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Ja müssen denn alle reisen?

Nachts, wenn in der Ferne die Züge pfeifen - dann dreh ich mich im Bett herum und denke: reisen ... schrieb einst Kurt Tucholsky. Einer, der viel herumgekommen ist zwischen Berlin, Paris, Schloß Gripsholm und den Pyrenäen, und das in einer Zeit, als es noch vier Arbeitstage und 238 Franken kostete, bis alle Eintragungen und Papiere beisammen waren, damit der in Paris lebende Berliner die Grenze überschreiten durfte. Weil es so schwierig und so teuer war, und die Leute wenig Urlaub hatten, hieß Reisen damals, daß dort, wo der Fremde hinkam, noch keine Fremden waren. Oder wenigstens nicht allzuviele, obwohl der spanische Philosoph Jose Ortega y Gasset seinen berühmten "Aufstand der Massen" im selben Jahr geschrieben hatte wie Tucholsky sein "Pyrenäenbuch", nämlich 1930.

Ortega begann den "Aufstand" mit einer indignierten Betrachtung darüber, daß die Massen - wie frech! - nach allem griffen, alles konsumierten, alles für sich beanspruchten, was einst Vorrecht einer Minderheit gewesen war, Theater, Oper, Hotels, Züge, Strände, und darüber, daß nun alles voll Menschen war, wo man einst Platz gehabt hatte, und daß sich daher jede Exklusivität aufgehört hatte.

Die feinen Leute waren also auf Reisen schon damals nicht mehr unter sich, aber wenigstens war man dann und wann da oder dort an einem schönen Ort noch ein Weilchen allein. Heute muß man schon im August nach Madrid fahren, um ein großes Ambiente nicht mit zehn schwitzenden Körpern pro Quadratmeter teilen zu müssen. Madrid im August hat der Tourist noch fast für sich. Dort kann er sich noch verlaufen. In der Sahara kann ihm das nicht mehr passieren, dort stolpert er unweigerlich dem Typ in die Arme, dessen Gelaber ihn im Vorjahr beim Aufstieg auf den Mount Everest so genervt hat. Extremtourismus ist ein besonders hilfloser Versuch, in einer überfüllten Welt wenigstens im Urlaub etwas Besserers zu sein als die anderen. Da jeder etwas Besserers sein möchte, lassen sich Flüsse mit Rafting gewinnbringender ausnützen als mit Wasserkraftwerken, die flächendeckende Besetzung der Himalayahänge mit Bergsteigern ist abzusehen, bloß der Quadratmeterertrag der Sahara hinkt dem eines Supermarktes noch hoffnungslos hinterher. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ortega würde staunen: Der Demokratisierung des Reisens folgte die Demokratisierung des Naserümpfens über die anderen Reisenden. Seit eine Zweidrittelmehrheit die Nase über alle anderen rümpft, ist die Frage, ob es der Reisenden nicht längst zuviele sind, nicht mehr von der Hand zu weisen und der reisende Egoist stöhnt: Ja müssen denn alle reisen?

Die meisten Soziologen neigen zur Ansicht, daß dieser unbefriedigende Zustand ursächlich irgendwie damit zusammenhängen dürfte, daß der Reisende zum Urlauber verkommen ist. Welcher Abstieg! Aber auch der Tourist ist, weil meistens seinerseits ein Urlauber, kein klassischer Reisender mehr und reist meist auch gar nicht aus eigenem Antrieb und freien Stücken.

Vielmehr müssen wir als pflichtbewußte Konsumenten fliegen, fahren und mindestens einmal pro Jahr mehrere Wochen lang der vertrauten Kost entraten, auf daß die Flieger und die Hotels und die Strände voll werden und die Airlines und Hoteliers und Reisebüros bis herunter zu den Strandeisverkäufern nicht pleite gehen und dadurch noch mehr Arbeitsplätze futsch sind. Müßte nicht aus besagten volkswirtschaftlichen Gründen die Werbung brave, seßhafte Menschen, die viel lieber an der Alten Donau ihren G'spritzten trinken würden, was sie sich natürlich selbst nie eingestehen, aus ihren Wohnungen in die Boeings, Air- und Autobusse und nach Feuerland, zu den Steinzeitdenkmälern der Bretagne und an die Strände zerren, wo sie in der prallen Sonne auf den Hautkrebs sparen, könnte die Welt sowohl für die Reisenden als auch für die Daheimbleibenden viel schöner sein. Der freiwillig Reisende wird nämlich nicht aussterben. In Gottes Tiergarten beziehungsweise der von der Evolution hervorgebrachten Variationsbreite der menschlichen Seltsamkeiten ist auch er vorgesehen. Den homo sapiens sapiens migrans, den von Fernweh, Neugierde oder beidem zum Reisen gezwungen Menschen, gibt es tatsächlich. Unter den Briten kommt er schon besonders lange vor, wobei es sich, falls die Anfälligkeit für die Fernwehkrankheit nicht in der Royal Navy herausgemendelt wurde, entweder um ein Wikingisches Erbe oder schlicht um eine Reaktion auf das naßkalte Wetter handelt. Ins ferne Indien verbannte Kolonialbeamte sollten noch an die 150 Jahre lang mit der einen Hand verzweifelt ihr Whiskysodaglas fest- und mit der anderen das Empire zusammenhalten, während die Fortgeschritteneren längst, sich mit Pfundnoten den Weg freischießend, die Riviera eroberten und kühn nach Spanien vorstießen. Die Kolonialbeamten und Soldaten fanden sich plötzlich als lebende Fossilien wieder, während die jungen Herren aus gutem Haus auf ihren obligaten Bildungsreisen eine der schönsten Passionen des Menschen neben LWW (Liebe, Wein und Wissenschaft) entdeckten, eben das Reisen.

Damit dürfte klargestellt sein, daß man einen Menschen, der reisen will, weil er, einem aus der Tiefe seines Wesens aufsteigenden Triebe folgend, reisen muß, am Reisen nicht hindern soll und nicht hindern darf. Der Typ soll ja ursprünglich sehr selten gewesen sein. Bis tief in Goethes Lebzeiten hinein war das Reisen derart anstrengend, unbequem und gefährlich, daß man, wenn man nicht unbedingt reisen mußte, zu Hause blieb. Herrscher, Kaufleute und Missionare mußten reisen, Karl der Große übte, bemitleidenswert, seinen Beruf angeblich überhaupt nur auf Klappsesseln aus. Abgesehen von den brutalen praktischen Notwendigkeiten reiste man um seines Seelenheils willen, indem man sich auf Pilgerfahrt begab, und zwar aus Sicherheitsgründen in Gesellschaft und nicht immer hinlänglich mit Barmitteln ausgestattet, woran das auf den Pilger verweisende wienerische Schimpfwort "Pülcher" erinnert. Gepilgert wird, selbstverständlich auf Vorauszahlung, auch heute noch, womit man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Abgesehen vom damit erworbenen Verdienst um das Seelenheil begibt man sich an von der Heimat weit entfernte heilige Orte, wo keine Kenntnis der lokalen kirchlichen Interna die Andacht stört.

Aber die Pilger sind ja ein Sonderfall, Reisende weder um des Vergnügens noch um des Geschäftes, sondern der Seele willen. Sie sind Zwitterwesen zwischen den Geschäftsreisenden, die mit geschmalzenen Flugpreisen ausgenommen werden wie Weihnachtsgänse und für einen Hupfer nach Zürich mehr zahlen als der Tourist für eine Reise in die USA, und den Touristen. Letztere zerfallen in zwei große Gruppen: Eine Minderheit, die auf jeden Fall reisen würde, und die große Mehrheit jener, die von der Werbung und vom Beispiel der anderen dazu verführt wird.

Diese Art des Reisens grassiert erst seit einigen Jahrzehnten. Zweimal besuchte der Autor dieser Zeilen die Dolmen und Menhire in der Bretagne, jene geheimnisumwitterten, vor Jahrtausenden aufgerichteten Steingräber und einzelnen Steine - das erstemal anno 1960, und dann noch einmal, zwei Jahrzehnte später. Im nahen Plouharnel gab es 1960 nur einen verschlafenen Dorfplatz und einen Gasthof mit armen Leuten in der Gaststube und Zimmern im Obergeschoß, die nur selten einen Fremden sahen, und zur spektakulärsten Hinterlassenschaft der Steinzeitmenschen in der Bretagne, über tausend in mehreren Reihen aufgestellten Steinen, mußte man sich mühsam durchfragen: "Die Steine suchen Sie? Ja, dort, wo die alte Frau die Ziegen hütet, steht der erste!" 20 Jahre später war der Dorfplatz zum Hauptplatz einer florierenden Fremdenverkehrsgemeinde mit wohlsituierten Menschen geworden, in jedem Haus eine Bank, ein Sportartikelgeschäft, eine Pension oder ein Hotel, und unübersehbare Schilder lotsten die Autos und Busse zu den Parkplätzen für die Besucher der Menhire. Und so schaut es dort wohl auch heute noch aus.

Ob Reisen süchtig macht, ob von der Werbung verführte Touristen zu echten Fernwehreisenden werden, und wenn ja, wievieler Fernurlaube es dafür bedarf oder womöglich schon einer genügt, dies ist eine ungelöste wissenschaftliche Streitfrage. Derzeit muß sowieso unter allen Umständen auf Teufel komm raus gereist werden. Es hat damit dieselbe Bewandtnis wie mit dem Auto. Der einzelne könnte vielleicht darauf verzichten, aber es ist der Volkswirtschaft nicht zuzumuten. Zum Glück bleibt die technische Entwicklung nicht stehen. Sind erst einmal sichere, bedienungsfreundliche, erschwingliche Tarnkappen auf dem Markt, wird es ein Leichtes sein, eine weitere Expansion der Tourismusbranche auf einen Nenner mit dem Bedürfnis nach Einsamkeit und Exklusivität zu bringen. Die Vermeidung unerwünschter Körperkontakte zwischen den Unsichtbaren dürfte dann auch kein unlösbares Problem mehr darstellen. Sensoren im Boden könnten durch eine diskrete Abschattung anzeigen, an welcher Stelle schon jemand steht.

Zum Dossier Die Reisezeit steht vor der Tür.

Die einen haben schon längst gebucht, Nervenstarke verlassen sich auf ein billiges Last-Minute-Schnäppchen.

Von Reisenden, die das Fernweh hinaustreibt und solchen, die die Werbung verlockt, von Trends und Angeboten und richtigen Verhaltensweisen im Meer handelt dieses Dossier.

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