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"Israel hat noch nie auf einen Appell reagiert"

Das Ringen um Frieden wurde für Michel Sabbah, den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, mehr und mehr zum Mittelpunkt seines seelsorglichen, aber auch politischen Wirkens. Die furche hat Sabbah in der Jerusalemer Altstadt besucht und zum Gespräch geladen.

die furche: Sie sind der erste lateinische Patriarch, der ein Kind dieses Landes ist - für die Gläubigen sicher ein Vorteil, für Sie persönlich aber sicher schwer, denn Sie leiden mit diesem Volk wohl besonders mit. Wie sehen Sie die derzeitige Situation, vor allem jene der Christen?

michel sabbah: Wir Christen in diesem Land sind Palästinenser. Wir sind Teil des palästinensischen Volkes und damit auch Teil der palästinensischen Frage. Wir fordern unsere Freiheit, denn wir leben bis heute unter einem Regime israelischer, militärischer Besatzung. Wir haben keinen Anteil an den demokratischen Strukturen Israels, sondern haben es vor allem mit der Armee zu tun. Es gibt daher weder zivile Rechte, noch ein normales ziviles Leben. Wir sind in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und nicht imstande, uns wirtschaftlich zu organisieren. Gerade jetzt sind alle palästinensischen Dörfer und Städte abgeriegelt. Wir können uns nicht von einem Dorf zum anderen bewegen. Die Menschen haben es unendlich schwer in diesen Tagen. Die Last des Alltags ist erdrückend, der Kampf um das tägliche Brot ist hart. Etwa 80 Prozent der Leute sind arbeitslos. Wir versuchen nach Kräften zu helfen, aber ich wundere mich selber oft, wie diese Menschen es überhaupt noch schaffen zu überleben.

die furche: Viele Palästinenser sagen, sie fühlten sich wie in einem Gefängnis. Das hat doch sicherlich nicht nur materielle Folgen ...

sabbah: Richtig. Ich mache mir große Sorgen, was die soziale Desintegration betrifft. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden immer schwieriger und so kommt es immer öfter zu inneren Konflikten unter den Christen, unter den Muslimen und zwischen Christen und Muslimen. Ich meine, selbst wenn wir eines Tages Frieden haben und die materielle Situation sich bessert, werden diese sozialen und moralischen Wunden sehr lange brauchen um zu heilen.

die furche: Ihr Hirtenbrief aus der Fastenzeit war sowohl ein dramatischer Appell, die Solidarität untereinander zu stärken, als auch ein Appell an die Israelis, der in dem Satz gipfelte: "Wenn Ihr schon zerstören müsst, dann zerstört unsere Kirchen, nicht aber die Häuser der Menschen." Kam ein Echo von Seiten der Israelis?

sabbah: Keines, nichts. Im Gegenteil, die Zerstörungen haben zugenommen, davon konnten Sie sich ja selber in Betlehem überzeugen. Die Israelis haben noch nie auf irgendeinen Appell reagiert. Ich meine, wir wissen, Israel braucht Sicherheit, das jüdische Volk muss in Frieden leben können. Selbstverständlich. Aber auch das palästinensische Volk braucht Frieden, muss in Gerechtigkeit und Würde leben können. Aber ob das kommen wird, hängt einzig und alleine von der israelischen Regierung ab. Würde die israelische Regierung heute eine Erklärung abgeben, in der es hieße, lasst uns miteinander reden und klären, wie die Palästinenser wieder in den Besitz wenigstens eines Teiles ihres Landes kommen können, und würde eine solche Erklärung ehrlich sein, hätte jede Gewalt sofort ein Ende.

die furche: Was wäre die Voraussetzung für einen solchen Schritt?

sabbah: Ich hoffe, dass das israelische Volk eines Tages neue Führer bekommt, die die nötige Vision und die Courage haben, einen solchen Schritt zu setzen und sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen.

die furche: Israel leidet, weil immer wieder Israelis durch Attentate zu Schaden kommen. Es leidet inzwischen aber auch wirtschaftlich. Verstehen Sie, warum man zu keiner Einsicht kommt?

sabbah: Die Israelis leben in Angst, in ständiger Angst vor der palästinensischen Gewalt. Aber die israelische Bevölkerung sollte sich fragen, warum es zu dieser Gewalt kommt, wo die Ursachen, die Gründe dafür zu suchen sind. Ich meine, diese verzweifelten jungen Leute greifen ja nicht zur Gewalt, weil sie die Israelis hassen, sondern weil sie keinen Boden mehr unter den Füßen haben, keine Zukunft sehen. Man müsste den Israelis die Augen öffnen, ihr Gewissen wach rütteln, sie dazu bringen, Druck auf ihre Regierung auszuüben, damit den Palästinensern Gerechtigkeit widerfährt.

die furche: Viele wundern sich, wie wenig die meisten Israelis über das wissen, was nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort entfernt, im Namen ihrer Sicherheit geschieht.

sabbah: Ja, die Information über diesen ganzen Konflikt dient niemandem und schon gar nicht den Israelis selbst. Da wird ein Bild produziert, das die Regierung gerne hätte. Sie zeigen sich als Angegriffene, als Opfer und stempeln die Palästinenser als Terroristen ab. Das vermitteln die hiesigen Medien der Welt. Aber dieses Bild wird nicht dazu beitragen, die Probleme zu lösen, weil es einfach falsch ist. Die Palästinenser sind keine Terroristen. Sie leisten Widerstand, um endlich von der militärischen Besatzung befreit zu werden.

die furche: Wie schätzen Sie Yassir Arafat ein?

sabbah: Arafat ist ehrlich. Ich kenne ihn, seit er wieder im Lande ist. Er ist ehrlich, er will einen gerechten Frieden, damit sein Volk in Würde und Gerechtigkeit im eigenen Land leben kann. Die Palästinenser werden friedliche Nachbarn sein, mehr noch, sie werden die Beschützer Israels sein aufgrund ihrer Beziehungen zur arabischen Welt. Wenn die Palästinenser unzufrieden sind und Israel als Feind betrachten müssen, wird Israel für die arabischen Staaten ein Feind sein. Das wissen die Israelis, und ich kann einfach nicht verstehen, warum sie nicht die nötigen Friedensschritte machen.

die furche: Sind nicht die Frage Jerusalem und das Flüchtlingsproblem heikler als die Landfrage?

sabbah: Alle Probleme werden sich lösen, sobald die israelischen Führer sich zum Frieden entschließen. Für Jerusalem, für die Flüchtlinge, für die Siedlungen, für alles wird es eine Lösung geben. Nicht die Lösungen fehlen, sondern ein ehrlicher, politischer Wille auf Seiten der Israelis.

die furche: Als anderes großes Problem wird die zunehmende Auswanderung der Christen gesehen, die das Leben hier nicht mehr ertragen können.

sabbah: Das ist nicht nur ein christliches Problem. Alle gehen weg, auch Muslime, auch Israelis, weil es eben keine politische und soziale Stabilität im Land gibt. Aber natürlich ist die Emigration der christlichen Bevölkerung dramatischer, weil wir ohnehin so wenige sind. Wenn Muslime oder Juden weggehen, bleiben immer noch Millionen, aber wenn christliche Familien das Land verlassen, bleiben nur noch ein paar tausend. Ich meine, irgendeine christliche Präsenz wird es immer geben, wenn auch eine sehr geschwächte. Das ist für das Land Jesu schon eine schlimme Sache. Das einzige, was wir dagegen tun können, ist, den Menschen trotz allem Mut zu machen und ihre Hoffnung zu stärken. Das ist heute unsere erste Pflicht, den Menschen Hoffnung zu geben.

die furche: Welche Rolle spielt Amerika in diesem Konflikt?

sabbah: Die amerikanische Administration will das jüdische Volk schützen. Das ist schon in Ordnung. Nur, was die Amerikaner durch ihre jetzige Politik erreichen, ist das genaue Gegenteil. Statt dem jüdischen Volk beizustehen, sorgen sie dafür, dass Israel von immer mehr Feinden umgeben ist. Das ist nicht der Weg, um jemanden zu schützen. Willst du dieses Volk wirklich schützen, solltest du ihm Freunde in der Region schaffen. Aber die US-Politik verschafft Israel Feinde, also müsste Amerika seine Politik ändern. Das hieße: Gerechtigkeit für Palästina. Das ist doch nicht sehr viel verlangt. Was die Palästinenser fordern, ist nicht ist eigentlich nur selbstverständlich und lebensnotwendig. Wenn du die Palästinenser zu ihrem Recht kommen lässt und sie zu Freunden machst, hast du wirklich etwas getan um Israel zu schützen.

die furche: Ist jetzt, nach dem 11. September nicht alles noch schlimmer?

sabbah: Ja. Die Situation ist noch konfuser geworden durch dieses Konzept eines weltweiten Krieges gegen den Terrorismus. Während die Welt nach Afghanistan schaut, geht hier alles weiter seinen grausamen Gang mit all den Bomben, Panzern und Bulldozern. Meine einzige Hoffnung sind jene etwas hellsichtigeren Menschen, die meinen, man müsste doch erst recht jetzt genauer hinschauen und prüfen, ob nicht eine rasche Lösung des Palästinaproblems einen Beitrag leisten könnte, das Problem des Terrorismus zu entschärfen. Wenn solche Stimme sich Gehör verschaffen könnten, wäre dies ein Licht am Ende des Tunnels.

Das Gespräch führte Dolores Bauer.

Zur Person: "Er ist schwer in Ordnung"

Vor 14 Jahren wurde Michel Sabbah am 11. Dezember 1987 in sein Amt eingeführt. In den ersten Jahren seiner Amtszeit eher als farblos eingestuft, hat er an Profil gewonnen und ist sozusagen mit der Eskalierung des israelischen-palästinensischen Konflikts gewachsen. Michel Sabbah ist der erste der lateinischen, also römisch-katholischen Patriarchen, der aus dem Land selbst stammt. Im März 1933 wurde er als Kind palästinensischer Eltern in Nazareth geboren. Er hat seine Studien im arabischen Raum absolviert und mit einer Dissertation über die "Philologie der arabischen Sprache" in Beirut abgeschlossen. Zuerst war er Pfarrer der Christkönig-Kirche in Amman und gleichzeitig Schuldirektor. Später wurde er Präsident der Universität in Betlehem, bevor er im Patriachatsrat tätig und schließlich zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in Jerusalem ernannt wurde. Er fühlt sich als Palästinenser und setzt sich mit aller Kraft für die brennenden Anliegen seines Volkes ein - ohne Ansehen der Religion.Wenn man nach Michel Sabbah fragt, heißt es unisono von Menschen aller Glaubensrichtungen: "Er ist einer der unseren und schwer in Ordnung."

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