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Laborieren am Lainz-Syndrom

Der viel diskutierte Pflegenotstand hat wesentlich mit der Not der Pfleger zu tun: Überforderung, schlechte Bezahlung und fehlende Anerkennung vergraulen jungen Menschen die Lust auf diesen Job.

Schauen Sie her", ruft Holm Löscher und präsentiert stolz die Hand seiner 97-jährigen Mutter. "Die Fingernägel sind richtig manikürt. Wo hat man das schon." Seit sechs Monaten wohnt die alte Frau im Pflegeheim St. Klemens, das von der Wiener Caritas geführt wird. "Und ich weiß, dass sie einmal in der Woche gebadet wird", fügt der Sohn hinzu, "denn dann hat sie immer so schöne Haare." Dass solche Zustände in Österreichs Alten- und Pflegeheimen keine Selbstverständlichkeit sind, beweisen die erschütternden Missstände im Geriatriezentrum "Am Wienerwald". Doch die Experten wissen: Das Lainz-Syndrom reicht weit über Wien hinaus. Fortsetzung auf Seite 2

"Ich kenne ähnliche Zustände auch aus oberösterreichischen Heimen", berichtet Brigitte Hellal, Leiterin des Vinzentinum Linz, einer Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege. Umso genauer achtet sie darauf, in welchen Einrichtungen ihre Schützlinge erste Erfahrungen sammeln und ihr 400 Stunden umfassendes Alten- und Pflegeheimpraktikum absolvieren. "Es gibt schon Heime, wo mit den Patienten lieblos umgegangen wird", weiß Hellal. "Dort schicke ich meine Schüler einfach nicht mehr hin." Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme wissen die meisten der angehenden Pflegerinnen und Pfleger sehr bald, wo sie später arbeiten wollen: im Krankenhaus - und sicher nicht im Altenheim.

Pflegepersonal in Not

Mit gutem Grund, hält sich doch das Wohlgefühl in dieser Sparte nachweislich in Grenzen. So hat etwa eine Befragung des ÖGB unter 300 oberösterreichischen Mitarbeitern im Pflegebereich ergeben, dass die Beschäftigten im allgemeinen sehr unzufrieden sind. "Das Pflegepersonal selbst ist in Not", weiß Peter Nowak vom Wiener Ludwig Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie, das nun im Auftrag des ÖGB eine umfassendere Studie zum Thema erarbeitet.

Ein Seismograph für die weit verbreitete Unzufriedenheit ist die geringe Verweildauer in Pflegeberufen: Sie beträgt derzeit nur vier bis sechs Jahre. Selbst gut geführte Heime wie das St. Klemens-Haus bleiben von dieser Dynamik nicht verschont: "Wir haben unter unseren 70 Pflegekräften eine Fluktuation von 20 bis 30 Prozent im Jahr", erklärt Heimleiterin Elisabeth Steinbach. Personalmangel ist für sie ein allgegenwärtiges Problem. Derzeit sucht Steinbach drei diplomierte Fachkräfte. Um die Qualität der Pflege aufrechtzuerhalten, engagiert sie auch Pflegearbeiter von so genannten Pool-Diensten, die tageweise gebucht werden können.

Durch die demographische Entwicklung und die ansteigende Lebenserwartung der Österreicherinnen und Österreicher - im Jahr 1996 lebten hierzulande rund 515.000 Menschen über 75 Jahre; 2011 werden es bereits 655.000 sein - wird sich die Versorgungslücke weiter öffnen. Über die Zahl fehlender Pflegerinnen und Pfleger wird derzeit nur spekuliert: Die politisch Verantwortlichen - zuständig sind die Länder - haben kein großes Interesse an der Veröffentlichung solcher Daten. Das Österreichische Hilfswerk schätzt jedoch, dass bis 2010 rund 8.500 Pflegepersonen benötigt werden. Angesichts der Tatsache, dass in Österreich das Verhältnis der Zahl ausgebildeter Pfleger zur Einwohnerzahl nur halb so hoch ist wie im EU-Schnitt - derzeit 5,6 auf tausend Personen - gehen Pflegeorganisationen aber von 10.000 fehlenden Fachkräften aus.

Nicht jeder ist freilich für diesen Beruf geeignet. So ist das Personal in einem Geriatriezentrum ständig mit Krankheit und Tod konfrontiert. "Außerdem ist der persönliche Erfolg in der Altenpflege nur schwer messbar", meint Eva Kürzl, Vorsitzende der Pflegekonferenz, einem Dachverband heimischer Pflegeorganisationen.

Auch im Caritas-Heim St. Klemens sind Krankheit und Tod allgegenwärtig. Doch Stationsleiterin Gusti Binder hat es geschafft, gerade die Sterbebegleitung als erfüllende Aufgabe zu sehen. "Das Sterben gehört hier dazu", ist sie überzeugt. "Und ich sehe es als meine wichtige Aufgabe, es so schön wie möglich zu gestalten."

Auch der tägliche Umgang mit schwierigen Patienten gehört zum Job. Oft sind bei demenzkranken Patienten unbewusste Aggressions- und Wutanfälle zu ertragen. Es bedarf einer gehörigen Portion Professionalität, solche Übergriffe nicht persönlich zu nehmen. Manchmal kommt es auch zum Konflikt mit den Angehörigen, erzählt Carmen Rist, Koordinatorin für alle elf Seniorenhäuser der Wiener Caritas, im Furche-Gespräch: "Die Bewohner ziehen manchmal die Kleidung eines anderen an. Das stört dann natürlich die Angehörigen enorm."

Viel Stress, wenig Lohn

Solche Stresssituationen gehören zum Job. Doch daneben gebe es auch viele positive Seiten, die aber im Rahmen der Berichterstattung rund um den Lainz-Skandal unter den Tisch fallen würden, klagt Eva Kürzl von der Pflegekonferenz. Kein Wunder, zeigen sich doch die beglückenden Seiten des Pflegeberufs meist im Kleinen - wenn ein Patient plötzlich wieder spricht oder die Augen einer Patientin vor Freude zu strahlen beginnen. In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegt jedoch die Mühsal, bestätigt Gusti Binder vom St. Klemens-Haus: "Ich wurde einmal von einem Angehörigen gefragt, was ich denn angestellt hätte, dass ich als inländische diplomierte Pflegerin in diesem Beruf arbeiten muss." Tatsächlich sind in der Caritas-Einrichtung Fachkräfte aus den Philippinen, Indien, China und den Balkanländern tätig. "Ohne ausländische Kräfte wird sicher nichts mehr gehen", ist sich auch Helene Brunner von der Wiener Caritas sicher. "Die Frage ist nur, ob sich diese Personen auch entsprechend gut verständigen können - denn Pflege lebt von der Beziehung."

Mit einer höheren Zuwandererquote für Pflegepersonal, wie sie zuletzt sogar von den Wiener Freiheitlichen gefordert wurde, ist die Misere jedoch nicht zu lösen. Nach Meinung von Experten bedarf es auch der Imagepflege, um das Interesse der Jungen zu erhöhen. Wie groß hier der Aufholbedarf ist, hat eine Befragung des Linzer market-Instituts offenbart: "Bei jungen Menschen herrscht die Meinung vor, dass der Gesundheits- und Krankenpflegeberuf viel Stress, wenig Freizeit, unangenehme Arbeitszeiten und kaum Karriere-Chancen aufweist - und dies bei schlechtem Verdienst", so die ernüchternde Conclusio.

Karrierewege öffnen

Ein wichtiger Schritt zur Erhöhung der Attraktivität dieses Berufs wäre die Anhebung der dreijährigen Pflegeausbildung auf Maturaniveau. "Ein Maturaabschluss ist mittlerweile einfach state of the art", weiß Christine Ecker, Präsidentin des österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes. Ebenso wichtig sei die Etablierung eines regulären pflegewissenschaftlichen Studiums. Fachorganisationen fordern, dass zumindest zehn Prozent der Pflegenden akademisch gebildet sein sollten. Schließlich bedürfe es auch einer angemessenen Entlohnung, um diesen Beruf attraktiv zu machen. "Wenn ich höre, dass in Salzburg ein leitender Pflegedirektor nur 1.700 Euro netto verdient, dann ist das schlimm", ärgert sich Ecker. Regelrecht skandalös sei der Missstand, dass Pfleger in der Altenbetreuung bei gleicher Ausbildung noch immer weniger verdienen würden als ihre Kollegen im Krankenhaus.

Ein großes Potenzial für die Rekrutierung von Pflegepersonal steckt nicht zuletzt in der Umschulung von Wiedereinsteigerinnen. "Die Menschen mittleren Alters haben schon Lebenserfahrung und keine Berührungsängste mehr", weiß Eva Kürzl von der Pflegekonferenz.

Auch im St. Klemens-Heim weiß man um das Interesse dieser Personengruppe. Ein Blick in die Zimmer zeigt, dass es an Arbeit nicht mangeln würde: Man könnte sich um Frau Pöschl kümmern, die während des Mittagessens immer aufstehen will. Oder um Holm Löschers 97-jährige Mutter: Die nächste Maniküre wartet schon.

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