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Käufliche Körper

Prostitution - Ob am Wiener Straßenstrich oder in Laufhäusern am Land:  Prostitution ist Teil der Gesellschaft – doch in Österreich nicht als Gewerbe anerkannt. - © Foto: iStock / fotografixx (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Gesellschaft

Keine Arbeit wie jede andere

1945 1960 1980 2000 2020

Erst jüngst ist in Deutschland eine Debatte über Prostitution entbrannt. Kann ein Verbot des Sexkaufs die Lösung sein? Und ist es wirklich denkbar, dass sich Frauen aus freiem Willen prostituieren? Vereine und Sexarbeiterinnen erzählen.

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Erst jüngst ist in Deutschland eine Debatte über Prostitution entbrannt. Kann ein Verbot des Sexkaufs die Lösung sein? Und ist es wirklich denkbar, dass sich Frauen aus freiem Willen prostituieren? Vereine und Sexarbeiterinnen erzählen.

Wenn Elena über ihre Vergangenheit spricht, kneift sie die Augen fest zusammen. Das gelbe Neonlicht des Sex-Studios hat sich in ihre Erinnerung eingebrannt. Elena (Name von der Redaktion geändert; Anm.), schwarze Haare, dünn gezupfte Augenbrauen, vernarbte Ritz-Spuren am Unterarm, war vier Jahre als Sexarbeiterin tätig. Zuerst bei einer Agentur, später in einem Studio. Körperverletzung, Erpressung und Drogen gehörten für sie zum Alltag.

„Echtes Tageslicht bekam ich kaum zu sehen“, erzählt die ehemalige Prostituierte. Ein Bekannter hatte sie in Rumänien an eine österreichische Escort-Agentur vermittelt. Elena wusste, dass sie als Prostituierte arbeiten würde. Welche Spuren die Arbeit hinterlassen wird, konnte sie damals dennoch nicht ahnen. Nach vier Jahren war Elenas Körper kaputt: Unterleibsschmerzen und Rückenprobleme plagten die Frau. Am Ende konnte sie den Job nur durch Einnahme von Drogen machen. Der Ausstieg aus dem Milieu gelang der 32-Jährigen mithilfe von Streetworkern und Vereinen. Als Prostituierte kann und will sie nie wieder arbeiten. „Das ist eine Arbeit für Verrückte“, sagt sie mit lauter Stimme, „und kein Beruf wie jeder andere“. Seit einem Jahr geht Elena in Psychotherapie. Im August beginnt sie mit einer neuen Arbeit als Reinigungskraft.

Rechtliche Grauzonen

egistrierte Prostituierte in Österreich. Die Dunkelziffer liegt bei 10.000. Nur etwa 200 davon sind Männer. Mehr als 90 Prozent der Sexarbeiterinnen sind Ausländerinnen: Die Frauen kommen aus Ungarn, Rumänien oder Nigeria. Und die meis ten haben eines gemeinsam: die extreme Armut in ihren Heimatländern. Ihr Beruf wird häufig tabuisiert, totgeschwiegen. Sex arbeiterinnen bewegen sich in Grauzonen, die zudem rechtlich schwer zu fassen sind. Bei kaum einem anderen Berufsstand spielen moralische und ethische Fragen eine derart große Rolle, wenn es darum geht, Gesetze zu bestimmen. So forderten erst kürzlich prominente Politikerinnen der deutschen SPD ein Sexkauf-Verbot nach dem schwedischen Modell.

In Schweden gibt es seit mehr als zwanzig Jahren ein Verbot von käuflichem Sex. Damit sollen die Prostituierten geschützt, Freier aber bestraft werden. Die Schweiz hingegen hat jüngst ihr Prostitutionsgesetz liberalisiert: Sexarbeiterinnen wurden neu besteuert, klare Betriebsregelungen für Sexlokale eingeführt und Maßnahmen gegen Menschenhandel festgehalten. Aber lassen sich die Probleme, die es in der Prostitution gibt, mit einer Liberalisierung der Branche so einfach lösen? Und treibt umgekehrt ein Total-Verbot die Frauen nicht in die Illegalität? In Österreich müssen sich Prostituierte als sogenannte „Neue Selbstständige“ melden. Sexuelle Dienstleistungen unterliegen hierzulande nämlich nicht der Gewerbeordnung und werden daher auch nicht als Gewerbe anerkannt. Obwohl Prostitutionsgesetze Ländersache sind, gibt es einige österreichweite Regelungen. So müssen Sexarbeiterinnen alle sechs Wochen eine amtsärztliche Untersuchung absolvieren, bei der sie auf Geschlechtskrankheiten untersucht werden. Zudem gibt es alle zwölf Wochen eine Blutuntersuchung auf HIV und Syphilis. Die Untersuchungen werden auf der Gesundheitskarte, die jede angemeldete Prostituierte bekommt, vermerkt.

Die medizinischen Untersuchungen würden sich hauptsächlich auf den Schutz der Gesellschaft und wieder nicht auf den Schutz der Prostituierten fokussieren, sagen Kritiker wie Sr. Anna Mayrhofer vom Verein „Solwodi“. Der Verein unterstützt Frauen, die nicht mehr als Prostituierte arbeiten möchten, unter anderem mit Schutzwohnungen, in denen die Frauen etwa ein Jahr lang wohnen. Die Untersuchungen würden alle nur auf die potenzielle Ansteckungsgefahr für andere abzielen, nicht jedoch auf eine Gesunden-Untersuchung der Frau, erklärt die Ordensfrau von den Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens. „Jede Frau hat ihre Geschichte“, sagt Mayrhofer, „viele werden von ihren Cousins, Brüdern oder sogar Vätern ins Land gebracht, um Geld für die Familie in der Heimat zu verdienen“.

Häufig wisse nur ein Teil der Familie, was die Frauen im Ausland machen und wie sie ihr Geld verdienen. Einige von ihnen werden von ihren eigenen Verwandten erpresst, erzählt Mayrhofer, „den Frauen wird gedroht, dass man ihnen ihre Kinder weg nimmt, wenn sie kein Geld nach Hause schicken“. Die Ordensfrau sieht die Sexarbeiterinnen als Opfer ihrer Lebensumstände, nur die wenigsten würden den Beruf völlig freiwillig wegen des schnellen Geldes machen, erklärt sie. Mayr hofer spricht deshalb von Armutspros titution. „Wir sind Christen, und niemand sollte seinen Körper verkaufen müssen, weil er zu Hause hungert“, sagt sie. Häufig sei Prostitution in den Herkunftsländern der Betroffenen, wie zum Beispiel in Rumänien, gänzlich verboten. Und im Unterschied zum schwedischen Modell werden die Sexarbeiterinnen dort nicht geschützt, wenn sie Prostitution dennoch ausüben.