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Jeder ein Methusalem

Die Welt in hundert Jahren: Die Lebenserwartung des Menschen ist enorm angestiegen. Um das drohende Ablaufdatum seiner Art aufzuschieben, sucht der Mensch den Jungbrunnen. Ein gewagter Blick aus dem Jahr 2100 auf heute

Björn Holmen geht ins Buch der Rekorde ein. Der Norweger feiert am Donnerstag seinen 140. Geburtstag. Dass der am 11. Februar 1960 geborene Osloer nun das Jahr 2100 erlebt, hat der gute Mann, seit 2040 im Ruhestand, nicht nur seiner Kondition zu verdanken. Wie so viele, die heute locker die 100-Jahr-Hürde nehmen, profitiert auch Holmen von der modernen Molekularbiologie, die der viel zu langsamen Evolution auf die Sprünge hilft.

Die ständig steigende Lebenserwartung in Industrieländern, wo zumindest der zahlungskräftige Teil der explodierenden Bevölkerung (siehe Artikel unten) noch Zugang zu den notwendigen Mitteln hat, liegt inzwischen zwar bei 110 und in Folge dessen das Pensionsantrittsalter meist bei 80 Jahren - dennoch könnte bereits der Countdown für das Ende der Menschheit laufen: Nicht etwa deshalb, weil die klimatischen Veränderungen und die zahlreichen Kriege um die spärlicher werdenden Ressourcen einen derart hohen Tribut forderten. Nein, viel simpler: Weil die vererbte biologische Lebensuhr des Menschen bald zu ticken aufhören könnte.

Hungern für ein langes Leben

Die Lebenserwartung, konstatierte der US-Genetiker Michael Rose bereits vor 100 Jahren, "ist durch nichts begrenzt als die menschliche Technologie". Damals, im Jahr 2000, wusste die Wissenschaft bereits, dass das simpelste Wundermittel für ein längeres Leben der Hunger ist. Tierexperimente zeigten, dass permanente Mangeldiät den Tod hinauszögert, weil Stoffwechselraten und damit oxidativer Stress, die maßgeblich den Alterungsprozess vorantreiben, abnehmen. Doch die Sache hatte für die praktische Anwendung zwei kleine Haken: Mangelernährung macht unfruchtbar, und überhaupt - wer will schon 100 werden, wenn er dazu 100 Jahre hungern muss?

Als alternativer Jungbrunnen erschien die Kälte. Denn auch hier gilt: je geringer die Temperatur, desto geringer sind Stoffwechselraten und oxidativer Stress. Computersimulationen ergaben, dass die Absenkung der Körpertemperatur von 37 auf 24 Grad Celsius die Lebensdauer des Menschen auf etwa 200 Jahre erhöhen könnte. Theoretisch. Praktisch hätte das bedeutet, dass der Mensch für ein paar gewonnene Lebensjahre sein ganzes Leben hätte verschlafen müssen, denn im Schlaf sinkt die Körpertemperatur. Oder aber er hätte wiederum hungern müssen, weil dadurch auch der Glukosespiegel im Blut sinkt, wodurch es selbst bei global steigenden Außentemperaturen zu einer Kühlung im Körperinneren kommt.

Mangels Umsetzbarkeit krallten sich Genetiker dann die DNA, deren Manipulation ähnliche Resultate wie Hungern und Frieren bringen sollten. Tatsächlich wurden Erbgutschnipsel entdeckt, über die jene Hormone wirken, die für Ernährung und Stoffwechsel wichtig sind: Gene, die alle in der Insulin-Signal-Kette - einem Schlüssel für den Nahrungsumsatz - eine zentrale Rolle spielen. Wird eines stimuliert, hat es auf den Organismus dieselbe Wirkung wie die Abwesenheit von Insulin im Blutkreislauf: Der Körper glaubt, er fastet, selbst wenn er frisst.

Der Mensch wird alt, ...

Substanzen, die diese Gene aktivieren, wurden 2030 gefunden und erfolgreich vermarktet. Milliardenumsätze wurden mit den bitteren Pillen gemacht. Allein, auch sie hatten einen Haken: Sie verlängerten zwar das Leben, verhinderten jedoch weder Alzheimer noch Krebs noch andere Alterskrankheiten. Und es hatte schon der britische Schriftsteller Jonathan Swift gespottet: "Jeder will lange leben, bloß alt werden will keiner."

Knapp zwanzig Jahre später gelang es jedoch, die gesamte Insulin-Signal-Kette des Menschen von Außen derart zu manipulieren, dass dieser nicht nur länger, sondern auch gesünder lebte, was Experimente an Würmern und Mäusen schon Jahrzehnte zuvor gezeigt hatten. Doch dadurch allein wurde Björn Holmen keine 140 Jahre alt. Ihn päppelt die Wissenschaft erst seit 2070 zusätzlich auf - genauer gesagt: seine Telomere.

Diese schützen - wie die Plastiklaschen an den Enden von Schuhbändern - die Enden der Chromosomen in den Körperzellen und sind dafür verantwortlich, dass sich das Erbgut nach erfolgter Zellteilung wieder richtig ordnet. Doch werden die Telomere bei der Replikation nur schlampig mitkopiert und bei jeder Zellteilung etwas kürzer. Erreichen sie eine kritische Kürze, können sie ihre Schutzfunktion nicht mehr ausüben. Zellen hören dann auf, sich zu teilen und zu erneuern: Der Alterungsprozess beginnt. Abhilfe schafft das Enzym Telomerase, das Wissenschafter seit 30 Jahren synthetisch herstellen und mittels Gentherapie in menschliche Zellen bringen, zum Beispiel in die von Björn Holmen. Es verlängert die schützenden Telomere, und damit die Lebenserwartung.

... die Menschheit stirbt

In dieser biologischen Uhr ist laut einer vor etwa 100 Jahren vom Wiener Forscher Reinhard Stindl aufgestellten Evolutionstheorie aber auch das Ablaufdatum der gesamten Art eingeprägt. Dieses Zählwerk der Menschheit, "Species Clock" genannt, beginne nämlich nicht bei jedem Individuum von neuem zu laufen, die innere Uhr ticke über Generationen hinweg. Denn - Telomerase hin, Telomerase her - die Verkürzung der Schutzkappen könnte sich von Generation zu Generation fortsetzen. Heute bestehen die Telomere des Menschen aus knapp 10.000 molekularen Bausteinen, am Beginn der Menschheit könnten es etwa 50.000 gewesen sein. Bei einer hypothetischen Verkürzung um nur fünf Bausteine pro Generation und einer durchschnittlichen Generationszeit von 15 Jahren blieben der Menschheit ungefähr 150.000 Jahre bis zum genetischen Crash. Geht man davon aus, dass der Mensch schon in etwa so lange auf Erden wandelt, würde der Final Countdown nun laufen. Egal, wie alt wir werden.

Der Autor ist Wissenschaftsredakteur des "Standard".

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