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Kein schwarz-weißer Blick auf Schwarze

Wenn Ihnen das nicht passt, gehen Sie zurück nach Afrika!" Diesen Spruch hat Emmanuel Kamdem schon oft gehört. Der Mitbegründer des Integrations-Vereins "Chiala" und Leiter des Afrika-Festivals in Graz lebt seit 20 Jahren in Österreich. Er begleitet Migrantinnen und Migranten bei Behördenwegen und hilft bei der Job-und Wohnungssuche. "Ich möchte nicht alle Österreicher in einen Topf werfen, aber es gibt schon Kommunikationsprobleme", räumt der aus Kamerun stammende Mann ein. So werden etwa Leute mit schwarzer Hautfarbe von vornherein als unglaubwürdig eingestuft, beschimpft oder sogar aus öffentlichen Stellen geworfen. "Viele Mitarbeiter reagieren irritiert, wenn jemand kommt, der eine andere Hautfarbe hat und sich nicht wie ein gelernter Österreicher verhält", sagt Kamdem.

Mehr Aufklärungsarbeit nötig

Ähnlich mühsam gestaltet sich die Wohnungssuche: Immer wieder beenden Makler oder Vermieter das Telefongespräch, sobald Kamdem erwähnt, dass es sich um schwarze Interessenten handelt. Klienten kommen verärgert in die Beratungsstelle, wenn sie im Bus oder auf der Straße beschimpft wurden. Die Vorurteile sind immer dieselben: "Wie kann sich ein Neger so ein großes Auto leisten? Sicher nur durch Drogen dealen!" Obwohl Kamdem seinen Klienten in solchen Fällen dringend rät, ein Verfahren wegen Diskriminierung einzuleiten, ist das vielen zu mühsam. Die Betroffenen haben oft ganz andere Probleme, etwa mit ihrem Visum oder laufenden Asylverfahren.

Die Anti-Rassismus-Stelle ZARA bestätigt, dass Schwarze von allen Ethnien in Österreich am öftesten von Rassismus betroffen sind. Dem Alltagsrassismus kann auch ZARA keinen Riegel vorschieben. "Wir könnennurstrukturellenRassismusbekämpfen, staatliche Organe anprangern und Aufklärungsarbeit leisten", sagt Geschäftsführerin Claudia Schäfer. Auch wenn es von der Polizei offiziell verneint wird: Laut Schäfer selektieren Polizisten sehrwohl nach ethnischen Kriterien, wer als verdächtig gilt. "Wenn in einem Zug drei Schwarze sitzen und 100 Weiße, werden die drei Schwarzen immer kontrolliert." Wenn ZARA Lokale auf ihre Einlasspolitik hin testet, ergibt sich jedes Jahr das Bild: Den schwarzen Testpersonen wird am seltensten Eintritt gewährt. Allerdings betrifft das fast nur Männer: "Die Männer werden als sexuell aggressiv und aufdringlich wahrgenommen, den Frauen wird eher zugeschrieben, sie wären williger", berichtet Schäfer. Selbst US-Präsident Barack Obama hat anlässlich der Unruhen in Ferguson eingeräumt, er kenne das Gefühl, als schwarzer Mann über einen Parkplatz zu gehen und eine Zentralverriegelung nach der nächsten klicken zu hören.

Österreichs lasche Anti-Rassismus-Politik

Nicht nur in den USA ist die Vorstellung vom sexuell übergriffigen, aggressiven schwarzen Mann noch immer verbreitet, so Kulturwissenschaftler Klaus Rieser vom Institut für Amerikanistik der Uni Graz: "Das Bild des gefährlichen schwarzen Mannes ist im Kontext der Sklaverei und des Schutzes der weißen Weiblichkeit entstanden -eine historische Umkehrung, weil es in Wirklichkeit einen massiven Missbrauch schwarzer Frauen durch weiße Männer gab." Schwarze Frauen leiden unter einer doppelten Benachteiligung und sind in einer double-bind-Situation gefangen: Zwischen den Ansprüchen schwarzer Männer und jenen weißer (Mittelklasse)-Feministinnen.

Während in den USA verschiedene ethnische Gruppen differenziert wahrgenommen werden, herrsche in Österreich vor allem das Bild von Schwarzen als Asylbeantragende, Straßenzeitungs-Verkäufer oder Drogendealer. "Im Gegensatz zu den USA fühlt sich Österreich nicht als multikulturelles Einwanderungsland und hat auch keinen so entwickelten Rassismus-Diskurs", betont Rieser. Weil die Schwarzen hierzulande eine kleine Minderheit darstellen und in noch viel prekäreren Umständen leben als in den USA, seien auch keine ähnlichen Aufschreie gegen Benachteiligungen wie in Ferguson zu erwarten. Den Rassismus erklärt Rieser so: "Gerade in unsicheren Zeiten werden Ängste vor Macht-oder Kontrollverlust auf körperliche Merkmale wie die Hautfarbe projiziert. Dahinter liegen aber immer soziale und ökonomische Unterschiede."

Seit 2000 gehört der Kampf gegen Diskriminierung zum Zuständigkeitsbereich der EU. 14 Jahre später ist Österreich nach wie vor säumig, einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus zu erstellen. Obwohl das heimische Gleichbehandlungsgesetz sehr voluminös ist, bietet es keinen effektiven Schutz gegen Diskriminierung. "Der Aufwand für Opfer, sich einem Verfahren auszusetzen, steht in keiner Relation dazu, was sie bestenfalls bekommen", betont Dieter Schindlauer, Präsident des Klagsverbandes zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern. Das Gesetz sei weder abschreckend noch wirksam. "Was daran abschreckend sein soll, wenn man als großer Konzern ein paar Euro zahlen muss, erschließt sich mir nicht", so Schindlauer. Verschiedenste Regelungen des Antidiskriminerungsrechts würden seitens Polizei und Justiz oft nicht korrekt angewendet werden.

Schwarze sind nicht nur Opfer

Davon kann auch die Nigerianerin Alexandra Oyowe ein Lied singen, die Ende der Neunzigerjahre nach Österreich kam: "Das Wort 'Nigger' musste ich mir öfter anhören." Während ihrer Arbeit bei einem Friseur in Klagenfurt wollten sich mehrere Kunden nicht von ihr die Haare waschen lassen. Selbst von Kolleginnen wurde sie angegriffen. Inzwischen lebt Oyowe in London, wo sie sich viel wohler fühlt. Wenn sie dort am Arbeitsplatz belästigt wird, leitet ihre Firma sofort ein Verfahren ein. Mit der Zeit hat die 35-Jährige gelernt, mit dem Rassismus umzugehen. Vom Gesichtsausdruck ihres Gegenübers kann sie ablesen, wie jemand einen Begriff meint. "Manchmal wiederholen Kinder nur, was sie von den Eltern hören", betont Oyowe, "ohne es böse zu meinen. Manche ältere Leute wissen gar nicht, dass Wörter wie 'Neger' abwertend sind."

Es bräuchte dringend mehr Präventionsarbeit, ist der Grazer Aktivist Kamdem überzeugt. Er ist immer wieder erstaunt, wie offen Schülerinnen und Schüler zu ihren rassistischen Positionen stehen. "Gerade für Brennpunktschulen und Schulabbrecher bräuchten wir mehr Programme, damit die Leute nicht arbeitslos, kriminell oder radikalisiert werden." Doch solange Migrantinnen und Migranten in der Politik unterrepräsentiert sind, sei eine mangelnde Integrationspolitik nicht verwunderlich.

Schwarze dennoch nicht nur als Opfer darzustellen, ist dem afrikanischstämmigen Wiener Journalisten Simon Inou ein großes Anliegen. Sein neu gegründetes Magazin "fresh" will ein positiveres Bild der zweiten und dritten Generation von afrikanischen Migranten transportieren. "Je mehr ich mich gegen Rassismus engagierte, umso größer wurde der Widerstand", so Inou. "Ich habe auch sehr gute Erfahrungen in diesem Land gemacht und will nicht mehr bloß am Rassismus festgenagelt werden."

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