Kirchen beginnen bei sich selbst

Vor elf Jahren führte in Österreich ein mehrjähriger Diskussionsprozess zum Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe. Unmittelbar davor waren in den USA Dokumente zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen erschienen. (1986 katholische Bischöfe, 1989 protestantische "United Church of Christ") - ebenfalls auf Grundlage einer öffentlichen Auseinandersetzung. 1997 schließlich haben die evangelische und die katholische Kirche Deutschlands ein "Gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland" veröffentlicht. Bald darauf wurde in der Schweiz ein kirchliches Sozialwort angegangen. 1998, beim Salzburger Delegiertentag zum "Dialog für Österreich", sprachen sich 252 von 261 Delegierten der katholischen Kirche dafür aus, das ökumenische Projekt eines "Sozialwortes der Kirchen" zu initiieren.

Eine ganz spezifische Vorgangsweise ist für die Erstellung sozialer Dokumente zum "state of the art" geworden: der öffentliche Konsultations-/Beratungssprozess. Warum aber in Österreich bereits nach zehn Jahren ein Dacapo, wo doch viele der Forderungen des katholischen Sozialhirtenbriefes noch nicht einmal umgesetzt worden sind? Solche Frage ist immer zu hören.

Ökumenischer Meilenstein Neben der charakteristischen Art, solche Dokumente zu erstellen, nämlich in Form einer öffentlichen Auseinandersetzung, Diskussion, Konsultation, hat es auch eine deutliche Entwicklung in Richtung ökumenischer Vorgehensweise gegeben. Gab es in Deutschland und in der Schweiz noch eine "bilaterale Zusammenarbeit" zwischen den Kirchen (evangelisch - katholisch), so ist das erwähnte "Projekt Sozialwort" in Österreich ein klares Novum. Erstmal wollen reformierte Kirchen, katholische Kirche (westliche Tradition) gemeinsam mit den orthodoxen und altorientalischen Kirchen (östliche Tradition) ein Sozialdokument als gemeinsame Stellungnahme zu den sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen erstellen. Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) brachte die Initiative auf den Weg, gesteuert wird sie von einer ökumenischen Arbeitsgruppe. Mit der Durchführung wurde die Katholische Sozialakademie Österreichs beauftragt.

Kirchen beginnen bei sich selbst Eine besondere Akzentverschiebung gegenüber bisherigen Konsultationen ergibt sich auch in Hinblick auf den Prozessverlauf. Beim "Projekt Sozialwort" beginnen die christlichen Kirchen bei sich selbst: In der ersten Phase sind soziale kirchliche Initiativen und Einrichtungen aufgerufen, ihre soziale Praxis kritisch zu reflektieren und daraus Forderungen an Kirchen(leitungen), Gesellschaft und Politik zu formulieren. Erst dann werden diese Grund-Positionen einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion vorgestellt. In der ersten Phase wurden also "Stimmen der Basis" gesammelt, welche die Grundlage für die vorbereitende Diskussion und Erstellung des Sozialwortes bilden.

Wo steht das Projekt Sozialwort derzeit?

Zur Zeit werden 550 Einsendungen aus allen Kirchen ausgewertet. Beteiligt haben sich große und kleine soziale Initiativen und Einrichtungen aus den verschiedensten Gebieten: Behindertenarbeit, Eine Welt, Spitäler, Flüchtlingsbetreuung, Pfarrcaritas, Schuldnerberatung ... In einem Sozialbericht werden die Ergebnisse am 12. September der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Inhalte werden sein: Was tun die Kirchen auf sozialem Gebiet, was muss sich in den Kirchen ändern, welche Forderungen sind an Politik und Gesellschaft zu richten?

In der ZivilgesellschaftRede und Antwort stehen So wichtig Bildungsprozesse in den Kirchen zu den sozialen Fragen und Herausforderungen sind, so wichtig ist es auch, dass die Kirchen das eigene Tun zur Diskussion stellen, die eigenen Vorstellungen und Werte in die öffentliche Auseinandersetzung einbringen. In der zweiten Phase (ab 12. September) werden die Kirchen genau das umsetzen: Sie stellen ihre Erfahrungen zur Verfügung, lassen sich kritisch anfragen und fordern zu einer Diskussion über die sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen auf. Der "Sozialbericht" der Kirchen dient daher n der Auseinandersetzung um die Entwicklung in Wirtschaft und Politik, Staat und Zivilgesellschaft, n dem Gespräch der kirchlichen Initiativen und Einrichtungen mit ihren konkreten Aktionspartner, n der Neuorientierung der kirchlichen Praxis im gesellschaftlichen Kontext.

Soziale Brennpunkte Die bisherige Auswertung der Einsendungen zeigt die Sinnhaftigkeit einer "Standortbestimmung" der sozialen Praxis der Kirchen. Nicht nur wird deutlich, welche Aufgaben kirchliche soziale Initiativen und Einrichtungen bereits jetzt wahrnehmen, sondern auch, welcher konkreter Handlungsbedarf besteht. Viele Fragen wurden freilich schon 1990 im Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe aufgegriffen. Doch heute - mehr als zehn Jahre später - haben sich verschiedene Probleme verschärft (etwa Generationenfrage, Pensionen), sind neue dazugekommen (wie verstärkte Flexibilisierung, soziale Auswirkungen der Sparpakete, neue Armut).

Um so manche soziale Fragen ist es heute in der öffentlichen Diskussion ruhiger geworden, die Probleme sind aber geblieben. Man denke etwa an die Situation von Gefangenen oder Langzeitarbeitslosen. Innerkirchlich gab es viele Veränderungen: Durch die knapperen finanziellen Ressourcen der größeren Kirchen wurde bei vielen sozialen Aufgaben eingespart, teilweise herrscht ein eklatanter Mangel an Ehrenamtlichen.

Der Blick auf die sozialen Herausforderungen wurde durch die Beteiligung von 14 - ganz verschiedenen - christlichen Kirchen in Österreich erweitert. Gerade die Ostkirchen verstehen sich als Kirchen in der "Diaspora" und sind noch viel unmittelbarer mit Fragen von Migration und Flüchtlingsschicksalen, aber auch Fremdenfeindlichkeit konfrontiert.

Fragen der Zeit Bereits jetzt kristallisieren sich Fragen heraus, deren Diskussion für die Zukunft der Gesellschaft und der Kirchen von eminent wichtiger Bedeutung sein werden. Hier sollen sieben Fragen genannt werden: * Wie gehen wir mit einem immer größeren Auseinanderdriften in der Gesellschaft um? (wachsende Zahl von geringfügig Beschäftigten, Rund-um-die-Uhr-Erwerbsgesellschaft, Privatisierung gesellschaftlicher Risiken - unter dem Mäntelchen von der wohlklingenden Option für mehr Eigenvorsorge versteckt, wachsende Verschuldung in weiten Kreisen der Bevölkerung)?

* Werden die Kirchen in Zukunft ihre soziale und gesellschaftspolitische Aufgabe adäquat wahrnehmen und was müssen sie dafür ändern?

* Wie kann die Zukunft in einem Miteinander und einem Respekt vor einander (Religion, Herkunft, Kultur ...) gestaltet werden? Welche sozialen und politischen Rechte brauchen Migrantinnen und Migranten?

* Wie können wir Probleme in Beziehungen/Familie, Beruf, Gesellschaft in Zukunft gewaltfrei lösen?

* Wie kann die Gleichberechtigung von Frauen in allen Teilen der Gesellschaft vorangetrieben werden?

* Wenn Bildung immer mehr zur Ware wird und ausschließlich als berufliche Fort-Bildung verstanden wird: Wie muss im Sinne einer umfassenden Bildung gegengesteuert werden?

* Wie kann und muss der Sozialstaat reformiert werden? Was ist die Alternative zu dessen sukzessiven Verabschiedung, was sind die Antworten auf die entstehenden Problemfelder wie dem der "Neuen Armut"?

Entgegen dem bösen Bonmot: "Die Kirche hat die Antwort, was aber war die Frage?" ist es Aufgabe von Kirchen in der Zivilgesellschaft, Prozesse zu initiieren, die auf Diskussion und Verständigung abzielen. Mit den Fragen und Anliegen, die die kirchliche Basis im "Sozialbericht" formuliert, soll nun das Gespräch gesucht werden. Akteur in der Zivilgesellschaft zu sein, erfordert vor allem Kommunikation, so der katholische Sozialethiker Peter Rottländer. Es erfordert eine "Nähe zu den Menschen, eine Kenntnis ihrer Fragen, Wünsche, Ängste, Leiden, Bedürfnisse, Hoffnungen und Sehnsüchte". Genau um diesen Schritt wird es nun gehen.

Der Autor ist Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe),unter anderem am Projekt Sozialwort Hinweis: Materialien zum "Projekt Sozialwort" und zum Thema des Dossiers finden sich auf Seite 16, unten.

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