Länger leben, ohne dafür zu bezahlen

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Der massive Drang zur Frühpension ist wieder ein heißes politisches Thema geworden. Warum laufen so viele Menschen vor der Arbeit davon? Sind es wirklich nur gesundheitliche Gründe?

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Der massive Drang zur Frühpension ist wieder ein heißes politisches Thema geworden. Warum laufen so viele Menschen vor der Arbeit davon? Sind es wirklich nur gesundheitliche Gründe?

Was ist los mit dem Selbstverständnis von Arbeit in unserem Land? Ist sie, mit Ausnahme der Spezialisten, Großverdiener, Workaholics und derer, die durch ihre Arbeit öffentliche Anerkennung scheffeln, vorwiegend Mittel, sich mehr kostspielige Freizeit zu verschaffen? Und überhaupt - Pension so bald als möglich?

Für Sigmund Freud war seelische Gesundheit durch Arbeits- und Liebesfähigkeit - in dieser Reihenfolge! - bestimmt. Gilt das für die sogenannte Postmoderne nicht mehr? Und besonders für die österreichische Postmoderne nicht?

Bei der Bestandsaufnahme der Probleme und Budgetdefizite zu Beginn 2000 hat ein sozialdemokratischer Finanzminister das, was Ökonomen, Soziologen und Gerontologen seit gut 15 Jahren aufzeigten und argumentierten, in den Vorschlag der schrittweisen Anhebung des Frühpensionsalters aufgenommen; die verschiedensten Formen von Abschlägen und Anreizen wurden ins Gespräch gebracht. Warum hat sich ein solcher Sturm der Entrüstung dagegen erhoben?

Ist es wirklich wirtschaftlicher und betriebsfördernd, alt gegen jung auszutauschen? Auch wenn eine Fülle von Studien ziemlich schlüssig zeigt, daß Ältere weniger Fehlzeiten haben, eine im Durchschnitt stärkere Betriebsverbundenheit zeigen, komplexe Probleme in der Zusammenarbeit kompetenter lösen, andere Standpunkte als ihre eigenen eher auch gelten lassen? Sollen die Älteren trotzdem hinaus? Oder sind sie selber die treibenden Kräfte der eigenen Verabschiedung?

Die Arbeitswelt, die in ihrer Produktion und ihrer Verteilung "sich elektronisiert" hat, läßt alle mitspielen, die ihre Regeln lernen und anwenden. Sie beginnt aber diejenigen auszugrenzen, die sich auf das neue Spiel nicht umzustellen vermögen. Wer sich nicht zu ändern versteht, fliegt aus dem System hinaus. Und wer sich nicht ändert, verringert sogar seine Chancen, ident mit sich zu bleiben. Heraklit hatte recht: (In sich) "ruhen" kann nur, wer sich ständig wandelt.

Die heute Fünfzigjährigen (ganz zu schweigen von Sechzigjährigen und Älteren) wuchsen in Schulen und in einer Gesellschaft des "Abschlußlernens" heran. Punktuelle Abschlußprüfungen legitimierten und qualifizierten sie für das ganze Leben. Und diese Fünfzigjährigen schleppten diese Vorstellungen irrigerweise durch ein halbes Leben mit sich. Sie bauten darauf ihre soziale Geltung und teilweise auch, was besonders schwer zu ändern ist, ihr Selbstwertgefühl. Manche Angehörige dieser Altersgruppen, die potentielle (oder bereits darauf zustrebende) Frühpensionisten sind, mögen ihre Gefangenschaft im "Abschlußlernen" selber erkennen. Aber auch wenn sie sich daraus befreien wollen, werden sie von betrieblichen und gesellschaftlichen Systemen als zu Umstellungen und für Neu-Lernen unfähig erklärt. Diese informellen, nur teilweise oder hinter vorgehaltener Hand ausgesprochenen Urteile haben die als Oktroy von Erwartungen bekannte Wirkung der Entmutigung.

Schlechte Gesundheit?

Obwohl das Thema heiß und schwierig zu bearbeiten ist, wäre es zur besseren Erkenntnis der Blockaden in menschlichen Reifungsprozessen heute wichtig. Gesellschaftspolitisch ist es gerade jetzt mehr als aktuell. Wir sollten herausfinden, woher die in Österreich im innereuropäischen Vergleich überstarke Dynamik zur Frühpension kommt. Wer oder was drängt in diesem Land die Menschen so früh aus der Arbeit hinaus? Der Forscher, der nach diesem Drang in die Frühpension fragt, setzt sich leicht dem Verdacht aus, gesundheitliche, unter Umständen schwere Schäden durch die Arbeit, als Grund für Invalidität oder Frühpension nicht ernst zu nehmen. Der Verfasser, der sein Arbeitsleben in der Hofpartie einer Floridsdorfer Raffinerie begann, erfuhr den Verbrauch an Lebenskraft an der eigenen täglichen körperlichen Ermüdung und am Gesundheitszustand der damals - in den fünfziger Jahren - fünfzigjährigen Arbeitskollegen.

Der heutige Eindruck - nicht nur jener der Raffinerien - ist allerdings ein völlig anderer. Das Hinauskomplimentieren, woran abwechselnd und ergänzend in einer uns nicht wenig transparenten Weise Betriebsleitung und Gewerkschaft beteiligt zu sein scheinen, erklärt offenbar doch nur einen Teil des Runs auf die Frühpension. Es kann wohl auch nicht eine in Österreich besonders schlechte durchschnittliche gesundheitliche Situation im mittleren Leben sein, welche die Menschen ihr Heil in der Flucht aus der Arbeit suchen läßt. Neben den ökonomischen Momenten der Verteuerung von Arbeitskräften durch deren Seniorität dürfte auch eine vertrackte Auffassung vom heutigen Alter zu dessen leichtfertiger und vorschneller Abwertung beitragen. Damit wird die Straße aus dem Arbeitsleben heraus gepflastert. Es bleibt allerdings wohl auch ein deutlicher Rest von Arbeits-unlust der Menschen in den Betrieben. Er dürfte sich aus einer Mischung von Gleichgültigkeit, mangelnder Identifizierung mit der Arbeit und einer naiven Utopie vom glorreichen und problem-beseitigenden Ruhestand erklären. Nur wenige Pensionisten gestehen die Enttäuschung sich und den Befragern ein. Immer wieder wird pauschal das Attribut "wohlverdient" verteilt. Ist es zum moralischen Schutz der Ruhe der Pensionisten nötig?

Gezielte Fallstudien könnten Klärung bringen. Aber wie häufig in Österreich, wird man Forschung mit einem Lippenbekenntnis loben, aber wenig anwendungsbezogen einsetzten und bezahlen. Die neuerdings an Kooperation interessierten Sozialpartner sollten doch an den Hintergründen der Motivation ihrer Klientel interessiert sein, warum sie so heftig von der Arbeit davonlaufen. Was stimmt denn da nicht? Woher kommt der Frust?

In Österreich hat sich, da der soziale Schutz zumindest für die inländischen Schwachen in langen Jahrzehnten aufgebaut und ins System integriert wurde, ein salopper Umgang mit dem "Anspruch" breit gemacht. Der gute Einfall, die intuitive Lösung, waren und sind zum Teil noch bemerkenswerte österreichische Qualitäten, die zähe Verfolgung von Leistungszielen - und dies auch langfristig - war und ist in unserem Land nach wie vor Minderheiten vorbehalten.

Jedes Jahrzehnt produziert heute bereits eineinhalb Jahre mehr Lebenserwartung für Sechzigjährige. Die Lebenserwartung 50+, besonders die 80+, wird weiter steigen. Die Bedürfnisse der Hochbetagten fordern die Gesellschaft zusätzlich enorm heraus, sozial und ökonomisch gesehen. Man kann in Hinkunft nicht unbeschadet so viel länger und besser leben und sich trotzdem immer früher aus der Arbeit verabschieden. In gewisser Weise gehört das siebente Lebensjahrzehnt im kulturellen Wandel der Lebensabschnitte zu einem dank Medizin und ihrer überwiegend allgemein sozialen Zugänglichkeit bereits zum späten mittleren Alter. Die "personal transformation" macht es möglich - und ein wenig mehr Mut zu "sozial verträglicher Wahrheit" könnte nachhelfen.

Nicht nur das Alter verlängert sich, auch die Jugend. Die Menschen in unserem Land merken außerdem, daß die Ausbildung ihrer Kinder und Enkel, wenn diese in den Fährnissen der Arbeitsplatzknappheit bestehen wollen, länger dauert. Aber wenn dies alles länger dauert und mehr kostet, so läßt doch der common sense, auch der österreichische Menschenverstand, es klar werden, daß man sich nicht ungestraft immer früher aus der Arbeit verabschieden darf.

Alles zum Nulltarif Die Gefahr, daß wir in diesem Land vieles haben wollen, ohne dafür zu zahlen, ist nicht zu übersehen. Wir wollen Fremde, die für uns die ungeliebte Arbeit verrichten, ohne sie zureichend zu integrieren. Wir wollen europäische Sicherheit, aber gleichzeitig aus Allianzen draußenbleiben. Wir wollen längere und bessere Ausbildung unserer Kinder und eine dramatisch verlängerte Lebenserwartung, aber uns überdurchschnittlich rasch aus der Arbeit empfehlen.

Die Erschütterung, die für den Soziologen sich als Systemwechsel im Land ankündigt (mag er gelingen oder scheitern und in neue Krisen führen, weil zu wenig Bedachtsamkeit waltet und roher Zugriff sich breit macht), sollte eines klar machen: Die Berge, die Hochtäler (soweit noch unzerstört) und die Seen sind uns geschenkt und machen uns in vielerlei Hinsicht reich. Aber die Lebenserwartung müssen wir uns schon erarbeiten.

Der Autor ist Professor für Soziologie in Wien.

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