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"Ja zu meinem So-Sein sagen“

Auf den ersten Blick hat Elisabeth Müller keine Arme. Auf den zweiten Blick führt die Mutter einer dreijährigen Tochter ein Leben wie Tausende andere Frauen auch. Wenn manche Barrieren (in den Köpfen) nicht wären, es fiele ihr noch etwas leichter.

Auszeit! Vater und Kind gehen in den Kletterunterricht. Noch rasch Jause im Rucksack verstaut, Küsse für beide und Abmarsch. "Ich finde es gut, wenn Magdalena und ihr Papa etwas ohne mich unternehmen“, sagt Elisabeth Müller in ihrer Ennser Wohnung und lächelt dabei. Wer die zierliche 35-Jährige beim Verrichten von Alltagstätigkeiten beobachtet, ist erstaunt, wie selbstverständlich sie Hände und Füße einsetzt, um ihre Arbeit zu erledigen. Sie befüllt die Wasserflasche ihrer Tochter, packt die Jause in eine Box und räumt alles, am Boden sitzend, in den Rucksack ein. Um die notwendige Bewegungsfreiheit der Zehen zu erreichen, ist sie barfuß.

Elisabeth Müller wurde mit Dysmelie geboren. Das bedeutet in ihrem Fall, dass sie zwar Hände, aber keine Arme besitzt. Ob sie sich deswegen als behindert bezeichnen würde? "Nein“, erklärt die junge Frau, "solche Zuschreibungen spielen für mich keine Rolle.“ Ihr Anderssein nehme sie immer erst dann wahr, wenn sie auf Hindernisse stoße: Zum Beispiel beim Einkaufen, wenn Lebensmittel für sie unerreichbar hoch im Regal eingeordnet sind. Besonders schmerzhaft seien aber die Barrieren in den Köpfen von Menschen. Nicht selten hat die junge Mutter miterleben müssen, dass sich manche über "das arme Kind mit dieser Mama“ wundern. Sie selbst kann für diese unbeholfenen, ja, abwertenden Reaktionen irgendwie sogar Verständnis aufbringen: "Diese Leute wissen ja nicht, was ich kann!“

Eigentlich hat Elisabeth Müller immer von einer großen Familie geträumt. Heute aber spürt sie, dass "ein Kind ausreichend“ ist. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie über das Thema Familiengründung lange nachgedacht, aber nach gefallener Entscheidung ihre Schwangerschaft bewusst durchlebt - und außer Ultraschalluntersuchungen keine weiteren pränataldiagnostischen Maßnahmen durchführen lassen. Ihre Frauenärztin sei ihrer Haltung mit großem Verständnis begegnet, erinnert sich Elisabeth Müller. In ihrer privaten Umgebung habe sie hingegen manche Zweifel gespürt: "Vielleicht hat man mich für sorglos gehalten“, mutmaßt sie. Klar ist, dass Dysmelie genetisch bedingt, aber auch durch Schwierigkeiten während der Schwangerschaft ausgelöst werden kann. Die Entscheidung für ein Kind - unabhängig von seinen äußeren Merkmalen - sei aber weniger Sorglosigkeit gewesen als "ein Ja, das ich indirekt zu mir und meinem So-Sein gesagt habe“, erklärt die junge Frau.

Muttersein? Ich kann das!

Nach der Geburt von Tochter Magdalena vor knapp drei Jahren beginnt eine sehr schöne, aber auch kraftraubende Zeit. Elisabeth Müllers Mann, der als freiberuflicher Fotograf tätig und in seiner Arbeitszeiteinteilung flexibel ist, kommt vor allem anfangs eine bedeutende Rolle zu. "Er hat zum Beispiel die Nachtdienste übernommen, Magdalena gewickelt und sehr viel Hausarbeit erledigt“, erzählt Müller. Erst als sie ein spezielles Tuch bekommt, wird es ihr möglich, ihr Baby selbst zu halten und zu tragen.

Mehr Unterstützung als jene ihres Mannes braucht Elisabeth Müller als frisch gebackene Mutter nicht. Sie verwendet auch keine besonderen Hilfsmittel, etwa einen speziell adaptierten Kinderwagen. Um nicht gebückt gehen zu müssen, achtet sie lediglich auf ein Modell, dessen Griffe besonders weit herauszuziehen sind. Auch in ihrer Wohnung deutet vorerst nichts darauf hin, dass hier eine Frau mit besonderen Bedürfnissen lebt. "Bei uns hat sich nur sehr viel auf dem Boden abgespielt“, erklärt Müller. Dort sitzend hat sie sich mit ihrer Tochter beschäftigt, sie gewickelt und gefüttert.

Was Elisabeth Müller in dieser Zeit am meisten beschäftigt, sind Fragen, die auch jede andere junge Mutter für sich beantworten muss: Kann ich stillen? Was fehlt meinem Kind, wenn es weint? Welche Pflegemaßnahmen braucht es? Wenn Müller über diese Phase spricht, wirkt es so, als hätte sie sich und vor allem anderen beweisen wollen: Ich kann das! Ich werde meiner Mutterrolle gerecht!

Heute, wo Magdalena längst größer und selbstständiger geworden ist, haben sich auch die alltäglichen Herausforderungen geändert: Im Straßenverkehr muss sich Elisabeth Müller etwa darauf verlassen können, dass die Dreijährige nicht unversehens auf die Fahrbahn läuft. Die Kleine einzufangen oder in einer Gefahrensituation festzuhalten, sei nur dann möglich, wenn sie eine Jacke mit Kapuze trage, mit deren Hilfe man sie zurückziehen könne. "Doch mit Disziplin und Konsequenz haben wir das hinbekommen“, meint Elisabeth Müller lächelnd. Magdalena kenne jedenfalls ihre Grenzen. Dass ihre Mama "anders als andere Mütter“ ist, scheint für sie kein großes Thema zu sein. "Kinder gehen eben offen auf Menschen mit Behinderung zu“, ist Müllers Erfahrung. "Für sie spielen etwaige Defizite eine untergeordnete Rolle.“

Als ausgebildete Bürokauffrau wünscht sie sich nun einen beruflichen Einstieg in ihren eigentlichen Traumberuf: Kindergartenhelferin. Dass sie über das nötige Rüstzeug und Einfühlungsvermögen verfügt, hat sie längst bewiesen. Was es nun braucht ist ein wohnortnahes Team, das so aufgeschlossen ist, eine Frau mit Behinderung stundenweise aufzunehmen.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Ob sie sich insgesamt als role model für andere Mütter mit Behinderung fühlt? Elisabeth Müller wiegelt ab: Sie bemühe sich einfach um einen positiven Lebenszugang - und darum, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Die nötige Kraft dafür bekomme sie von ihrer Familie. Aber auch beim Musizieren tankt Elisabeth Müller auf. Seit Kindheit spielt sie Keyboard - mit den Füßen natürlich und ohne spezielle Tatstatur. Für ihre Leistungen hat sie bereits zahlreiche Preise erhalten, unter anderem 2003 den Austrian Music Motion Award. Und da wäre noch dieser Zettel, den die 35-Jährige vor Jahren, als sie sich nach dem Tod ihrer Mutter in einer schwierigen Lebenssituation befunden hat, von einem jungen Theologen bekam: "Der Sinn des Lebens ist es, seine Höhen und Tiefen zu erfahren“, steht darauf geschrieben. "Dieser Satz“, sagt Müller, "begleitet mich noch heute.“

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