Intelligenz wird weiblich

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Die Formen des Wissens ändern sich rasant, der Computer bestimmt die Berufschancen der neuen Generation. Haben Mädchen dabei Chancengleichheit?

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Die Formen des Wissens ändern sich rasant, der Computer bestimmt die Berufschancen der neuen Generation. Haben Mädchen dabei Chancengleichheit?

Mit dem zu Ende gehenden Industriezeitalter erleben die intellektuellen Anforderungen an die Menschen der westlichen Industriestaaten einen grundlegenden Wandel.

Für junge Menschen ändern sich die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Gesellschaft radikal: War der Erwerb formalen Wissens (Lehre, Diplome, akademische Titel) in der Industriegesellschaft die Voraussetzung für reguläre Arbeit, und - zumindest in Zeiten wirtschaftlicher Konjunktur - zugleich eine Art Garantie auf einen Arbeitsplatz, so zählt der Besitz von bestimmtem Wissen in Zukunft kaum noch. Die Fähigkeit, neue Probleme analysieren und lösen zu können, gewinnt gegenüber dem Eigentum an lexikalischem Wissen oder formaler Intelligenz immer mehr an Bedeutung.

Die größte Erfindung des 20. Jahrhunderts, der Computer, ebnete den Weg für eine neue Wissensexplosion, deren Auswirkungen erst im 21. Jahrhundert zu spüren sein werden.

Der allgemeinen Ratlosigkeit über die gesellschaftlichen Folgen des herannahenden Informationszeitalters hat der Schriftsteller John Updike schon 1995 in einem Beitrag für die Frankfurter Buchmesse Ausdruck verliehen. In einem fiktiven "Dialog im Cyberspace" läßt er Johannes Gutenberg, den Erfinder des Buchdrucks aus dem 15. Jahrhundert, und den Software-Milliardär Bill Gates über Bücher und Computer diskutieren.

Gutenberg war so irritiert wie die heutigen Vertreter jener Generation, die ihr Wissen noch seiner Erfindung verdanken: "Ihr sprecht von diesem weltumspannenden Internet, als reichte es über das menschliche Gehirn hinaus. Aber der Mensch ist immer noch das Maß aller Dinge." Gates, genervt über die Belehrungsversuche, antwortet ganz symptomatisch für die Computer-Generation: "Auch dieses Problem kann irgendwann behoben werden."

Die Informationsgesellschaft verlangt nach flexiblen, wendigen Menschen als "Mitspieler" im globalen Wettbewerb - und produziert damit auch Schattenseiten: Wer nicht mitkann, wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Auch für die Mitspieler selbst wird es härter: Ihr Talent, ihr Wissen, aber auch ihre Flexibilität sind gefragt, Arbeitsplatzsicherheit gibt es kaum mehr, viele werden ihre Dienste als kleine selbständige Unternehmer anbieten müssen, die Realität des globalen Marktes wird für große Konkurrenz sorgen. Durch die weltweite Vernetzung und die Möglichkeit des unbeschränkten Datentransfers wird es immer unbedeutender, wo die Software produziert wird und wo die Daten verarbeitet werden. Die Kompetenz, die in der unübersichtlichen Welt der Datenhighways und der zersplitterten Gesellschaft immer wesentlicher wird, wird eine ganz neue Form der Intelligenz brauchen.

Noch vor 100 Jahren, im Jahre 1897, war der Physiker Max Planck der Meinung, daß es sich nur um die berühmten "Ausnahmen von der Regel" handeln könne, wenn sich Frauen mit technischen Fragen beschäftigen oder ein Talent für Aufgaben im Bereich der theoretischen Physik besitzen.

Es ist, von heute zurückgerechnet, noch garnicht so lange her, daß es in Diskussionen über die Fähigkeiten von Frauen ähnliche Vorurteile gab. Frauen hätten, eben weil sie Frauen sind, andere Eigenschaften als Männer und deshalb bestimmte "Defizite". Die Ansicht, daß Aktivität, Rationalität und Wille dem Mann eigen seien, und daß Passivität, Emotionalität und Intuition zur Domäne der Frau zählen, war noch bis vor kurzem nichts ungewöhnliches. Dazu gehörte auch die Meinung, daß Frauen im abstrakten logischen Denken große Schwierigkeiten hätten.

Noch 1975 attestierte der Arbeitswissenschaftler Kroeber-Keneth den Frauen anstelle von Logik lediglich eine "Logik des Herzens" und riet allen Unternehmensleitern, dies auch bei einer Beschäftigung der Frau im Betrieb zu berücksichtigen. Man verwendete das Argument, daß Frauen irrational und emotional seien, die Naturwissenschaft und Technik aber Rationalität und Emotionslosigkeit erfordere. Gewisse Bereiche wurden als "Männerdomäne" deklariert und Frauen waren a priori ausgeschlossen.

Heute geht man davon aus, daß im Rahmen der Schule sowohl Mädchen als auch Buben rechtzeitig chancengerechte Bedingungen für ihren späteren Einstieg in die Berufswelt bekommen müssen.

In diesem Zusammenhang sind bereits wichtige Entscheidungen getroffen worden, die den Erwerb von Kenntnissen im Bereich der neuen Medien für Mädchen und Buben gleichermaßen ermöglichen. Das basiert auf der Erkenntnis, daß besondere geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf die Einstellung zum Computer und zu neuen Technologien nicht mehr feststellbar sind.

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