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"Lebenskompetenz statt bloßen Wissens"

werner leixnering, Leiter der Abteilung Jugendpsychiatrie an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, über kindliche Belastungen, individuelle Förderung, Hochbegabung und unsichere Eltern.

Die Furche: Herr Professor Leixnering, wenn man heute davon spricht, dass Kinder und Jugendliche unter Druck stehen, ist meist die Schule gemeint. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Belastungen?

Werner Leixnering: Es gibt mehrere Entwicklungen, die belastend sind: Zum einen der Anspruch, der durch die hohe Fragilität und Veränderungsbereitschaft familiärer Konstellationen entsteht, weil sich die Kinder hier sehr früh umstellen müssen. Wenn man Kinder fragt, was zu tun ist, wenn sich Eltern trennen, dann sagen die nur eines: Die sollen zusammen bleiben! Kinder haben relativ wenig Verständnis für Lebensabschnittspartnerschafts-Konzepte oder Patchwork-Familien. Sie arrangieren sich zwar damit, aber es ist nicht ihr Wunsch. Als Sachverständiger in Trennungsangelegenheiten höre ich das immer wieder. Zweitens sehe ich ein Problem darin, dass Kinder heute sehr früh mit sehr vielen Reizangeboten überhäuft werden - und das halten nicht alle gleich gut aus. Es gibt eine große Gruppe von Kindern, die damit ganz gut zurande kommt, aber die, die es nicht so leicht schaffen, werden früher auffällig.

Die Furche: Äußert sich das in der zunehmenden Anzahl von Kindern mit adhs (AufmerksamkeitsdefizitSyndrom)?

Leixnering: Ich vermute schon. Es gibt zwar an sich nicht mehr ADHS-Kinder als vor 30 Jahren, es sind auch nicht mehr disponiert, aber die, die disponiert sind, dekompensieren früher (ihre körperlichen Schutzmechanismen versagen; Anm. d. Red.). Und als dritte belastende Entwicklung sehe ich natürlich die zunehmende Überforderung. Die Unterforderung von Kindern hat es ja schon immer gegeben und gibt es - vor allem in sozio-ökonomisch benachteiligten Schichten - immer noch. Nur sehen wir Kinderpsychiater solche Kinder in viel geringerem Ausmaß, als sie es bräuchten, weil die Schwelle der Eltern sehr hoch ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Furche: Apropos Überforderung: Manche Experten wie die Lernforscherin Elsbeth Stern stehen der Frühförderung von Kindern skeptisch gegenüber, vor allem dann, wenn sich diese darauf reduziert, "die Kinder in den ersten Lebensjahren mit Lernstoff voll zu stopfen". Wann sollte Ihrer Meinung nach das Lernen beginnen?

Leixnering: Ich denke, dass die Entwicklungen der neuen Technologien dazu geführt haben, dass Kinder früher imstande sind, sich mit Hilfe gewisser Techniken - etwa Computer - selbst Wissen zu verschaffen, und dass man ihnen deshalb wohl auch früher diese Praktiken vermitteln kann. Ob man das ab dem dritten, vierten oder fünften Lebensjahr machen soll, dazu will ich mich nicht festlegen. Ich persönlich finde, dass die Praxis der vergangenen zehn, 15 Jahre nicht schlecht war. Insgesamt glaube ich aber, dass eine gute Pädagogik die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit erfassen und sie individuell fördern sollte. In dieser Hinsicht bin ich ein voller Anhänger der skandinavischen Modelle, die davon ausgehen, dass wir nicht generell mit einem Einheitslehrplan vorgehen sollten, sondern verstärkt lernen müssen, innerhalb einer Gruppe unterschiedlicher Kinder alle dort abzuholen, wo sie stehen.

Die Furche: Sie würden also in Gesamtschul-Systemen Vorteile sehen?

Leixnering: Ich würde hier durchaus Möglichkeiten sehen - was nicht heißt, dass ich unbedingt eine Änderung herbeisehne. Aber je häufiger ich als Psychiater jene Kinder und Jugendlichen sehe, die enorme Probleme haben, weil sie überfordert werden, desto überzeugter bin ich, dass man letztlich ein Gesamtschulsystem überlegen sollte. Dort müsste man natürlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sowohl diejenigen, die schwach sind, wie auch diejenigen, die besonders gut oder hochbegabt sind, gefördert werden. Es müssten also die entsprechenden Lehrerkapazitäten vorhanden sein. Ich bin auch kein Freund einer sehr frühen Trennung der Kinder in verschiedene Schulformen, weil ich glaube, dass wir damit gesellschaftliche Subgruppen schaffen, die sich eher voneinander abgrenzen, als einer Gemeinschaftsbildung im Sinne der Individualpsychologie Alfred Adlers dienen.

Die Furche: Adler hat auch die These aufgestellt, dass alle Kinder erst einmal die Tatsache bewältigen müssen, dass sie kleiner, hilfloser als Erwachsene sind - und dass sie Bewältigungsmechanismen zur Kompensation dieser Minderwertigkeitsgefühle entwickeln. Wie läuft dieser Prozess bei Hochbegabten ab, mit denen Sie in Ihrer Praxis häufig konfrontiert sind?

Leixnering: Hochbegabte Kinder erleben das natürlich widersprüchlich: Sie merken auf der einen Seite, dass sie kleiner sind als die Erwachsenen und nicht alles so gut erfassen können, und auf der anderen Seite beherrschen sie Dinge, die Erwachsenen nur mühsam gelingen. Sie werden sich vielleicht auch überlegen und den Erwachsenen in gewissem Sinn ebenbürtig fühlen. Ob sie deswegen so viel glücklicher sind, ist eine andere Frage. Sie merken ja auch oft, dass sie gepusht und bevorzugt werden und manches nicht haben dürfen, was andere bekommen. Dazu kommt, dass manche - meist natürlich die Eltern - aus dieser Hochbegabung Kapital schlagen möchten, nach dem Motto: Ich habe ein Wunderkind, und dieses Wunderkind muss man - Beispiel Leopold Mozart - doch bestmöglich fördern, damit es alles bringt, was es kann.

Die Furche: Wie intensiv wirken Sie in der Praxis auf Eltern von hochbegabten Kindern ein?

Leixnering: Ich verwende viel Anstrengung darauf, weil es mir wichtig erscheint. Und ich sage bei Kindern, die schon sehr viel erfassen können, auch oft: Vorsicht! Nicht vorzeitig einschulen! Das Kind könnte zwar kognitiv sehr weit fortgeschritten sein, aber vielleicht hat es die sozialen Kompetenzen noch nicht, die man in einer Gemeinschaft braucht. Ich gehöre also sicher zu denen, die eher "slow down" predigen.

Die Furche: Andere warnen davor, dass Unterforderung sogar zu Verhaltensauffälligkeit führen kann ...

Leixnering: Das ist sicher richtig. Als Kinder-und Jugendpsychiater komme ich auch oft genug in Berührung mit Eltern, die vermuten, dass hinter der Verhaltensauffälligkeit oder den Integrationsproblemen ihres Kindes eine latente Hochbegabung steckt. Hier muss man sicher Acht geben. Aber andererseits muss man sich immer auch fragen: Bis zu welcher Forderung kann Förderung gehen? Wichtig ist mir jedenfalls, dass man nicht nur von Bildung, sondern auch von Erziehung redet - wobei mir das Wort "Pädagogik" besser gefällt. Das kommt von "führen" (griech.: agogein; Anm. d. Red.) und nicht von "ziehen". Es stört mich auch am öffentlichen Diskurs, dass die Bildung, also das Vermitteln von Wissen, viel zu überproportional gesehen wird gegenüber der Vermittlung von Lebenskompetenz.

Die Furche: Wobei beständig geklagt wird, dass die Eltern die Aufgabe der Erziehung bzw. der Vermittlung von Lebenskompetenz immer mehr an die Schule delegieren würden ...

Leixnering: Hier besteht sicher viel Kulturpessimismus. Für mich als optimistischen Menschen ist es ein Faktum, dass sich die Gesellschaft verändert. Es wäre auch naiv zu glauben, dass es möglich wäre, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Ich glaube, dass die Eltern weiterhin - auf Grund ihres stärkeren beruflichen Engagements und vielleicht auch auf Grund eines gewissen Wissenschaftsglaubens - grundsätzlich sagen werden: Dafür gibt es Fachleute! Vieles wird outgesourced - auch Erziehung. Das wird dazu führen müssen, das wir unsere Lehrerinnen und Lehrer noch besser in sozialpädagogischen Kompetenzen ausbilden müssen.

Die Furche: Was erwarten Sie sich diesbezüglich von den neuen Pädagogischen Hochschulen?

Leixnering: Ich erwarte mir, dass das Wissen über emotionale und soziale Prozesse von Kindern und die Fähigkeiten, diese Erkenntnisse in den Unterricht tatsächlich einzubringen, gefördert werden. Gleichzeitig brauchen wir aber auch verstärkt Modelle der Elternbildung und damit der Elternsicherung: Es herrscht ja heute in der Erziehung sehr große Verunsicherung, und Unsicherheit ist das Schlimmste, was ein Kind erleben kann.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Werner Leixnering referiert auf der Tagung "Vom Wechselspiel zwischen Stärken und Schwächen: Womit (auch) Wunderkinder zu kämpfen haben", die diesen Donnerstag, 20. April, ab 14 Uhr auf der Edmundsburg in Salzburg stattfindet.

Das Symposium ist das erste des dreiteiligen Zyklus "Von der Minderwertigkeit zum Selbstwert - Wege zum Ich", den die Initiative GLOBArt (in Medienpartnerschaft mit der furche) veranstaltet. Die Folgeveranstaltungen finden in St. Pölten (18. Mai) und Graz (24. Mai) statt. Infos unter www.globart.at

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