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Kreislauf von Angst & Gewalt

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Der brutale Mord an einem zehnjährigen nigerianischen Buben hat in Großbritannien erneut die Diskussion um Gewalt und Armut angeheizt. von Brigitte Voykowitsch

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Der brutale Mord an einem zehnjährigen nigerianischen Buben hat in Großbritannien erneut die Diskussion um Gewalt und Armut angeheizt. von Brigitte Voykowitsch

Sechs Monate sind seit dem Mord an Damilola Taylor vergangen. Verdächtige wurden mehrfach in Haft genommen, mussten mangels Beweisen aber nach kurzer Zeit wieder frei gelassen werden. Anklage gibt es somit bis heute keine, und es ist, wie die britischen Sicherheitskräfte nun zugeben, eher unwahrscheinlich, dass es je zu einer kommen wird. Wer immer am 27. November des Vorjahres im Londoner Stadtteil Peckham den zehnjährigen Nigerianer tötete, wird, vermutet die Polizei, durch eine undurchdringbare Mauer des Schweigens geschützt. Die Mitglieder der Jugendbanden halten absolut dicht, sagen Sozialarbeiter und Bewohner des betroffenen Viertels, andere Kinder würden, selbst wenn sie etwas wüssten, schon aus Angst keinerlei Information preisgeben.

Ein letzter Hilferuf Würden andere Kinder offen reden, wer weiß, ihre Schilderungen würden sich möglicherweise lesen wie die Chronik eines angekündigten Mordes. Darauf deutet zumindest ein Bericht hin, den ein ehemaliger Lehrer an der von Damilola besuchten Oliver Goldsmith-Schule nach langen Gesprächen mit Damilolas Klassenkameraden nun erstellt hat. Angst prägt das Leben dieser Kinder. Angst vor verbalen und physischen Angriffen auf der Straße, Angst vor Überfällen auf dem Schulweg, Angst, wenn sie ihre schlecht beleuchteten Häuser im North Peckham Estate, einem der heruntergekommensten Londoner Stadtteile, betreten. Angst, verstärkt durch das Gefühl, dass niemand da ist, um sie - mehrheitlich Kinder schwarzer Einwanderer - zu schützen, schon gar nicht die - vorwiegend weißen - Polizisten, an die sich die meisten selbst in Augenblicken höchster Gefahr nicht wenden würden.

Eine ganze Reihe von Kindern hatten wohl beobachtet, dass Damilola belästigt und bedroht wurde. Seinem in Nigeria verbliebenen Vater hatte der Bub am Telefon gestanden, dass es schlimm sei, doch der hatte nicht geahnt, wie schlimm, und den Sohn vertröstet, dass er ohnedies bald zu Besuch nach London kommen werde, wohin die Mutter erst wenige Monate zuvor mit Damilola und dessen älterer Schwester gezogen war, weil diese eine in Nigeria nicht verfügbare medizinische Behandlung benötigte. Es war das für immer letzte Gespräch des Vaters mit Damilola. Auch in der Schule stand, wer immer etwas wusste, Damilola nicht zur Seite, aus Angst, dann selbst angegriffen zu werden.

So bleiben nur die letzten Bilder, aufgenommen von einer Überwachungskamera, die Damilola am späten Nachmittag jenes Novembertages zeigen, wie er im Lift der lokalen Bibliothek zu seinem Computerkurs fährt und dann, wie er die Bibliothek verlässt, um nach Hause zu gehen. Wenig später war er tot, verblutet in einem Stiegenhaus unweit seiner eigenen Wohnung. Der oder die Täter hatten ihm eine Arterie in seinem Bein durchtrennt.

Der Mord an dem Zehnjährigen hat die Debatte über Gewalt unter Jugendlichen und das damit untrennbare Phänomen der Kinderarmut in Großbritannien erneut angeheizt. Das volle Ausmaß dieses Problems, heißt es bei der National Society for the Prevention of Cruelty to Children (NSPCC), ist dabei gar nicht bekannt, da die Kleinkriminalität und alltägliche Gewalt unter Jugendlichen und auch Jugendbanden, die im Extremfall dann zu einem Mord führt, weder ausreichend untersucht noch in Verbrechensstatistiken aufgenommen werde. Landesweite Statistiken seien dazu nicht aussagekräftig. Wenn in Großbritannien offiziell 15 Prozent aller Jugendlichen Drohungen oder Übergriffen ausgesetzt sind, so kann diese Zahl in manchen Gegenden bei 90 Prozent liegen. In einzelnen Stadtteilen ist Gewalt fester Bestandteil des Lebens, heißt es bei NSPCC.

Wie in Peckham oder, unweit davon, in Camberwell, wo wenige Tage vor dem Mord an Damilola ein 17-Jähriger mit einem Messer getötet worden war. In Peckham ist dabei eines der umfassendsten Stadtsanierungsprojekte der vergangenen Jahre in Angriff genommen worden. Doch so wichtig die Rehabilitation ist, so wenig wurde bedacht, was es für Familien, Kinder, ja die ganze Gemeinde bedeutet, jahrelang zwischen Baustellen, halbdemolierten Häusern und aufgegrabenen Straßen zu leben, übt eine Studie der unabhängigen Organisation Child Poverty Action Group (CPAG) Kritik. "Bestehende Spielplätze, Kindergärten und Jugendclubs werden geschlossen und die Gebäude abgetragen, bevor es noch Pläne für neue solche Einrichtungen gibt ...

In den zwei großen Volksschulen hier ist ein Kommen und Gehen von Kindern, die nur vorübergehend hier leben, da Flüchtlings- oder obdachlosen Familien kurzfristig Quartier in leer stehenden Gebäuden zugewiesen wird, die sie in wenigen Monaten, wenn die Gebäude dann abgetragen werden, wieder verlassen müssen ... Hier gibt es keine ordentliche Beleuchtung, der Müll wird nicht regelmäßig abgeholt...die dunklen, leeren Gänge sind Treffpunkte für Drogenhändler, leere Wohnungen werden als Schießplätze verwendet", steht in der CPAG-Studie zu lesen.

Peckham zählt zweifelsohne zu den schlimmsten Stadtvierteln Londons, in denen, wie Sozialarbeiter betonen, Kinder oft den einzigen Halt in Jugendbanden finden. Doch außerhalb Peckhams laufen mehrere Millionen anderer Kinder Gefahr, infolge von Armut ausgegrenzt zu werden und schließlich über Bandenzugehörigkeit in einen Kreislauf der Gewalt abzugleiten. 1998/99, aus welchen Jahren die aktuellsten Statistiken datieren, lebten 4,5 Millionen britische Kinder in armen Familien, wobei Armut mangels einer offiziellen Armutsgrenze als 50 Prozent des landesweiten Durchschnittseinkommens nach Abzug der Wohnkosten definiert wird. Das waren rund dreimal soviele Kinder wie Ende der siebziger Jahre, vor dem Amtsantritt der Konservativen.

Wahlkampfthema Die Folgen von Kinderarmut sind hinlänglich bekannt. Darunter zählen schlechtere Gesundheit, höheres Unfallsrisiko, oft elende Wohnbedingungen, geringere Schulbildung und damit schlechtere bis keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sowie die Gefahr eines Abgleitens in Drogen und Gewalt. Dennoch war Kinderarmut kein Thema vor den Wahlen 1997, die nach 17 Jahren Tory-Herrschaft New Labour an die Regierung brachten. Zunächst setzte das neue Kabinett sogar noch den Rotstift bei Leistungen für Alleinerzieher an, womit sich die Lage für rund 100.000 Kinder weiter verschlechterte. 1999 allerdings bekannte sich Premierminister Tony Blair dann überraschend zu dem Ziel, binnen zwei Jahrzehnten die Kinderarmut auszumerzen und sie bereits in zehn Jahren zu halbieren. Seither haben einzelne Steuer- und Sozialmaßnahmen die Zahl der im Elend lebenden Kinder vermutlich um etliche hunderttausend verringert, heißt es bei der Child Poverty Action Group. Doch Experten sagen, dass die derzeitige Sozialpolitik keinesfalls ausreiche, um Blairs Ziel zu erreichen, ganz abgesehen davon, dass, selbst wenn New Labour nach der Wahl am 7. Juni weiter regieren kann, niemand weiß, was eine Legislaturperiode später folgt.

Einzelne karitative Organisationen wie das National Children's Bureau (NCB) plädieren indes dafür, den Kindern und Jugendlichen endlich einmal zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu erfragen und diese dann auch ernst zu nehmen. "Gebt ihnen etwas Interessantes in der Freizeit zu tun, damit sie keinen Unsinn machen", schlägt ein Neunjähriger in der im Londoner Stadtteil Lewisham erstellten NCB-Studie mit dem Titel "In Our Views: Children, teenagers and parents talk about services for young people" vor.

Viele der rund 3.500 Befragten sind sich sicher, dass Vandalismus, Graffitimalereien und viele Kämpfe einfach aus der Langeweile resultierten. Die Wunschliste für Gemeindeeinrichtungen umfasst Spielplätze, Parks, Sportclubs, besseres Essen in der Schule, eine sauberere Umwelt, vor allem aber auch - Sicherheit. Damit keiner mehr wiederholen muss, was ein 12-Jähriger in der Studie sagt: "Sobald es um sechs Uhr dunkel wird, ist es vorbei, du kannst dich nicht mehr hinauswagen."

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