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Kolumbiens Fluch des REICHTUMS

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Kohle, Gold und Edelsteine: Das sind die Schätze Kolumbiens. Doch sie bringen massive Umweltzerstörungen und soziales Elend - wie ein neuer Bericht enthüllt.

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Kohle, Gold und Edelsteine: Das sind die Schätze Kolumbiens. Doch sie bringen massive Umweltzerstörungen und soziales Elend - wie ein neuer Bericht enthüllt.

Ende Juni vergangenen Jahres stürzte Consuelo de Jesús Echeverri Sánchez zu Hause über die Treppe und fand dabei den Tod. Zuerst wollte die Polizei den Fall als "häuslichen Unfall" zu den Akten legen. Dann wurde doch weiter ermittelt. Denn die Funktionärin des Rechnungshofes untersuchte Fälle von Geldwäsche und illegalem Goldabbau in einer Gemeinde des Pazifikdepartements Chocó. Und aus dem Unfall wurde schnell Mord oder Totschlag. Denn es fehlten Wertgegenstände und einer der Männer, die nach wenigen Tagen gefasst wurden, hatte wiederholt mit dem Handy der Toten telefoniert. Obwohl die Tat alle Anzeichen eines gemeinen Verbrechens hat, wollen doch Spekulationen über einen Zusammenhang zwischen der Bluttat und den Untersuchungen des Opfers bis heute nicht verstummen. Denn der illegale Bergbau ist in manchen Gegenden Kolumbien inzwischen rentabler als der Drogenhandel.

Goldgruben statt Artenvielfalt

Der Chocó ist ein tropisches Tiefland mit großer Artenvielfalt und ökologisch prekärem Gleichgewicht. Es leben dort besonders viele Afrokolumbianer - Nachfahren jener Sklaven, die einst die Spanier zur Ausbeutung der Goldminen geholt hatten. In den letzten Jahren hat der steigende Goldpreis neue Begehrlichkeiten geweckt. Neben Bergbaukonzernen, die von der Regierung eine Konzession erhielten, sind auch immer mehr illegale Goldgräber unterwegs. Fast zwei Fünftel der kolumbianischen Goldproduktion stammen inzwischen aus diesem Departement.

Präsident Juan Manuel Santos sieht den Bergbau als "Lokomotive der Entwicklung". Offizielle Statistiken dokumentieren einen steigenden Anteil des Bergbaus am Bruttonationaleinkommen (BNE). 2012 betrug dieser Anteil 7,7 Prozent. Die Kohle mit 80 Millionen Tonnen Exportvolumen und das Gold mit 76 Tonnen sind die bedeutendsten Bodenschätze. Ausländische Investitionen in diesen Sektor nehmen einen für die Regierung positiven Verlauf.

Dass die aggressive Ausweitung des Bergbaus wirklich der Entwicklung des Landes dient, wird aber immer mehr bezweifelt. Der Rechnungshof hat daher eine Studie in Auftrag gegeben, die die Auswirkungen des Rohstoffabbaus untersuchen sollte. Mitte Jänner wurde das 340 Seiten starke Dokument der Öffentlichkeit vorgestellt, und es verschafft den Kritikern des Bergbaus wissenschaftlich fundierte Munition. So wird lapidar festgestellt, dass sich "die Lebensqualität der Bevölkerung in den Mineralabbaugebieten nicht nur nicht verbessert hat, sondern in den meisten Fällen gegenüber anderen Regionen noch zurückgefallen ist".

Besonders pathetisch sei die Situation im Chocó, wo 74 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. 82 Prozent haben kein festes Dach über dem Kopf. Kaum weniger dramatisch ist die Lage in den Gemeinden des Departements Cesar, wo der Konzern Drummond Kohle im Tagebau gewinnt. 76 Prozent der dort wohnenden Menschen können ihre Grundbedürfnisse nicht stillen. Das sind 22 Prozentpunkte mehr als im nationalen Schnitt. Dass die Kindersterblichkeit in den Kohlegebieten teilweise mehr als 50 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt von 18 pro 100.000 Geburten liegt, wird auf den allgegenwärtigen Kohlestaub zurückgeführt.

Mangelnde Studien

Wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen der Abwässer aus den Kohlegruben fehlen noch. Doch wird auf Studien in China hingewiesen, die in Flüsse und Bäche geleiteten Metalle mit Krebs, Nierensteinen und verminderter Lernfähigkeit der Kinder in Verbindung bringen. Deswegen sei es dringend geboten, so der Bericht des Rechnungshofes, "den epidemiologischen und Umweltzustand der Kohlegebiete in Kolumbien zu evaluieren".

Kolumbien ist der wichtigste Steinkohlelieferant für Deutschland und die Niederlande. Ein Drittel der kolumbianischen Kohle wird vom US-amerikanischen Drummond Konzern gefördert. Letztes Jahr musste das Unternehmen 3,5 Millionen US-Dollar Strafe zahlen, weil es bei der Verladung im Hafen hunderte Tonnen Kohle versenkt und damit die Küstengewässer verseucht hatte. Die Vorschrift, die Kohle über Förderbänder direkt auf das Schiff zu verladen, hatte Drummond jahrelang ignoriert und weiterhin fragile Barkassen verwendet.

Die Regierung stellt den Gemeinden, für die Bergbaulizenzen vergeben werden, neue Arbeitsplätze in Aussicht, um ihnen die Projekte schmackhaft zu machen. Doch ein Blick auf die nackten Zahlen bringt Ernüchterung. Gerade 238.000 Menschen waren 2014 im Bergbau beschäftigt. Das sind dürftige 1,2 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Landwirtschaft hält dagegen 3,6 Millionen Menschen in Lohn und Brot, die Industrie immerhin 2,7 Millionen.

Goldminen illegal und rentabel

Illegale Kohleminen sind die Ausnahme und kaum rentabel. Anders verhält es sich beim Gold. In welchem Ausmaß das begehrte Edelmetall illegal abgebaut wird, wird offenbar, wenn man die offiziellen Fördermengen mit den Exportzahlen vergleicht. Zwischen 2003 und 2011 wurden Exporte gemeldet, die die offizielle Produktion um 53 Tonnen überstiegen. Für die Behörden kann das keine Überraschung sein, denn von den 14.357 Gruben, die 2011 gezählt wurden, verfügten nur 37 Prozent über eine gültige Lizenz. Zwei Drittel zahlten keinerlei Abgaben.

So habe der illegale Bergbau in acht Departements den Drogenhandel als Haupteinnahmequelle der illegalen Banden abgelöst. Die Förderung von Wolfram und Coltan, so der Bericht des Rechnungshofes, werde von der Guerilla der FARC kontrolliert.

Die Regierung will sich nicht Untätigkeit vorwerfen lassen. In einem Bericht des Bergbau- und Energieministeriums vom Vorjahr wird darauf hingewiesen, dass 2012 mehrere Minen überprüft und 18 geschlossen worden seien. 92 Personen habe man dabei festgenommen. Gemessen an den Dimensionen dieser Schattenwirtschaft erscheinen diese Zahlen allerdings lächerlich gering. Illegale Minen bedeuten nicht nur, dass dem Staatsäckel Lizenzgebühren entgehen. Sie nehmen keinerlei Rücksicht auf Umwelt oder Bevölkerung.

Hilferufe aus Cauca

Im Departement Cauca folgte die Volksanwaltschaft vor wenigen Wochen wiederholten Hilferufen der Bevölkerung. Die Delegation konstatierte dort die Zerstörung von drei Flüssen, die umgeleitet und mit Chemikalien aus der Goldgewinnung verseucht worden waren. Die Anführer einer Gruppe, die gegen die verbrecherische Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen protestierten, seien wiederholt mit dem Tod bedroht worden. Dass das keine leeren Drohungen sind, weiß man spätestens seit dem Attentat auf den Vorsitzenden der afrokolumbianischen Vereinigung UOAFROC am 8. Jänner, bei dem dessen Fahrer lebensgefährlich verletzt wurde.

In ihrem Vorwort weist Sandra Morelli Rico, die inzwischen abgelöste Präsidentin des Rechnungshofes darauf hin, dass die Gesetzgebung der vergangenen Jahre den Staat immer mehr geschwächt hätten. Das Spardiktat hat vor allem Kontrollinstanzen ausgedünnt. Während das Verfahren zur Erteilung von Bergbaulizenzen beschleunigt worden sei, verfüge der Staat nicht mehr über die nötigen Ressourcen, um die Einhaltung der Umwelt- und Sozialauflagen zu überwachen. Außerdem sei es nicht vertretbar, dass ein Lizenzhalter ermächtigt werde, die Eigentümer des Landes, unter dem sich die mineralischen Vorkommen befinden, zu vertreiben. Und obwohl längst belegt ist, dass bestimmte Chemikalien Wasser und Umwelt verseuchen, dürften Minenbetreiber weiterhin ihre Abwässer unkontrolliert entsorgen. Das öffentliche Interesse dürfe nicht dem Privatinteresse nachgeordnet werden. Deswegen findet sie es befremdlich, dass nicht der geringste Anteil der Lizenzgebühren in die Stärkung der Institutionen investiert werde.

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