren ist auch das teurere Auto Schrott und der Zweit- und Drittfernseher im Kinderzimmer defekt ...

Zeitmangel hat zur Folge, daß Leistungen, die ehedem in den Familien selbst erbracht wurden, neuerdings vermehrt ausgelagert werden müssen. Die moderne Familie betreibt Outsourcing in großem Umfang. Wie ein kleiner Wirtschaftsbetrieb vergibt die Familie ihre zuvor jahrhundertelang selbst erbrachten Kernleistungen an staatliche Institutionen beziehungsweise an ein wachsendes Netz von Dienstleistungsangebot rund ums Kind.

Ein Heer von Psychologen, Psychotherapeuten, Beratungslehrern, Sozialarbeitern, Freizeitpädagogen tritt als Substitut für eine ermattete Familie auf.

Der deutsche Erziehungswissenschaftler Herrmann Giesecke ("Das Ende der Erziehung") weist darauf hin, daß das Kind durch dieses pädagogische Outsourcing zum Opfer vielfältiger, letztlich aber persönlich unverbindlicher Kompetenzen wird. Es wird gleichsam ständig weitergereicht und niemand ist mehr verantwortlich. Trotz - oder gerade wegen - dieser Expertenhilfe wissen Eltern heute weniger als zuvor, was richtig und was falsch ist. Einen großen Teil ihrer früheren Autorität, Traditionen und Rituale haben sie verloren, und ihrer Intuition wagen sie kaum mehr zu trauen. Hilflos sind sie dem pädagogischen Zeitgeist ausgeliefert.

Scheidung, Vaterlosigkeit, fehlende Geschwisterbeziehungen und die Auslagerung alter Menschen sind weitere Phänomene eines sozialen Entsorgungssogs, in den die moderne Familie hineingeraten ist. Das hohe Maß qualitativer und quantitativer Auslagerung von Beziehung verändert die soziale Binnenstruktur der Familie nachhaltig.

Viele Heranwachsende erleben nicht mehr jenes kinderpsychologisch unumgänglich notwendige Mindestmaß an Gesichertheit, Verläßlichkeit und Stabilität. Statt zum Ort verläßlicher Geborgenheit ist Familie für viele zu einem Beziehungslabyrinth geworden: undurchschaubar und verunsichernd.

Treffend charakterisiert Ulrich Beck familiäre "Beziehungskisten": "Es ist heute nicht mehr klar, ob man heiratet, wann man heiratet, ob man zusammenlebt und nicht heiratet, heiratet und nicht zusammenlebt, ob man das Kind innerhalb oder außerhalb der Familie empfängt oder aufzieht - mit dem, mit dem man zusammenlebt oder mit dem, den man liebt, der aber mit einer anderen zusammenlebt, vor oder nach der Karriere oder mittendrin."

In vielen Familien ist "der Ofen aus". Und das sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn. Nicht nur, daß die - immer kleiner werdenden - Küchen immer öfter kalt bleiben und das Kind beim Heimkommen von der Schule statt einem liebevoll angerichteten Essen und einer/einem ruhig-gelassenen Mutter/Vater auf das Gefriermenü vor der Mikrowelle reduziert ist, fehlende Nestwärme hat viele Gesichter. Die kalte Küche ist quasi die physikalische Ausdrucksform für den Wärmeverlust des modernen Kinderalltags, mangelnde Zuwendung die psychische. Der Mangel am "Nahrungsmittel" Zuwendung ist die meist verbreitete Form von Kindesmißhandlung.

Das Grundmuster der reduzierten Küchenkultur vieler moderner Familien durchzieht auch deren familiär-menschliche Beziehungen: Mikrowellen-Beziehungen, möglichst kurz aber intensiv! Im Kontakt mit dem Kind manifestieren sich eilig-ungeduldige Umgangsformen und häufig ein Gesprächsklima des punktuellen Abfragens von Informationen: Welche Note hast du im Test? Ist die Aufgabe schon fertig ...? Denn langsames Garen der Gesprächsthemen bräuchte Zeit und Muße, wird im praktischen Familienalltag aber nur allzuoft verdrängt von den im Hintergrund lodernden elektronischen Herdfeuern wie TV und PC. Die elektronischen Medien haben sich in Familien zu Gesprächskillern, zu gefräßigen Absorbern von Zeit, Beziehung und Wärme entwickelt.

Die skizzierten Auslagerungsprozesse haben die "Zelle Familie" stark geschwächt. Innere Leere, Identitätsprobleme, Orientierungsschwierigkeiten, Aggression und Sucht sind Signale für die defizitäre Entwicklung dieses wichtigsten aller kindlichen Lebensräume. Der deutsche Autor Rüdiger Safransky sieht die größte Bedrohung für die Familie in jenen Kräften, die die Familie aus ökonomischen Gründen zerstören. Weil von der Familie totale Flexibilität verlangt wird, werden Kinder dauernd aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissen - "sie werden behandelt wie ein Reisegepäck unserer Mobilitätsathleten". Daher fordert er Mut, "auf fruchtbare Weise altmodisch zu sein".

Was das auf der politischen Ebene heißen könnte, geht aus dem jüngsten Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichtes hervor. Dieses hat ein deutliches Signal für die Familie gesetzt und die krasse steuerliche Benachteiligung vieler Familien gegenüber Kinderlosen korrigiert. Begründung: Kinder kosten Zeit und Geld! Wenn es um die Familienpolitik für das 21. Jahrhundert geht, dann sollte Schluß sein mit Prioritätenverwirrung und einseitigen parteipolitischen Reflexen. Die Zelle braucht neuen Saft, eine familienpolitische Frischzellenkur ist überfällig!

Aber es geht nicht nur um die Familienpolitik im großen. Auch der einzelne kann Prioritäten setzen. Jedes Elternpaar macht ja auch seine individuelle Familienpolitik - durch die praktische Umsetzung von Werthaltungen und den bewußteren Einsatz der eigenen Ressourcen. Und da kann man Safransky nur zustimmen: Wenn es um Familie geht, könnten wir tatsächlich wieder etwas altmodischer sein!