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"Jede Region kann eine Gunstlage sein"

1945 1960 1980 2000 2020

Sein Name steht für erfolgreiche Initiativen in der benachteiligten Grenzregion des Waldviertels: Adolf Kastner trug wesentlich dazu bei, daß Öko-Produkte und nachwachsende Rohstoffe heute im Waldviertel Arbeitsplätze schaffen und Zukunftsperspektiven eröffnen.

1945 1960 1980 2000 2020

Sein Name steht für erfolgreiche Initiativen in der benachteiligten Grenzregion des Waldviertels: Adolf Kastner trug wesentlich dazu bei, daß Öko-Produkte und nachwachsende Rohstoffe heute im Waldviertel Arbeitsplätze schaffen und Zukunftsperspektiven eröffnen.

dieFurche: Sie waren 20 Jahre Direktor der größten Landwirtschaftlichen Fachschule in Österreich - und sie steht in einem der größten Problemgebiete Österreichs. Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft?

Adolf Kastner: In der Pädagogik heißt es, "der Übergang von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe zeigt das Erscheinungsbild der Krise". Der Bauer macht derzeit den Übergang vom Rohstoffproduzenten zum Unternehmer durch, deshalb hat die Landwirtschaft eine Krise zu bewältigen. Auch die Ausbildung hat 50 Jahre hervorragende Produzenten hervorgebracht, die jetzt das Problem des Unternehmertums wie eine Lawine auf sich zukommen sehen. Wir bemühen uns derzeit, für die Schüler über das Produktionswissen hinaus eine gute Unternehmerausbildung anzubieten, deren Wirkung aber erst in Jahren zum Tragen kommt, bis die heutigen Jugendlichen den Hof übernehmen.

dieFurche: Kommt diese Ausbildung nicht ohnedies zu spät?

Kastner: Aus der Erkenntnis, daß die Schüler erst nach Jahren ihr Wissen und Können umsetzen werden, bieten wir den Jugendlichen eine Ausbildung an, die einige Jahre der Zeit voraus ist. Um die Jetztzeit zu bewältigen, haben wir eine sehr intensive Erwachsenenbildung eingerichtet, damit können wir den jetzt aktiven Bauern das fehlende Managementwissen vermitteln. Wir arbeiten sehr eng mit der Wirtschaftskammer zusammen.

dieFurche: Sind die Probleme der Landwirtschaft nur über die Ausbildung in den Griff zu bekommen?

Kastner: Die Ausbildung ist eine Voraussetzung für den Erfolg. Das zweite sind engagierte Leute, die etwas bewegen wollen, und die gehören ordentlich koordiniert, die Kräfte gebündelt; gute Projekte durch neutrale, externe Berater gemanagt. So einer wird "Facilitator" genannt, was heißt, der Manager soll kein direkt Betroffener sein. Die Landwirtschaftliche Schule trägt den Teil der fachlichen Ausbildung bei, die Organisation wird durch das Waldviertel-Management gesteuert - das ist eine Einrichtung des Landes Niederösterreich und hat praktisch Hebammen-Funktion für "innovative Kinder".

dieFurche: Hört sich gut an, aber wie ist die Verschuldung in den Griff zu bekommen?

Kastner: Ich möchte einen Vergleich bringen: sowohl die guten wie die schlechten Eigenschaften eines Menschen werden mit zunehmendem Alter immer sichtbarer. Bei Betrieben ist es ähnlich: hochverschuldete Betriebe gehen in Richtung weiterer Verschuldung und sind schwer zu sanieren. Betriebe, die bisher schon gut gewirtschaftet haben, werden die Krise der Landwirtschaft als Chance nutzen. Die Hauptursache für die Verschuldung ist der Ankauf von zu vielen und zu wenig genutzten Maschinen.

dieFurche: Läge es nicht nahe, gemeinsame Maschinen anzuschaffen?

Kastner: Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Gemeinschaftsmaschinen und Maschinenringe. Gemeinschaftsmaschinen sind für manche Bereiche hervorragend geeignet, etwa Traktorgemeinschaften mit Anbaugeräten für die Feldarbeit im Herbst mit schweren Traktoren. Solche Gemeinschaften funktionieren nur mit sehr disziplinierten Mitgliedern. Der Maschinenring ist einfacher zu organisieren und funktioniert hervorragend, weil der Besitz und die volle Verantwortung bei jeweils einer Person liegt, denn hier ist der Bauer alleiniger Besitzer des entsprechenden Spezialgerätes und verrichtet Lohnarbeit für Berufskollegen. Diese Spezialgeräte wären bei jedem Einzelbesitzer zu wenig ausgelastet, kosten viel Geld und bringen keinen Ertrag. Sie werden nicht durch Arbeit abgenutzt, sondern durch "Rost und Motten". Maschinengemeinschaften funktionieren nur dann hervorragend, wenn einer der Besitzer mit dem Gerät gegen Stundenhonorar die Arbeit für die anderen Mitbesitzer erledigt, also ähnlich wie ein Maschinenring arbeitet dieFurche: Mit all dem ist dann die Landwirtschaft gerettet?

Kastner: Sicher sind diese Maßnahmen alle entscheidend, aber die Landwirtschaft wird auch neue Betätigungsfelder erschließen müssen. Die Landwirtschaft spielt sich zu 90 Prozent in peripheren Regionen ab und diese haben sechs große Chancen: Nischenproduktionen, Bioenergie, Recycling und Reparaturbereich, soziale Innovationen, Öko-Ästhetik (etwa geistige und materielle Dorferneuerung und Telekommunikation.

dieFurche: Macht die EU diesen regionalen Bemühungen nicht einen Strich durch die Rechnung?

Kastner: Die EU wird für vieles verantwortlich gemacht, was durch das GATT-Abkommen - "General agreement for Trade and Traffic", ein weltweites Handelsabkommen - sich ohne EU in einem noch viel größeren Maße ausgewirkt hätte. Die EU hat durch die Festlegung von "Zielgebieten" Hilfen angeboten, um den Übergang zu mildern.

dieFurche: Und was ist mit dem Bauernsterben?

Kastner: Daß ein Teil unserer Betriebe in Zukunft nicht lebensfähig sein wird, ist traurige Realität. Unsere Bemühungen gehen dahin, den Rückgang der Landwirtschaft zu mildern und möglichst viele bäuerliche Existenzen zu erhalten und einen geordneten Rückzug für die Bauern zu ermöglichen.

dieFurche: Wie sehen Sie die bevorstehende Agenda 2000?

Kastner: Es ist sicher so, daß die Agenda, auch wenn sie nicht in der Form ausfällt, wie sie angekündigt wurde, für die Bauern eine Verschlechterung ihrer Situation bringt. Es ist allerdings so, daß wir uns auf der einen Seite in jeder geeigneten Form wehren müssen, daß es den Bauern schlechter geht, aber auf der anderen Seite müssen wir die Bauern darauf vorbereiten, daß sie auch unter geänderten Rahmenbedingungen sich behaupten können.

dieFurche: Wie sehen Sie die österreichische Landwirtschaft in der EU?

Kastner: Die österreichische Landwirtschaft ist zu 90 Prozent als Gebirgslandwirtschaft zu bezeichnen und daher nicht geeignet, ohne flankierende Maßnahmen mit europäischen und amerikanischen Gunstlagen zu konkurrieren. Daher sind Spezialprogramme als Unterstützung für die Pflege der Landschaft unbedingt erforderlich. Österreich als Fremdenverkehrsland muß mit allen Mitteln eine offene, bewirtschaftete Landschaft erhalten. Daher ist das Überleben der Bauern und das Offenhalten der Flächen nicht nur ein agrarpolitisches Problem, sondern ein Problem der Gesamtgesellschaft, denn der Tourismus als einer der größten Devisenbringer funktioniert nur in einer intakten Landschaft, aber auch die Industriegesellschaft braucht intakte Erholungsräume.

dieFurche: Ist das Waldviertel landwirtschaftlich in einer besonderen Situation?

Kastner: Das Waldviertel ist durch sein relativ rauhes Klima nicht geeignet für jene Produktionen, die klimatisch ein warmes Klima verlangen, aber es ist sehr wohl geeignet für Spezialproduktionen, besonders für Heil- und Gewürzkräuteranbau, für Grundstoffe der Pharmaindustrie etc., weil durch den hohen Taufall und das langsamere Wachstum der Pflanzen besonders hohe Inhaltsstoffe erzielt werden. Wir haben doppelt so viele Inhaltsstoffe bei Heil- und Gewürzkräutern wie die österreichischen Pflanzen im Durchschnitt. Auch eine ökologische Bewirtschaftung der Flächen eignet sich besonders für die Kleinstruktur des Waldviertels.

dieFurche: Wo sehen Sie in Zukunft Chancen für das Waldviertel?

Kastner: Durch den hohen Waldanteil ist der Werkstoff Holz ein Rohstoff der Zukunft für das Waldviertel. Wir müssen die Wertschöpfungskette für den Rohstoff Holz in den nächsten Jahren wesentlich verbessern. Es kann nicht sinnvoll sein, rohe Sägeware nach Italien zu führen und die Fertigmöbel aus Italien zu importieren. Unsere zwei großen Fertighausbauer (Hartl und Elk) sind hier schon Pioniere auf diesem Gebiet, ebenso einige andere Betriebe sowie diverse Tischlereien und Zimmereien, die sich hier sehr bemühen. Wir brauchen aber noch einige Leitbetriebe und viele kleine Initiativen. Für den Hausbau und den Fertighausbau müssen wir versuchen, in Zukunft nachwachsende Rohstoffe wie Hanf und Flachs vermehrt zu verwenden. Unser Bestreben muß es sein, auf allen Linien geschlossene Kreisläufe für die Region zu installieren. Sie bringen eine hohe Wertschöpfung, schaffen damit viele Arbeitsplätze und halten die Bauern und die bäuerliche Jugend auf ihren Höfen. Wir wissen, daß in Zukunft nur wenige als Vollerwerbsbetriebe überleben können, und müssen uns darauf einstellen, daß ein Familienmitglied auch einen außerlandwirtschaftlichen Beruf ergreifen muß. Der Tagespendler wird sich leider bei uns als Lebensform etablieren müssen. Ich bin trotz aller Schwierigkeiten, die im besonderen auch im Waldviertel auftreten, ein großer Optimist für unser Gebiet, denn: "Jede Region ist Gunstlage - man muß nur erkennen, wofür."

Das Gespräch führte Traude Walek-Doby.

Zur Person Schuldirektor und Waldviertelmanager Adolf Kastner wurde 1939 als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter in ärmlichsten Verhältnissen geboren. Er wuchs in Zwettl auf, wo er auch das Gymnasium besuchte. Von 1957 bis 1963 studierte er an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. Nach seiner Sponsion war er Forstreferent der Diözese St. Pölten, später Waldzustandserheber und dann Lehrer an einer Landwirtschaftlichen Fachschule. 1973 wurde er Lehrer an der Fachschule Edelhof und 1979 ihr Direktor. Vorige Woche legte er diese Aufgabe zurück, bleibt aber ebenso Landesbeauftragter für das Waldviertel wie Obmann des Waldviertel-Managements, das 104 Personen beschäftigt.

Kastner ist verheiratet und Vater von sechs Kindern.

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