Kleiner Grenzverkehr, große Probleme

Die USA suchen nach einer politischen Lösung für die elf Millionen illegalen Einwohner aus Lateinamerika. Trotz Aufstockung von Budget und Personal der Grenzpolizei sinkt die Zahl der Übertritte nicht - die 3000 Kilometer lange Grenze zu Mexiko lässt sich kaum kontrollieren.

"Cucurrucucú, paloma, ya no le llores …“: Über das sanfte Gurgeln des Rio Grande vor der Schlucht durch die Sierra del Carmen hinweg klangen die Töne des bekannten lateinamerikanischen Gassenhauers. Sie kamen wie von weit her. Ich sah den Sänger nicht gleich. Er stand auf einem Felsen auf der mexikanischen Seite des Grenzflusses: einen Sombrero auf dem Kopf, ein großes Fernglas umgehängt, durch das er nach Touristen auf der amerikanischen Seite Ausschau hielt. Wenige Schritte danach stolperte ich über einen Papierbecher, vor dem ein Pappendeckel mit einer Schrift stand: "Amigo! Bitte geben Sie dem Sänger der mexikanischen Lieder eine Spende. Er braucht es, damit seine Kinder in die Schule gehen können. Ihr Nachbar Victor.“

Ein paar Minuten hinter mir kam mein Sohn: "No tengo dinero“, rief er hinüber und Victor hörte sofort auf zu singen. Geschäft ist Geschäft. Am Rückweg bat ich den Sänger: "Cante usted ‚La Cucaracha‘, por favor …“ Er begann sofort: "La Cucaracha …“, und ich steckte für ihn deutlich sichtbar einen Dollar in den Becher. Er bedankte sich nicht. Das wäre irgendwie unter seiner Würde gewesen. In einer kleinen Ausbuchtung des Ufers hat Victor ein Boot liegen, mit dem er am Abend oder wenn er keine Touristen kommen sieht, auf die USA-Seite des Flusses rudert, um das Geld zu holen.

Heiße Grenze

Dieser kleine Grenzverkehr, den Victor und etliche Andenkenverkäufer aus dem Dorf Boquillas del Carmen praktizieren, ist höchstwahrscheinlich illegal, aber er wird stillschweigend toleriert. Die Polizisten der amerikanischen Border Patrol wissen ganz gut, dass hier niemand unbemerkt in die USA kommen kann. Er hätte keine Chance, denn auf der US-Seite würde er im großen Nationalpark von Big Bend landen, der kaum zu überwinden ist. Hundert Kilometer zu Fuß durch die Wüste könnte kein "Illegaler“ schaffen, und Autostoppen darf er sich nicht trauen.

Nicht überall an der heißen Grenze zwischen den USA und Mexiko geht es so friedlich zu wie hier. 500 Kilometer nördlich von Boquillas liegen die Grenzstadt El Paso und ihre mexikanische Schwesterstadt Ciudad Juárez, die den Ruf hat, die gefährlichste Stadt der Welt zu sein. Jeden Tag kommen dort ein paar Menschen in den Kriegen zwischen den Drogenkartellen um. In El Paso ist die Grenze ein doppelter Stacheldrahtzaun, weiter nach Westen in Richtung San Diego und Pazifikküste ist sie oft auch eine Mauer. Überall in diesem Raum gibt es weit hinter der Grenze gestaffelte Straßenkontrollen: "Sind Sie amerikanische Staatsbürger? Ihre Pässe, bitte! Haben Sie Waffen? Öffnen Sie den Kofferraum! - Take care, guys!“

Die Wüste erleichtert die Arbeit

Die Border Patrol hat freilich noch ganz andere Mittel der Kontrolle als simple Straßensperren. Mit Überwachungsballons, die 200 Meter hoch über dem Boden schweben, kann sie riesige Gebiete am Boden elektronisch absuchen. Dass fast überall im Südwesten der Grenzraum eine Wüste ist, erleichtert ihr die Arbeit beträchtlich. Aber auch sie weiß, dass die 3000 Kilometer lange Grenze zwischen den USA und Mexiko nicht wirklich zu kontrollieren ist. Das Budget der Border Patrol ist seit 1992 um 714 Prozent gestiegen und beträgt nun 2,7 Milliarden Dollar im Jahr, die Zahl der Beamten ist im selben Zeitraum von 3555 auf 17.415 hinaufgeschnellt, die Zahl der illegalen Übertritte ist aber nicht niedriger geworden.

Es war ein lustiger und sehr langer Abend in Tuscon, Arizona. Eine Gruppe von Mitarbeitern eines sehr bekannten Architekturbüros traf sich in der Wohnung eines von ihnen. Jeder der Anwesenden ist ein Immigrant: die Österreicherin, ein Portugiese, ein Chinese, ein Vietnamese, ein Latino aus Mexico. Nur der Chef des Büros und eine Texanerin sind gebürtige Amerikaner. Irgendwann brachte der Gast aus Österreich das Gespräch auf den Drogenkrieg, die Hispanics und die illegale Immigration.

Das umstrittene Gesetz SB1070, das die Legislative von Arizona vor einigen Monaten verabschiedet hat und das in den USA einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat, werde selbstverständlich schon längst praktiziert, erzählten die Architekten, obwohl der Präsident dagegen vor Gericht geklagt hat. Die Gouverneurin von Arizona hat ihrerseits bei Gericht gegen die Aufschiebung Rekurs eingelegt. Polizisten in Arizona dürfen Lateinamerikaner - oder wer so aussieht, als könnte er einer sein - wegen kleiner Vergehen aufhalten und ihre Papiere kontrollieren. Wer nicht nachweisen kann, dass er legal in den USA ist, wird sofort in Schubhaft genommen: "Das ist zwar fürchterlich, aber leider unvermeidlich“, meinten die Ausländer unisono. "Wie anders soll man sonst das Problem unter Kontrolle bringen?“

So sehr die Arbeit der Grenzpolizei unverzichtbar ist, weiß doch jeder in den USA, dass es für die Frage der illegalen Immigration nur eine politische Lösung geben kann. Und ebenso weiß jeder, dass diese Lösung nur darin bestehen kann, einem Großteil der illegal Eingewanderten einen legalen Status zu geben. Denn obwohl im letzten Jahr mit 392.000 eine bisher unerreichte Höchstzahl von Abschiebungen stattgefunden hat, bleiben Millionen Menschen zurück, die in den Arbeitsmarkt integriert und für die amerikanische Wirtschaft unverzichtbar sind - viele freilich auch als völlig ungeschützte Taglöhner.

"Verdiente Legalisierung“

Dass die Republikaner nun im Abgeordnetenhaus eine große Mehrheit haben, muss nicht unbedingt bedeuten, dass eine solche Lösung schwieriger wird. Es gibt genügend republikanische Politiker, die eine klare Legalisierung befürworten. Immerhin hatte George Bush schon ein Gesetzespaket dafür ausarbeiten lassen, er war damit aber am Widerstand in seiner eigenen Partei gescheitert. Eine Legalisierung hätte folgende Bestandteile und Schritte: Ein Illegaler - in der amerikanischen Rechtsdiktion: undocumented person - müsste sich bei den Behörden melden und eine genaue Dokumentation seiner Geschichte illegaler Arbeit in den USA vorlegen; er würde einer rigorosen Sicherheitskontrolle unterzogen, müsste Strafen zahlen und Steuern nachzahlen und schließlich Englisch lernen und einen Kurs in amerikanischer Kultur und Sitte machen. Im Gegenzug würde er eine Arbeitserlaubnis für mehrere Jahre erhalten, seine Familie - wenn nicht schon da - nachholen können und so mit den USA "klarkommen“.

Das klingt relativ streng, wird aber auch von Vertretern der hispanischen Bevölkerung in den USA sehr befürwortet. Es soll sich ausdrücklich nicht um eine Amnestie handeln, sondern um eine "verdiente Legalisierung“, die nicht ohne Gegenleistung, sondern nur aufgrund signifikanter eigener Beiträge des Betroffenen zu haben ist. Die Universität of California Los Angeles (UCLA) hat auch ausgerechnet, was das dem Staat bringen würde und ist auf die unglaubliche Zahl von 1,5 Billionen Dollar Erhöhung des BIP über zehn Jahre gekommen.

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