Rottenschlager lg wien - © Mirjam Reither

Karl Rottenschlager: "Es gibt keinen hoffnungslosen Fall“

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Vor 30 Jahren hat Karl Rottenschlager, geprägt von seinen Erfahrungen als Gefängnis-Sozialarbeiter, die Emmausgemeinschaft St. Pölten gegründet. Bis heute wohnt und arbeitet er mit Haftentlassenen und anderen Ausgegrenzten - und bricht mit ihnen das Brot.

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Vor 30 Jahren hat Karl Rottenschlager, geprägt von seinen Erfahrungen als Gefängnis-Sozialarbeiter, die Emmausgemeinschaft St. Pölten gegründet. Bis heute wohnt und arbeitet er mit Haftentlassenen und anderen Ausgegrenzten - und bricht mit ihnen das Brot.

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Manchmal geschieht Unglaubliches, sogar beim Weltwirtschafts- forum in Davos: Da wird die Finanztransaktionssteuer, die lange müde belächelt wurde, angesichts der aktuellen Krise plötzlich ernsthaft diskutiert. "Und das ist gut so“, kommentiert Karl Rottenschlager im Wiener Café Adam, weit vom Schweizer Nobelskiort entfernt, das dortige Geschehen, "aber es kommt halt sehr, sehr spät.“ Seit jeher träumt der 65-Jährige von einer gerechteren Welt; von einer Zukunft, in der keine Milliarde Menschen mehr hungern muss; von jener "Globalisierung der Solidarität“, wie sie auch Papst Johannes Paul II., dieser große Linke, einst gepredigt hat.

So utopisch Rottenschlagers Träume klingen: Im Kleinen setzt er sie hartnäckig um. Seit 30 Jahren ist er Geschäftsführer und Spiritus Rector der Emmausgemeinschaft St. Pölten, die sich als assoziiertes Mitglied der internationalen Emmausbewegung nach Abbé Pierre um die Integration sozial benachteiligter Menschen bemüht.

"Brotvermehrung heute“

Was einst als kleine WG in der Herzogenburgerstraße 48 begonnen hat, ist heute ein Konglomerat der Nächstenliebe: In sieben Wohnprojekten (von Notschlafstellen bis zu Wohnheimen) finden Haftentlassene, Obdachlose, Alkoholkranke, psychisch Labile oder minderjährige Flüchtlinge eine neue Heimat; fünf Kleinbetriebe geben den Menschen Arbeit und Sinn; dazu kommen Qualifizierungsmaßnahmen wie das Projekt WorkOut für schwer vermittelbare Jugendliche, der erste St. Pöltner Sozialmarkt "SOMA“ sowie Sozialprojekte im Ausland. Finanziert wird all das von einer Selbstbesteuerungsgruppe, Spenden und Subventionen. "Man könnte es auch als, Brotvermehrung heute‘ bezeichnen“, freut sich Karl Rottenschlager. 130 haupt- und 100 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten die Hilfesuchenden. "Wobei wir eigentlich Gäste sagen“, korrigiert sich der drahtige Mann, "denn der Gast ist allen Religionen derjenige, in dem ich Gott selbst empfange.“

Was wahre Gastfreundschaft bedeutet, hat er schon als Kind auf dem Bauernhof seiner Eltern nahe Steyr erlebt, wo die Großmutter Tagelöhner wie Bettler freundlich verköstigt. Später, am Stiftsgymnasium in Seitenstetten, öffnet sich durch den Besuch zahlreicher Entwicklungshelfer sein Horizont. Aus einem "fast naiven Gottvertrauen heraus“ studiert er Theologie, spürt aber, dass seine Berufung nicht in der Wortverkündigung liegt, sondern darin, wie Charles de Foucauld das Leben der Ausgegrenzten zu teilen. Also absolviert er die Sozialakademie - und bewirbt sich schließlich als Sozialarbeiter für die Justizanstalt Stein.

Es ist der 13. April 1973, als der legendäre Anstaltsleiter Karl Schreiner den 25-Jährigen durch den "sozialen Kältepol des Landes“ führt. "Da habe ich gespürt: Das sind die Aussätzigen unserer Tage“, erinnert sich Rottenschlager. Hier in Stein erleben sie die Hölle, werden vergewaltigt, seelisch wie körperlich gebrochen. Bis zu 400 Selbstbeschädigungen gibt es damals pro Jahr. Doch die härteste Strafe kommt danach: Zwei Drittel stehen nach ihrer Entlassung vor dem Nichts: keine Partnerin, kein Job, keine Wohnung - nur Knastkollegen, wo sie unterschlüpfen können, wenn sie beim nächsten Einbruch Schmiere stehen; der programmierte Rückfall.

Als Sprecher aller Gefängnissozialarbeiter will Rottenschlager das nicht hinnehmen: Er fordert von Justizminister Christian Broda mehr Personal und Bewährungshelfer (was ihm dieser genehmigt), dokumentiert Fallgeschichten und provoziert mit seinem Buch "Das Ende der Strafanstalt: Menschenrechte auch für Kriminelle?“ den Boulevard.

Neun Jahre arbeitet er in Stein. Doch dann zeigt ihm ein Traum, dass es Zeit geworden ist, sich um jene Orientierungs- und Obdachlosen zu kümmern, die diese Hölle überlebt haben. Fünf Mal scheitert er beim Versuch, eine alternative Wohngemeinschaft für fünf bis sieben Haftentlassene und sich selbst aufzubauen, doch beim sechsten Mal gelingt es: Am 1. August 1982 mietet er das Haus Herzogenburgerstraße 48 - mit seinem eigenen kargen Caritas-Gehalt und "Hilfe der Vorsehung“, wie er seinem verdutzten Chef verkündet. Der Rest ist Geschichte.

Auftanken im Gegenmilieu

Bis heute hat sich Karl Rottenschlager dem Leben in geistlicher sowie materieller Gütergemeinschaft verschrieben. Gemeinsam mit den ehemals Ausgegrenzten wohnt, arbeitet und isst er Tag für Tag. Das erfordert auch Achtsamkeit gegenüber sich selbst: Supervision, die tägliche Eucharistiefeier sowie die Pflege seines Freundeskreises als Gegenmilieu geben ihm die nötige Kraft, um nicht die Freude am Menschen zu verlieren. Von den Gästen wiederum erwartet er Therapiewilligkeit, Alkohol- und Drogenabsenz sowie absolute Gewaltlosigkeit. "Ein gewaltfreies Miteinander ist oft Millimeterarbeit“, gesteht er im Adam, gleich neben dem Wiener Landesgericht. "Aber es gibt keinen hoffnungslosen Fall, denn jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Ausnahmslos.“

Emmausgemeinschaft St. Pölten
Infos unter www.emmaus.at. Spenden sind steuerlich absetzbar: Sparkasse NÖ Mitte-West

BLZ 20256, Kontonummer 38 570

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