Digital In Arbeit

Julia und Babszi, die künftigen Europäerinnen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schüler der katholischen Europaschule in Budapest lernen vor allem eines: bewußte Europäer zu sein. Der Unterricht in Deutsch, Ungarisch und Englisch bietet ihnen dafür die nötige Basis.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schüler der katholischen Europaschule in Budapest lernen vor allem eines: bewußte Europäer zu sein. Der Unterricht in Deutsch, Ungarisch und Englisch bietet ihnen dafür die nötige Basis.

Die ersten richtig heißen Sonnenstrahlen dieses Jahres tauchen den rennovierten prächtigen Altbau in helles Licht. An solch einem herrlichen Tag zur Schule zu müssen, ist nicht gerade eine Freude denkt man. Doch die Kinder im Garten der österreichisch-ungarischen Europaschule in Budapest sehen eigentlich ganz fröhlich aus. Kein Wunder, von solch einem riesigen Garten können die meisten Schulen nur träumen. Das Institut des Ordens der Schulbrüder liegt im Westen der ungarischen Hauptstadt, auf einem großen grünen Areal des Istenhegy (Gottesberg).

Die Nachmittagsbetreuung der Sechs- bis Zehnjährigen hat bereits begonnen. Die Volksschüler tollen auf dem Spielplatz herum, oder spielen auf dem Sportplatz Fußball. Ein Stückchen weiter nützt eine Schulklasse des Unterstufengymnasiums das schöne Wetter. Bildnerische Erziehung im Freien, ob das die Kreativität beflügelt? Mit den Schülern arbeitet gerade Werner Zwickl, 34, einer der 17 österreichischen Lehrer, die hier zwei bis acht Jahre lang Kinder zwischen sechs und 14 Jahren unterrichten. Die Schulstufen entsprechen der ungarischen Altalanos iskola (Allgemeinschule für Sechs- bis 14-jährige) und der Volksschule, sowie der Unterstufe des Gynmnasiums in Österreich.

Das Ziel ist Offenheit Weiter unten auf dem Grundstück der Europaschule liegt der zweisprachige Kindergarten, in dem 40 Kinder in zwei Familiengruppen betreut werden. Die 27jährige Edith Szabo ist selbst zweisprachig aufgewachsen und sorgt nun als Leiterin des Kindergartens seit Dezember 1994 für ein ausgewogenes Verhältnis der beiden Sprachen. "Kinder lernen schnell voneinander und sind unheimlich tolerant den anderssprachigen gegenüber." Deutsch- und ungarischsprachige Kinder halten sich in etwa die Waage im Kindergarten. Nie habe sie beobachtet, daß ein Kind aufgrund seiner Muttersprache von den anderen ausgeschlossen würde. "Jeder spielt mit jedem. Die zweisprachigen Kinder übernehmen oft sogar die Funktion eines Dolmetschers."

Die Kindergartentanten sind aus Kostengründen anders als in der Schule ausschließlich Ungarinnen, jedoch mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen. "Der Kindergarten wird allein von der Stiftung der Schulbrüder finanziert. Unsere österreichischen Lehrer und Lehrerinnen bekommen wir über das österreichische Unterrichtsministerium. Kindergärten allerdings sind in Österreich Landes- und nicht Bundessache",, erklärt Direktor Alfred Brychta.

Europa-Schule soll nicht nur ein vielversprechender Name sein. Alfred Brychta bedeutet die Offenheit für Europa sehr viel. Das schlägt sich auch in der Philosophie der katholischen Privatschule nieder: "Die Ausrichtung der Schule ist eine österreichisch-ungarisch-europäische. Die Zielrichtung ist eine Offenheit für Europa, kein enger Nationalismus. Wir wollen in unserer Schule das Bewußtsein dafür fördern, daß wir alle ein Teil Europas sind." Unterrichtet wird nach einem modifizierten österreichischen Lehrplan. Ungarisch ist jedoch in allen Schulstufen verpflichtend. "Die Kinder werden bei uns in beiden Sprachen alphabetisiert. Wir schaffen somit eine Basis in beiden Sprachen," erklärt der 51jährige Österreicher, der wöchentlich zwischen Wien und Budapest pendelt. Die weitere Unterrichtssprache ist im wesentlichen Deutsch. Nur der Ungarisch-Unterricht, sowie das Spezialfach ungarische Heimatkunde, Religion und Leibesübungen werden von den neun ungarischen Lehrern bewältigt. "Wir ergänzen die sprachliche Ausbildung unserer Schüler mit Englisch, sodaß sie am Ende der achten Schulstufe in allen drei Sprachen gut fundiert ausgebildet sind," sagt der Direktor und Mathematiklehrer nicht ohne Stolz.

Und dazu scheint er auch allen Grund zu haben. "Anfangs sind wir hierhergekommen, weil uns unsere Eltern geschickt haben", erzählt die 14jährige Julia. "Inzwischen finden wir die Schule aber selbst echt gut!" bestätigt ihre Freundin Babszi. Sie gehört zu den schon zweisprachig aufgewachsenen Kindern, die hier an die Schule gehen, während Julia Deutsch mit zehn Jahren von Grund auf erlernen mußte. Jetzt ist sie sehr froh über ihre Zweisprachigkeit: "Es ist eine tolle Chance eine zweite Sprache so gut zu können." Sie ist überzeugt davon, daß sie ihre Deutschkenntnisse auch beruflich nützen wird und besucht ab dem kommenden Jahr das zweisprachige Oberstufenrealgymnasium in Budapest, zu dem die Schule der Schulbrüder sehr enge Kontakte hat.

Lernbereite Kinder "Praktisch alle unsere Schulabgänger können im nächsten Jahr in ein ungarisches Gymnasium gehen." Direktor Brychta freut sich über die erfolgreich bestandenen Aufnahmeprüfungen seiner Schüler, die in Ungarn Voraussetzung für den Besuch eines Gymnasiums sind, das der österreichischen Oberstufe entspricht.

Die Zeugnisse der Europaschule werden aber auch in Österreich anerkannt, was besonders für die Kinder wichtig ist, deren Eltern nur für einen kurzen Zeitraum in Ungarn leben. "Die Kinder können jederzeit nach Österreich in eine Schule wechseln, vom Lerninhalt her funktioniert das völlig ohne Probleme." Jedoch bilden diese Kinder nicht den Kern der fast 400 Schüler der Europa-Schule. "Es sind hauptsächlich ungarische Kinder, die bei uns in die Schule gehen. Es kommen auch sehr viele zweisprachige Kinder, deren Familien diese Zweisprachigkeit auch fördern wollen," erzählt der Schulleiter.

Der Großteil der Kinder mußte Deutsch also als Fremdsprache erlernen. "Es ist eine völlig neue Erfahrung, Kindern in einer Fremdsprache Biologieunterricht zu geben," erzählt Werner Zwickl. "Am Anfang ist es für Lehrer und Schüler ein großer zusätzlicher Aufwand, die Sprachbarrieren zu überwinden." Der Biologie- und Englischlehrer wurde so auch zum Sprachlehrer. Auf Merktafeln wurden wichtige Begriffe mit dem richtigen Artikel notiert und gut sichtbar in der Klasse angebracht. Die Schüler konnten sich die jeweiligen Begriffe dann eine Woche lang einprägen. Oder man half sich mit Vokabelheften. "Am Anfang läßt man alles, was vom Schüler kommt, einfach stehen und versucht, es eventuell selbst sprachlich richtig zu wiederholen," schildert Zwickl seine Erfahrungen. "Es läuft ähnlich, wie wenn ein kleines Kind sprechen lernt," fügt Direktor Brychta hinzu.

"Kinder sind imstande wesentlich mehr zu leisten, als wir ihnen in Österreich zuweilen zutrauen, ohne die Kinder jetzt zu Lernmaschinen machen zu wollen" meint der erfahrene Schulleiter. "In Ungarn werden an Schüler viel höhere Anforderungen gestellt, was das Faktenwissen betrifft. Umgekehrt fehlt den ungarischen Schülern wesentlich mehr die Fähigkeit zum vernetzten Denken und der Teamgeist. In Österreich legen wir sehr viel Wert auf den Erwerb gerade dieser Fähigkeiten."

Enteignet & verboten Die nächste Schülergeneration wird wohl wieder neue Erfahrungen bringen, denn die Neulinge der ersten Stunde werden am Ende des Schuljahres 1999 die Europa-Schule schon wieder verlassen. Die neue Schülergeneration hat zum Großteil zumindest die zweisprachige Volksschule besucht, wenn nicht bereits den Kindergarten, und wird somit nicht die typischen Probleme der Sprachanfänger haben, die vor vier Jahren hier begannen. Im September 1995 wurde der Schulbetrieb mit den ersten 60 Schülern aufgenommen. 1993 hatte der Orden der Schulbrüder nach langen Verhandlungen das alte Schulgebäude wieder zurückerhalten, das ihm 1932 enteignet worden war, als der Orden der Schulbrüder in Ungarn verboten wurde. Der verfallene Rohbau mußte erst aufwendig erneuert werden, bevor der Unterricht beginnen konnte.

Das Ergebnis der Renovierung ist ein stattliches Gebäude. Ein Muster aus gelben, blauen und grünen Fliesen ziert die Gänge: Manche sehen große Fische darin, andere bunte Drachen. An den Wänden hängen die Werke der Schüler: Zeichnungen, Kollagen, Bastelarbeiten, Gedichte und Aufsätze - deutsch und ungarisch.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau