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Kein Ende des Hochhausbooms

Der umstrittene Hochhausbau in Wien-Mitte hat prinzipielle Fragen aufgeworfen: ist Wien ein Platz für moderne Architektur und Hochhäuser? Wieviel Modernität verträgt eine Stadt mit einem vermeintlich homogenen, historischen Stadtbild?

Wien ist anders: das gilt auch für den Städtebau. Behutsames Abwarten, die modifizierte, verspätete Übernahme internationaler Trends hat in der Donaumetropole Tradition. Beim Bau der U-Bahn ließ man sich länger Zeit als in Paris, Berlin und London. Die wegweisende Stadtplanplanung von Otto Wagner 1898 bildet zwar heute noch ein wesentliches Element des Wiener U-Bahnverlaufs, wurde aber anfänglich mit Dampflokomotiven betrieben. In London kam die erste elektrische U-Bahn in Tunnels 1890, die Pariser Metro wurde am 19. Juli 1900 eröffnet, der erste Teil der Berliner U-Bahn 1902. In Wien kamen die "Silberpfeile" 1976 auf die Schiene. Auch die bahnbrechenden Gemeindebauten des "Roten Wien" fügen sich lieber in die Blockstruktur der Gründerzeit, statt den Prinzipien der zu ihrer Bauzeit avantgardistischen Strömung des "Neuen Bauens" zu folgen, wie sie im Bauhaus Dessau, im sowjetischen Konstruktivismus, von der Niederländischen De Stijl-Bewegung oder dem italienischen Razionalismo gepflegt wurde.

Stadtbildprägend für die charakteristische Wiener Höhenstaffelung war der Wiener Bauzonenplan von 1893, der mit geringen Abweichungen bis heute gilt. Damals wurden im Generalregulierungsplan folgendes beschlossen: 16 bis 26 Meter in der Inneren Stadt, in den Bezirken zwei bis neun 20 Meter, in Teilen des 10. und 22. Bezirks 12 bis 21 Meter, 9 bis16 Meter außerhalb des Gürtels bis hin zur Vorortelinie. Die niedrigsten Bauklassen (2,5 bis 9 Meter beziehungsweise 2,5 bis 12 Meter) gelten in den Außenbezirken, was eine "sanfte Stadtkante" zum beginnend-ländlichen, von Einfamilienhäusern dominierten Wiener Umland ergeben soll. Bewusste Ausnahmen im peripheren Stadtgebiet wie Harry Glücks dominant-futuristischen Wohntürme Alt Erlaa und Viktor Hufnagls "Schöpfwerk" bestätigen die Regel. Auch in puncto Satellitenstädte hatten Paris und Berlin die Nase vorn: "Paris-Sacrelle" wurde 1955 gebaut, die Wiener Großfeldsiedlung kam zehn Jahre später.

1972 entdeckte die Wiener Bauordnung den Wert des Alten: in der Altstadterhaltungsnovelle können seitdem erhaltenswerte historische Ensembles und alte Ortskerne als Schutzzonen in den Bebauungsplänen rechtsverbindlich festgesetzt werden.

Schallmauer Steffl

Wiener Hochhäuser sind anders: sie fallen unter die so genannte Bauklasse VI (über 26 Meter) und müssen als "Sonderbauvorhaben" vom Wiener Gemeinderat genehmigt werden. Lange war es sehr still um diesen Bautyp. Der Stephansdom bildete mit seinen 137 Metern Höhe die Schallmauer, die kein profanes Gebäude durchbrach. Einzig der Donauturm, Schornsteine des Kraftwerks Simmering, der Sendemast am Kahlenberg und der Funkturm im Arsenal überragten fern der Inneren Stadt den Dom. Abgesehen vom ersten Wiener Hochhaus in der Herrengasse (1931/32, Siegfried Theiß und Hans Jaksch), Erich Boltensterns Ringturm (1955) und dem bauskandalumwitterten AKH war Wien lange so gut wie hochhausfrei. Ein Grund dafür ist die um ein bis zwei Jahre längere Verfahrensprozedur: die Baugenehmigung für das Sonderbauvorhaben Hochhaus erfolgt nicht unmittelbar, Rechtssicherheit gibt es erst ab der Genehmigung durch den Gemeinderat. Viele Projektentwickler wollten dieses Risiko nicht eingehen.

Die Gestaltungsstudie zur Nachnutzung des Geländes auf der Donauplatte, das für die geplatzte Weltausstellung vorgesehen war, brachte den entscheidenden Umdenkprozess. Coop Himmelb(l)au/Synthesis erstellten ein Hochhauskonzept an der Entwicklungsachse der U1, im städtebaulichen Leitbild und im Stadtentwicklungsplan 1994 bekannte man sich zum Hochhaus an bestimmten Standorten. Die ökonomischen Rahmenbedingungen wurden verbessert, zulässige Brandabschnitte für Hochhäuser vergrößert: statt 550 Quadratmeter genügten 700. Das führte zu größerer Wirtschaftlichkeit, voluminöseren und ob der erwünschten Schlankheit höheren Baukörpern.

Seit Mitte der Neunziger Jahre wurde Wien von einem sanften Hochhausboom erfasst, nicht nur an der Donau entstand eine neue Skyline. Den Anfang machten noch etwas zaghaft drei Wohntürme im Wohnpark Alte Donau: der liebevoll als "Obelix" bezeichnete, blau weiß gestreifte, runde Wohnturm von Gustav Peichl, daneben der NFOG-Turm, in unmittelbarer Nähe der mit einer gläsernen Haut überzogene Coop Himmelblau-Wohnturm. Etwas später folgte hier der IZD-Büro-Tower von NFOG (Nigst-Fonatti-Ostertag-Gaisrucker) mit 162 Meter Höhe. Die Spitze des Wohnparks Neue Donau liegt bei Harry Seidlers Wohnhochhaus auf der Wagramerstraße 150 Meter hoch. In unmittelbarer Nähe plante der prominente australische Architekt das Cineplexx-Palace, sowie weitere, sanft geschwungene Wohnbauten. Zwischen Alter und Neuer Donau herrscht Wiens größte Hochhausdichte. Die geschwungene Scheibe der UNO-City und der Donauturm finden sich heute umringt von Wilhelm Holzbauers Büroturm Andromeda Tower (110 Meter), Heinz Neumanns Ares Tower (etwa 90 Meter) und dem weltweit größten Hochhaus, das in Fertigteilbauweise errichtet wurde: dem Wohnbaukomplex Mischek Tower (110 Meter am hohen Ende) von den Architekten Delugan/Meissl. Demnächst soll hier der Saturn Tower entstehen.

"Die Digitalisierung der Bürowelten hat zu einem größeren Bedarf an zeitgemäßen Bürostrukturen geführt, die Nachfrage danach ist seit 1999 gestiegen. Nach dem EU-Beitritt und der Entwicklung in den osteuropäischen Staaten haben sich die Investoren vermehrt für den Standort Wien interessiert", erklärt Klaus Vatter, Senatsrat und Leiter der für Stadtentwicklung zuständigen Magistratsabteilung 21A. Im Stadtbild hat dieser Trend Spuren hinterlassen. Mit 202 Meter ragt der Millenniumstower am Handelskai in die Höhe (geplant von Gustav Peichl, Boris Podrecca, Rudolf Weber), vom jungen Investor Georg Stumpf zum Dumpingpreis von 1,5 Milliarden Schilling realisiert. Im Umfeld entstanden die "UCI Kinowelt Millenniumcity" und einige Wohnbauten. Ein ähnliches Zentrum liegt am Wienerberg: Jahrzehntelang stand Karl Schwanzers Philipps-Gebäude neben der Wiener Gebietskrankenkassa allein auf weiter Flur, 1993 kam mit dem 74 Meter hohen Business Park Tower, Hotel Holiday Inn, Geschäften, Büros und Business-Appartements das erste multifunktionale Bürozentrum nach Wien.

Interessenskonflikte

Nun ragt der Vienna Twin Tower A mit stolzen 138 Metern in den Nachthimmel, rote Lichter markieren sein Ende, damit Flugzeuge ihn nicht schrammen. Sein Zwillingsbruder, der Vienna Twin Tower B misst 126 Meter. Geplant wurden die eleganten, modernen Türme mit hoher Flächeneffizienz von Massimiliano Fuksas. Von ihm ist auch der "CineStar Filmpalast", außerdem gibt es Gastronomie, Geschäfte, Event-Bühne, Tagesbetreuung für Kinder. Bis 2003 sind die Wohntürme "Wienerberg City Tower I" von Delugan/Meissl, II und III von Coop Himmelblau, der "Monte Verde" von Albert Wimmer und diverse Wohnbebauungen geplant. Hans Hollein plante den EA Generali-Tower am Donaukanal, er entwarf auch den "Monte Laa" über der Südosttangente, einen 115 Meter hoher Bürokomplex mit umgebender Wohnbebauung, der 2005 fertig sein soll. Bis August 2002 ist der 75 Meter hohe "Galaxy21"-Turm von Martin Kohlbauer in der Praterstraße bezugsreif.

Schwer umstritten ist das 97 Meter hohe Projekt Wien-Mitte. Investorenherzen schlagen angesichts der idealen Verkehrsanbindung und der zentralen Lage höher, auch Vatter versteht die Aufregung nicht: "Viele Firmen siedeln aus dem Zentrum ab, weil die Bedürfnisse des modernen Büros in der Inneren Stadt nicht mehr gedeckt sind. Arbeitsplätze aber dürfen nicht aus der City abwandern. Wien-Mitte wäre wirklich notwendig." Ein neues Hochhauskonzept soll nun Interessenskonflikte mit dem Denkmalschutz und dem Unesco-Weltkulturerbe-Status des historischen Zentrums abmindern.

Eines ist sicher: die Globalisierung ist nicht mehr aufzuhalten, sie hat auch Wien erfasst. Das zeigt sich auch im Wohnverhalten der Wiener. "Wir können uns internationalen Trends nicht mehr verschließen. Wir leben in einer Wohlstands- und Freizeitgesellschaft, jeder Wohnungssuchende hat heute ein breites Angebotsspektrum zur Auswahl, Wohnungen werden öfter gewechselt, anonyme Wohnformen nachgefragt", meint Vatter. "Die Zeit der Ideologien ist vorbei. Laut einer Wohnbedarfserhebung wollen 17 Prozent der Wiener im Hochhaus wohnen, nur das Einfamilienhaus ist populärer. Auf diese Nachfrage müssen wir reagieren."

Momentan gibt es an die 87 Hochhäuser in Wien, etwa 12 Prozent davon sind Wohnhochhäuser. Der Markt schreit nach mehr: Ein Ende des hohen Baubooms ist also nicht abzusehen.

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