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"Können wir nicht mit Anstand gehen?"

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Man rechnete mit einer Handvoll Teilnehmer, gekommen sind rund 1.000 Anmeldungen. Eine gesteckt volle Tagung zum Thema "Sterbehilfe" zeigte, wie sehr das Thema inzwischen aufregt (siehe auch Beitrag unten).

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Man rechnete mit einer Handvoll Teilnehmer, gekommen sind rund 1.000 Anmeldungen. Eine gesteckt volle Tagung zum Thema "Sterbehilfe" zeigte, wie sehr das Thema inzwischen aufregt (siehe auch Beitrag unten).

Am 19. und 20. März 1999 veranstalteten vier katholische Institute (Aktion Leben/Institut für Ehe und Familie IEF/Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik IMABE/Katholischer Familienverband KFÖ) eine interdisziplinäre Fachtagung, bei der 16 Referate über die Problematik der Euthanasie für engagierte Diskussion sorgten.

Mit 100 bis 150 Teilnehmern hatte man gerechnet - bei einem derart schweren und belasteten Thema wie Euthanasie schien sogar das zunächst zu hoch gegriffen ...!

Gekommen sind dann 1.000 Anmeldungen - man konnte gar nicht alle Interessenten annehmen und auch die Videoübertragung in der Aula des Bundesamtsgebäudes in Wien war gesteckt voll.

Das Thema Euthanasie regt wieder auf. Die Tagung - unter dem Ehrenschutz von Kardinal Franz König und Familienminister. Martin Bartenstein - begann mit Vorträgen über zwei Künste: * Ars moriendi (die Kunst, zu sterben), und * Ars dimittendi (die Kunst, zu entlassen).

Eine dritte Kunst wurde nicht genannt, und doch steht sie über den beiden erwähnten und bildete daher den eigentlichen Hintergrund der gesamten Veranstaltung: Die Ars vivendi als Kunst, zu leben.

Sowohl Sterben als auch Entlassen - beide sind sie Künste des Lebens.

Jeder Sterbende ist immer auch (noch) ein Lebender, so lange, bis er stirbt, also bis ganz zuletzt.

Die Gestaltung des Sterbens ist immer eine Aufgabe der Lebenden - eine wichtige Erkenntnis, denn häufig werden lebende Sterbende so behandelt, als wären sie bereits tot.

Wann ist es "genug"?

Da geht es erstens um die Kunst des Sterbebegleiters, des oder der Verwandten, der Familie, aber auch der Profis, also der Ärzte und Ärztinnen, der Personen des Krankenpflegepersonals und so weiter., zu erkennen, "wann es genug ist", ab wann es nur noch Quälerei wäre, das Leben um jeden Preis zu erhalten. Bis zu welchem Zeitpunkt entspricht das Sterben noch der Würde der Person, und ab wann wird der sterbende Mensch instrumentalisiert? Zum Beispiel durch eine Medizin, die sich selbst nicht mehr einbremsen kann?

"Können wir nicht mit Anstand gehen?"

Da geht es zweitens aber auch um die "Lebens-Kunst" des Sterbenden selbst. Er hat eigentlich keine Wahl, und letztlich keine Chance. Er wird sterben, und er muß loslassen. Die Frage ist nur: Wie schmerzlich muß das sein? Die österreichisch-französische Philosophin und Schriftstellerin Christiane Singer hat das einmal so ausgedrückt: "Wir verhalten uns wie geladene Gäste einer Abendveranstaltung. Man unterhält sich, man ißt und trinkt, man tanzt, man genießt bis ins Morgengrauen hinein, aber dann, wenn die Uhr schon längst die Abschiedsstunde geläutet hat, klammern wir uns noch mit letzter Kraft an die Vorhänge. Können wir nicht eine schöne Zeit, die wir hatten, mit Anstand und Würde beenden?"

Mit diesen Sätzen sind wir mitten im Thema der Veranstaltung "Leben. Sterben. Euthanasie?"

Es geht ein Riß durch die Bevölkerung. Bejahung oder Ablehnung der Euthanasie im Sinne der Sterbehilfe, also der bewußten Abkürzung des menschlichen Lebens, kann nicht eindeutig bestimmten weltanschaulichen Gruppierungen oder sozialen Schichten zugeordnet werden. Das Thema ist ein allgemein menschliches Thema, und erst in zweiter Linie eines der Ideologien.

Euthanasie, wie sie heute gemeint ist, als "Sterbehilfe" (ein Begriff, der knapp 100 Jahre alt ist), ist aus der Not geboren. Im wesentlichen sind es zwei Hauptgründe, aus denen Euthanasie heute verlangt wird. Und in beiden Fällen stehen die Befürworter der Sterbehilfe mit dem Rücken zur Wand, stehen unter Druck und handeln aus Angst.

* Es gibt eine Gruppe von Menschen, denen die persönliche Freiheit über alles geht. Sie fordern das Recht, über sich selbst, und damit auch über ihr Leben, autonom verfügen zu können. Das bezieht Tötung auf Verlangen mit ein. Der Staat hätte die Pflicht, dieser individuellen Freiheit keine Hindernisse in den Weg zu legen, und auch, wie im Fall von Krankheit Medikamente, so im Fall des Verlangens, sterben zu können, entsprechende Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Es geht in diesen Fällen nicht zuletzt um den Wunsch, selbstbestimmt das eigene Leben dann abzurunden, wenn es opportun erscheint, und eventuellen künftigen (oder weiteren) Leiden auszuweichen.

Dieses Modell haben die Niederländer in die Tat umgesetzt. Auf der Tagung kritisierte der Belgier Philippe Schepens, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben, Holland in dieser Hinsicht schwer: Die Argumente pro Sterbehilfe seien die gleichen wie die Pro-Abtreibungsgründe. Beim Auditorium kam diese extrem formulierte Kritik schlecht an.

* Die zweite Gruppe von Menschen, die das Recht zur Euthanasie verlangen, sind jene, die unerträglich leiden oder dieses Schicksal für die Zukunft fürchten; es sind jene, die nicht als mehr oder weniger entrechtete Sterbende in irgendeinem anonymen Spitalsbett enden wollen; es sind jene, die sich als Objekt medizinischer Apparate empfinden, und davor schlicht und einfach Angst haben. Schmerzen und Alleingelassensein sowie Verlust der persönlichen Integrität - das sind die Hauptängste der Menschen vor dem Sterben. "So wie wir die Menschen im Spital sterben lassen, möchte ich künftig nicht sterben müssen!", hat seinerzeit der Wiener Psychiater Erwin Ringel gesagt - und an der Berechtigung dieses Aufschreis hat sich nicht viel geändert seitdem.

Solange aber die Angst vor Schmerzen und vor Einsamkeit im Sterben zu Recht besteht, wird der Ruf nach Euthanasie in der Bevölkerung immer stärker werden. Wenn aber die Haupt-Sterbensängste vermindert werden können, wollen die betreffenden Menschen nicht mehr vorzeitig sterben, dann wollen sie leben, so lange es geht. Das haben zahlreiche Studien bewiesen. Anders gesagt: Der Ruf nach Euthanasie ist ein Alarmzeichen - ein Hinweis dafür, daß wir mit den Sterbenden - und das heißt letztlich: mit uns selbst in Zukunft - nicht gut umgehen.

"Wer Sterbehilfe nicht will, muß für optimale Sterbebegleitung sorgen!" - dieser Satz aus dem Mund von Familienminister Martin Bartenstein fand großen Widerhall bei den über 800 Teilnehmern der Fachtagung. Für viele ist diese Aussage der Kernpunkt schlechthin: Utopie, Versprechen, Hoffnung, Absicht - von allem etwas. Wenn dieser Satz die Sozialpolitik der nächsten Jahre prägen sollte, braucht einem in Österreich vor einer Einführung der Euthanasie nicht bange zu sein.

Es ist den vielen Bemühungen kleiner, mittlerer und großer Institutionen zu danken, daß Österreich jetzt nicht unvorbereitet in die Diskussion um die Sterbehilfe gerät. Die Voraussetzungen für eine sachliche, fundierte Auseinandersetzung mit der Euthanasie sind gut.

Minister Bartenstein: "Ich möchte betonen, daß die Einführung der Euthanasie Zeichen eines eklatanten Versagens unserer Problemlösungskapazität wäre. Solange nicht alles Menschenmögliche getan ist, um Leidenden human zu helfen (zum Beispiel durch optimale Schmerztherapie in der Medizin), sollte die Euthanasie kein Thema sein."

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