Josef Hader - © Foto: Lukas-Partl
Gesellschaft

Josef Hader: "Die Summe der Angst bleibt immer gleich"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Kabarettist und Existenzialist Josef Hader über Spaziergänge mit Topfpflanzen, Alkohol, die Schrecken des Witzes, Sorgen um die Demokratie und sein Hoffen auf Bergamo.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Kabarettist und Existenzialist Josef Hader über Spaziergänge mit Topfpflanzen, Alkohol, die Schrecken des Witzes, Sorgen um die Demokratie und sein Hoffen auf Bergamo.

Wie die meisten anderen Kulturschaffenden hat sich auch Josef Hader digital neu aufgestellt: Auf player.hader.at sind seine größten Kabaretterfolge und wöchentlich ein Film kostenlos zu sehen. Was bedeutet Corona aus seiner Sicht – persönlich, gesellschaftlich und politisch? Ein Telefongespräch.

DIE FURCHE: Wie darf man sich Josef Hader in der Krise vorstellen?
Josef Hader:
Ich hab nur wenige Vorstellungen absagen müssen, weil ich ohnehin Schreibzeit eingeplant habe. Daher mache ich das, was ich ohnehin gemacht hätte: Ich sitz herum, schreibe an meinem neuen Programm und bin durch die Krise sogar noch ein bisserl konzentrierter. Das ist eine luxuriöse Situation gegenüber den meisten anderen.

DIE FURCHE: Das kulturelle Leben spielt sich derzeit vor allem online ab. Auch Sie haben einen Videokanal gestartet: Auf einem Facebook-Werbevideo dazu gehen Sie nachts mit Ihrer Topfpflanze Franz spazieren und sagen: „Ich bin total froh, dass ich in diesen schwierigen Zeiten jemanden gefunden habe, der zu mir hält.“ Wieviel Einsamkeit kann man aushalten, ohne verrückt zu werden?
Hader:
Das weiß ich nicht, weil ich sehr selten einsam bin. Ich bin immer froh über das bisschen Alleinsein, das ich mir abzwacken kann. Dass gerade die meisten Anlässe wegfallen, wo man smalltalken muss, ist deshalb mehr eine Erleichterung. Außerdem weiß ich gar nicht, ob es nicht verrückter ist, wenn man sich durch ständige Gesellschaft so betäubt, dass man nie über etwas nachdenken muss. Vielleicht sind das die wahren Verrückten. Und die Leute, die mit ihren Topfpflanzen spazieren gehen, sind die Klügeren.

Wie die meisten anderen Kulturschaffenden hat sich auch Josef Hader digital neu aufgestellt: Auf player.hader.at sind seine größten Kabaretterfolge und wöchentlich ein Film kostenlos zu sehen. Was bedeutet Corona aus seiner Sicht – persönlich, gesellschaftlich und politisch? Ein Telefongespräch.

DIE FURCHE: Wie darf man sich Josef Hader in der Krise vorstellen?
Josef Hader:
Ich hab nur wenige Vorstellungen absagen müssen, weil ich ohnehin Schreibzeit eingeplant habe. Daher mache ich das, was ich ohnehin gemacht hätte: Ich sitz herum, schreibe an meinem neuen Programm und bin durch die Krise sogar noch ein bisserl konzentrierter. Das ist eine luxuriöse Situation gegenüber den meisten anderen.

DIE FURCHE: Das kulturelle Leben spielt sich derzeit vor allem online ab. Auch Sie haben einen Videokanal gestartet: Auf einem Facebook-Werbevideo dazu gehen Sie nachts mit Ihrer Topfpflanze Franz spazieren und sagen: „Ich bin total froh, dass ich in diesen schwierigen Zeiten jemanden gefunden habe, der zu mir hält.“ Wieviel Einsamkeit kann man aushalten, ohne verrückt zu werden?
Hader:
Das weiß ich nicht, weil ich sehr selten einsam bin. Ich bin immer froh über das bisschen Alleinsein, das ich mir abzwacken kann. Dass gerade die meisten Anlässe wegfallen, wo man smalltalken muss, ist deshalb mehr eine Erleichterung. Außerdem weiß ich gar nicht, ob es nicht verrückter ist, wenn man sich durch ständige Gesellschaft so betäubt, dass man nie über etwas nachdenken muss. Vielleicht sind das die wahren Verrückten. Und die Leute, die mit ihren Topfpflanzen spazieren gehen, sind die Klügeren.

Der Witz ist im Idealfall immer eine Hilfe, mit einer Situation fertig zu werden.

DIE FURCHE: In einem zweiten Facebook-Video plädieren Sie für einen strikten Tagesablauf: morgens Slivovits, mittags Weiß, abends Rot. Was würde in Österreich passieren, wenn man in Krisenzeiten den Verkauf von Alkohol ernsthaft beschränken würde?
Hader:
Jede Beschränkung, egal von was, führt nur dazu, dass gehamstert wird. Vielleicht wird jetzt ja weniger getrunken, seit die Baumärkte offen sind. Zumindest muss man das hoffen. Sonst bricht das Gesundheitssystem noch wegen der vielen Arbeitsunfälle zusammen.

DIE FURCHE: Gehamstert haben viele Menschen. Sie auch?
Hader: I
ch war erst vier, fünf Tage später einkaufen, das ist so ein Grundreflex von mir: Wenn etwas besonders angesagt ist, warte ich lieber. Aber ich hab leicht reden, ich hab immer viele Lebensmittel zu Hause, ironischerweise aus Italien, weil ich von dort immer so viel mitbringe. Und beim Klopapier komm ich auch nicht in Bedrängnis: Ich bin ja auf einem Bauernhof aufgewachsen, da war am Plumpsklo immer fein säuberlich zusammengeschnittenes Zeitungspapier. Wenn man das ordentlich zwischen den Händen zerwuzelt, wird das sehr weich.

DIE FURCHE: Die Zeiten sind ernst. Gibt es Phänomene, über die man keine Witze machen darf?
Hader:
Es kommt darauf an, wer den Witz macht. Als dem Fritz Grünbaum im KZ Dachau ein Aufseher ein Stück Seife verweigert hat, hat er geantwortet: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten.“ Der Witz ist im Idealfall immer eine Hilfe, mit einer Situation fertig zu werden. Außerdem hat ein wirklich guter Witz selten mit Sorglosigkeit zu tun. Eher mit Angst und Schrecken.

DIE FURCHE: Sind Schreckenszeiten also gute Zeiten für den Witz?
Hader:
Ich denke, jede Zeit ist eine gute Zeit für den Witz. Es gibt ja auch in normalen Zeiten genügend Unglück. Wenn man jetzt die Leute fragen würde, ob sie mehr Angst haben als früher, würden sie vermutlich sagen: ja. Aber vielleicht haben sie derzeit nur eine begründetere Angst als früher. Ich würd‘ einmal behaupten, die Summe der Angst bleibt in einer Gesellschaft immer gleich. Manche sind vielleicht jetzt aktiver und mutiger als früher, weil ihre Angst ein Gesicht bekommen hat. Ich merke das an mir selber: Wenn ich ins Strudeln komme, dann bekomme ich eigenartigerweise immer auch die Entschlossenheit mitgeliefert, damit fertigzuwerden. Und dann kann es passieren, dass ich mich in einer Krise stärker fühle als ohne.

Die Einflüsse der Gegenwart auf die Zukunft werden überschätzt, vor allem von Zukunftsforschern, die übertreiben müssen, damit sie in die Zeitung kommen.

DIE FURCHE: Viele fragen sich, was die Krise mit uns machen wird. Der Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt, dass die Leute zur Ruhe kommen und höflicher werden.
Hader:
Also meine bisherige Lebenserfahrung sagt mir, dass die Menschen nach jeder Zäsur so weiterwursteln wie bisher. Die Einflüsse der Gegenwart auf die Zukunft werden überschätzt, vor allem von Zukunftsforschern, die übertreiben müssen, damit sie in die Zeitung kommen. Außerdem halte ich eine Wirtschaftskrise als Folge der Pandemie für wahrscheinlicher, als dass wir alle auf einmal nicht mehr fliegen und regionale Produkte kaufen. Das wäre schön, aber der Mensch funktioniert leider nicht so.

DIE FURCHE: Und was ist mit der Solidarität mit den Alten?
Hader:
Da hat es schon jetzt welche gegeben, die alte Menschen beschimpft haben beim Einkaufen, wenn sie ungeschickt waren beim Mindestabstand. Das find ich ziemlich letztklassig. Vielleicht sind das die besonders Fantasielosen, die sich nie vorstellen können, selber alt zu werden. Ich hoffe, dass die Mehrheit genug Fantasie hat und sich dementsprechend benimmt.

DIE FURCHE: Viele sorgen sich, dass der politische Krisenmodus und die soziale Kontrolle die Demokratie gefährdet. Sie auch?
Hader:
Die Sorge, dass unsere Regierung die Demokratie aushebelt, habe ich nicht. Man muss natürlich darauf achten, dass diese speziellen Erlässe ein Ablaufdatum haben. Aber das ist offenbar der Fall – und kritische Medien und die Opposition werden darauf schauen, dass das eingehalten wird. Außerdem: Wenn wir das, was in Österreich passiert, als Vorbereitung einer Diktatur bezeichnen, welcher Begriff soll dann das beschreiben, was in Ungarn gerade passiert? Da sind linke und rechte Verschwörungstheorien gleichermaßen blödsinnig. Gerade die Rechtspopulisten leben übrigens davon, dass sie keine echten Probleme lösen, sondern Scheinprobleme aufblasen. Das würde ich so manchem ÖVP-Politiker, der nicht einmal ein paar Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern aufnehmen will, viel eher vorwerfen als die Vorbereitung eines neuen Ständestaates.

Es wäre wünschenswert, wenn die Heldinnen des Augenblicks – die Supermarktkassiererinnen und die 24-Stunden-Betreuerinnen – nicht bald wieder vergessen werden. Aber diese Hoffnung ist gering

DIE FURCHE: Die EU hat in der Krise jedenfalls versagt, alte politische Egoismen sind zurückgekehrt.
Hader:
Die alten Egoismen waren leider immer da. Und politische Konstrukte entstehen immer aus Egoismus, darüber ist dann ein idealistischer Überbau, der nicht gilt, wenn’s um die Wurst geht. Der Beethoven war vor 200 Jahren enttäuscht vom Napoleon, weil der sich zum Kaiser hat krönen lassen und nicht der idealistische Revolutionär war, den er sich ausgemalt hat. Da ist es ja immerhin ein Fortschritt, dass wir jetzt von Demokratien enttäuscht sein dürfen und nicht mehr von Herrschern.

DIE FURCHE: Was sollten wir aus Ihrer Sicht aus der Krise lernen?
Hader:
Es wäre wünschenswert, wenn die Heldinnen des Augenblicks – die Supermarktkassiererinnen und die 24-Stunden-Betreuerinnen – nicht bald wieder vergessen werden. Aber diese Hoffnung ist gering.

DIE FURCHE: Und Ihre persönliche Hoffnung? Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Krise?
Hader:
Auf Italien. Ich habe eine Verabredung mit einem Freund aus Tirol, dass wir beide – sobald das möglich ist – nach Bergamo fahren und auf der Piazza Alta einen Espresso trinken. Und dann geh ich einkaufen, ich muss ja wieder meinen Pasta-Vorrat auffüllen.