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Gesellschaft

Lebensmotor: Gebraucht werden

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Wie dem Altersangstkomplex entkommen? Bei einer Tagung im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg versuchten Fachleute kühne Auswege vorzuzeichnen.

Es ist ein wenig ungewöhnlich, wenn die Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Herrad Schenk von Altern und Kichern spricht. Und wenn der in Finnland lebende Publizist Uwe Preusker, der als strategischer Berater im Gesundheitswesen tätig ist, in Österreich von der Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters auf 68 Jahre schwärmt, ist das angesichts österreichischer Verhältnisse durchaus kühn. Doch beide wagten es kürzlich bei der Tagung „Altern in Europa“ in St. Virgil in Salzburg trotzdem, ihre Thesen zu argumentieren. Die Tagung fand im Rahmen der Initiative „Ethik:Rat öffentlich“ statt, für die das Bildungshaus St. Virgil, die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt und die Katholische Aktion Österreich zusammenarbeiten.

Erfrischend kühn und herausfordernd sehen Herrad Schenk und Uwe Preusker das Altern in Europa und können sich dabei auf Erfolgsgeschichten in Finnland sowie das Zitat der österreichischen Autorin Ilse Aichinger berufen: „Es wäre vielleicht gut, kichernd zu altern, wie man kichernd groß geworden ist.“

Kichernd altern

„Ältere Menschen fühlen sich heute länger jung und sie bleiben tatsächlich länger jung, sowohl physisch wie auch psychisch. Sie nehmen mehr am kulturellen und sozialen Leben teil: Im Gegensatz zu früher stellen ältere Menschen heute weniger als je zuvor eine homogene Gruppe dar“, erläuterte Herrad Schenk in ihrem Vortrag zu „Altern und Angst“ demografische Veränderungen und Wert- und Lebenshaltungen der Betroffenen.

„Auch das Alter ist nicht mehr, was es einmal war“, beschreibt Schenk in ihrem Buch „Der Altersangst-Komplex – auf dem Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein“ (C. H. Beck Verlag 2007) veränderte Lebensperspektiven sowohl der Generation 60 plus als auch der 80- bzw. über 80-Jährigen. Sie wolle, so betonte Herrad Schenk in ihrem Vortrag, weder die Schattenseiten des Alterns verdrängen noch außer Acht lassen, dass sowohl der Bildungsgrad der Menschen als auch deren finanzielle Absicherung diese Lebensphase stark präge. Aber sie verwies mit Beispielen auf das „Trotzdem“, das allen Widrigkeiten des Alterns voller Tatendrang und Entdeckerfreude gegenübersteht. Die jungen, aktiven Alten der Generation 60 plus orientieren sich, so Schenk, nicht mehr ausschließlich an bzw. in ihren Familien: Für sie gewinnen soziale Netzwerke und Freundschaften immer mehr Bedeutung.

„So viel Häuslichkeit wie möglich“, fordert auch Uwe Preusker im FURCHE-Gespräch, denn nicht nur in den nordischen Ländern sei der Tenor der Betroffenen: „Wir wollen nicht in stationäre Pflegeeinrichtungen, wir wollen in unserer häuslichen Umgebung bleiben und ambulante Pflege bzw. Betreuung im Bedarfsfall in Anspruch nehmen.“

So eröffnen beide Experten ein Panorama an Gestaltungsmöglichkeiten des Alterns sowie des Mitgestaltens des gesellschaftlichen Umfeldes. „In Finnland betreiben ältere Männer und Frauen der Generation 60 plus beispielsweise aus Eigeninitiative Dorfläden, um die Selbstversorgung zu gewährleisten. Handwerklich geschickte Frauen wie Männer übernehmen im Ort Hausmeisterarbeiten für andere und fühlen sich wohl dabei, ihr Lohn ist ein Lächeln, ein Dankeschön und das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu sein und das auch noch mit 68 oder 73 Jahren oder sogar noch älter!“

So agieren die sogenannten Alten nicht nur in Finnland freudvoll und tatkräftig, während die Bilder vom Altern noch lange nicht diesen Esprit und diese Tatkraft widerspiegeln. Dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute immer früher als „alt“ gelten, während sie immer länger jung bleiben, ist für Schenk ein nicht länger zu haltendes Paradoxon: „Die Übergänge von Arbeitsleben und Ruhestand werden flexibler und vielfältiger.“ Das zivilgesellschaftliche Engagement nimmt laut Schenk beständig zu, die sogenannten Alten mischen mit, sie mischen sich ein und unterstützen nicht mehr nur ihre Familienmitglieder, sondern gestalten aktiv Netzwerke sowohl im kulturellen wie im sozialen Kontext. Fließende Grenzen zwischen privaten sozialen Netzwerken und zivilgesellschaftlichem Engagement sehen Uwe Preusker wie Herrad Schenk.

Wissen genau, was sie wollen

Preusker meint: „Diese Generation will noch etwas leisten, sie setzt auf Selbstständigkeit und weiß genau, ab wann und in welchem Ausmaß sie Hilfe braucht. Wir können und wollen nicht mehr darauf bauen, dass der Staat uns jede Kleinigkeit abnimmt, alleine darüber entscheidet, wie der Alltag gestaltet wird.“ So widersprechen beide Fachleute der zwingend zu scheinenden Folge „alt ist automatisch pflegebedürftig“ bzw. alt zu sein bedeute zwingend abhängig, einsam und fremdbestimmt zu leben.

Das Resümee der Experten: Das Thema Alter ist kein Rand-, schon gar kein Tabuthema mehr.

So kann Uwe Preusker von alltags- und altersgerechten Arbeitsplätzen in finnischen Unternehmen berichten: „Es ist ein Irrtum, längere Lebensarbeitszeit ausschließlich bei Selbstständigen – Ärztinnen, Rechsanwälten, Architektinnen oder Künstlern – wahrzunehmen. Es kommt auch im Produktionsbereich auf die Gestaltung des Arbeitsplatzes an: Altersgerechte Arbeitsplätze garantieren hohe Produktivität und vor allem Zufriedenheit bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.“ Preusker und Schenk plädieren für eine veränderte Sichtweise auf das „Alter“, denn „Defizite“ seien der falsche Fokus, das Altern und die Generationen zu betrachten. Das Gefühl „Ich werde gebraucht!“ sei ein unschätzbarer Lebensmotor.

Wie dem Altersangstkomplex entkommen? Bei einer Tagung im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg versuchten Fachleute kühne Auswege vorzuzeichnen.

Es ist ein wenig ungewöhnlich, wenn die Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Herrad Schenk von Altern und Kichern spricht. Und wenn der in Finnland lebende Publizist Uwe Preusker, der als strategischer Berater im Gesundheitswesen tätig ist, in Österreich von der Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters auf 68 Jahre schwärmt, ist das angesichts österreichischer Verhältnisse durchaus kühn. Doch beide wagten es kürzlich bei der Tagung „Altern in Europa“ in St. Virgil in Salzburg trotzdem, ihre Thesen zu argumentieren. Die Tagung fand im Rahmen der Initiative „Ethik:Rat öffentlich“ statt, für die das Bildungshaus St. Virgil, die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt und die Katholische Aktion Österreich zusammenarbeiten.

Erfrischend kühn und herausfordernd sehen Herrad Schenk und Uwe Preusker das Altern in Europa und können sich dabei auf Erfolgsgeschichten in Finnland sowie das Zitat der österreichischen Autorin Ilse Aichinger berufen: „Es wäre vielleicht gut, kichernd zu altern, wie man kichernd groß geworden ist.“

Kichernd altern

„Ältere Menschen fühlen sich heute länger jung und sie bleiben tatsächlich länger jung, sowohl physisch wie auch psychisch. Sie nehmen mehr am kulturellen und sozialen Leben teil: Im Gegensatz zu früher stellen ältere Menschen heute weniger als je zuvor eine homogene Gruppe dar“, erläuterte Herrad Schenk in ihrem Vortrag zu „Altern und Angst“ demografische Veränderungen und Wert- und Lebenshaltungen der Betroffenen.

„Auch das Alter ist nicht mehr, was es einmal war“, beschreibt Schenk in ihrem Buch „Der Altersangst-Komplex – auf dem Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein“ (C. H. Beck Verlag 2007) veränderte Lebensperspektiven sowohl der Generation 60 plus als auch der 80- bzw. über 80-Jährigen. Sie wolle, so betonte Herrad Schenk in ihrem Vortrag, weder die Schattenseiten des Alterns verdrängen noch außer Acht lassen, dass sowohl der Bildungsgrad der Menschen als auch deren finanzielle Absicherung diese Lebensphase stark präge. Aber sie verwies mit Beispielen auf das „Trotzdem“, das allen Widrigkeiten des Alterns voller Tatendrang und Entdeckerfreude gegenübersteht. Die jungen, aktiven Alten der Generation 60 plus orientieren sich, so Schenk, nicht mehr ausschließlich an bzw. in ihren Familien: Für sie gewinnen soziale Netzwerke und Freundschaften immer mehr Bedeutung.

„So viel Häuslichkeit wie möglich“, fordert auch Uwe Preusker im FURCHE-Gespräch, denn nicht nur in den nordischen Ländern sei der Tenor der Betroffenen: „Wir wollen nicht in stationäre Pflegeeinrichtungen, wir wollen in unserer häuslichen Umgebung bleiben und ambulante Pflege bzw. Betreuung im Bedarfsfall in Anspruch nehmen.“

So eröffnen beide Experten ein Panorama an Gestaltungsmöglichkeiten des Alterns sowie des Mitgestaltens des gesellschaftlichen Umfeldes. „In Finnland betreiben ältere Männer und Frauen der Generation 60 plus beispielsweise aus Eigeninitiative Dorfläden, um die Selbstversorgung zu gewährleisten. Handwerklich geschickte Frauen wie Männer übernehmen im Ort Hausmeisterarbeiten für andere und fühlen sich wohl dabei, ihr Lohn ist ein Lächeln, ein Dankeschön und das Gefühl, gebraucht und geschätzt zu sein und das auch noch mit 68 oder 73 Jahren oder sogar noch älter!“

So agieren die sogenannten Alten nicht nur in Finnland freudvoll und tatkräftig, während die Bilder vom Altern noch lange nicht diesen Esprit und diese Tatkraft widerspiegeln. Dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute immer früher als „alt“ gelten, während sie immer länger jung bleiben, ist für Schenk ein nicht länger zu haltendes Paradoxon: „Die Übergänge von Arbeitsleben und Ruhestand werden flexibler und vielfältiger.“ Das zivilgesellschaftliche Engagement nimmt laut Schenk beständig zu, die sogenannten Alten mischen mit, sie mischen sich ein und unterstützen nicht mehr nur ihre Familienmitglieder, sondern gestalten aktiv Netzwerke sowohl im kulturellen wie im sozialen Kontext. Fließende Grenzen zwischen privaten sozialen Netzwerken und zivilgesellschaftlichem Engagement sehen Uwe Preusker wie Herrad Schenk.

Wissen genau, was sie wollen

Preusker meint: „Diese Generation will noch etwas leisten, sie setzt auf Selbstständigkeit und weiß genau, ab wann und in welchem Ausmaß sie Hilfe braucht. Wir können und wollen nicht mehr darauf bauen, dass der Staat uns jede Kleinigkeit abnimmt, alleine darüber entscheidet, wie der Alltag gestaltet wird.“ So widersprechen beide Fachleute der zwingend zu scheinenden Folge „alt ist automatisch pflegebedürftig“ bzw. alt zu sein bedeute zwingend abhängig, einsam und fremdbestimmt zu leben.

Das Resümee der Experten: Das Thema Alter ist kein Rand-, schon gar kein Tabuthema mehr.

So kann Uwe Preusker von alltags- und altersgerechten Arbeitsplätzen in finnischen Unternehmen berichten: „Es ist ein Irrtum, längere Lebensarbeitszeit ausschließlich bei Selbstständigen – Ärztinnen, Rechsanwälten, Architektinnen oder Künstlern – wahrzunehmen. Es kommt auch im Produktionsbereich auf die Gestaltung des Arbeitsplatzes an: Altersgerechte Arbeitsplätze garantieren hohe Produktivität und vor allem Zufriedenheit bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.“ Preusker und Schenk plädieren für eine veränderte Sichtweise auf das „Alter“, denn „Defizite“ seien der falsche Fokus, das Altern und die Generationen zu betrachten. Das Gefühl „Ich werde gebraucht!“ sei ein unschätzbarer Lebensmotor.