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Legalität scheitert

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Wirtschaftliches Handeln ohne Konnex zur Organisierten Kriminalität gibt es nicht, sagen die, die selber mafios werden, um mafiose Strukturen zu erforschen.

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Wirtschaftliches Handeln ohne Konnex zur Organisierten Kriminalität gibt es nicht, sagen die, die selber mafios werden, um mafiose Strukturen zu erforschen.

Zwei Dutzend österreichische Experten für innere Sicherheit auf den Spuren der "Ostmafia": ein Dienstbus, der schon bessere Zeiten erlebt hat und dessen rückwärtiger Einstieg trotz strömendem Regen aufgrund technischer Mängel offenbleibt, rattert über eine Stunde lang aus dem Zentrum von St. Petersburg hinaus. Vorbei an tristen Vorstädten mit Hochhauswohnkäfigen fährt der Bus in das Umland der Stadt. Dieses ist geprägt von Kleinindustrie, Datschas und schrebergartenähnlichen Refugien der Lebensunterhaltsicherung.

Das Reiseziel, die St. Petersburg-Universität des Russischen Innenministeriums in idyllischer Campus-Lage, wirkt nur auf den ersten Blick imposant. Hinter einer mühsam aufpolierten 70er-Jahre-Fassade finden sich graue, verbaute, verwinkelte und abgenützte Räumlichkeiten. Der abbröckelnde Putz, die verklebten Fenster, hinter denen Hörsäle, Seminarräume und Büros untergebracht sind, wirken nicht gerade anheimelnd. An mehreren Fakultäten (Rechtswissenschaften, Ökonomie, Psychologie und Sicherheitstechnik) werden rund 30.000 "Kadetten" ausgebildet; wenn sie sich für eine berufliche Tätigkeit im Sicherheitsbereich verpflichten, kostenlos, sonst sind Studiengebühren zu entrichten.

Das Hearing für die österreichische Gruppe, mit Rektor, Dekanen und Institutsvorständen - alle hochdekoriert und teilweise in Uniform - wirft mehr Fragen auf, als geklärt werden können. Die präsentierten Zahlen beziehen sich fast ausschließlich auf eindrucksvolle Absolventenraten, deren Theorie-Praxis-Kontakte und Forschungsaktivitäten. Das Thema Organisierte Kriminalität (OK) in Russland wird wegdiskutiert - es gäbe sie kaum mehr, man habe die Lage gut im Griff, die Aufklärungsrate liege (trotz der Mängel im technischen Equipment und in modernen Informationstechnologien) zwischen 80 und 90 Prozent. Bei einem Schnitt von zehn Prozent in anderen europäischen Staaten (Europol Daten) konnte man nach diesem Treffen mit scheinbar berufenen Gesprächspartnern glauben, Schutzgelderpressung, Geldwäsche, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel seien fast zur Gänze nach Westeuropa emigriert.

Ein zweiter universitärer Kontakt mit Soziologen und Juristen der Russischen Akademie für Wissenschaften vom Zentrum für Devianzforschung führt jedoch zu einer gänzlich anderen Sichtweise. Schon vom Ambiente her: der "Elfenbeinturm" dieser Eliteforscher ist zwar baulich genauso desolat - oder noch schlimmer - als die Universität des Innenministeriums, aber die Gesprächspartner sind locker, offen, sie tragen Jeans statt Uniform und fast die Hälfte sind Forscherinnen.

Anzeigen kostet zuviel Eine Aufklärungsquote von 90 Prozent gebe es tatsächlich, wird auch von dieser Seite versichert, aber wie fast überall nur bei Mordfällen, denn diese seien nicht so leicht zu verschleiern wie andere Delikte. Bei (schwerer) Körperverletzung, Raub, Diebstahl und Betrug steht aber der offiziellen Quote von 75 Prozent eine tatsächliche von 40 Prozent gegenüber. Den Anteil Organisierter Kriminalität daran kann man kaum beziffern. Weder Anzeigen- noch Verurteilungsstatistiken lassen seriöse Rückschlüsse zu. Mit welchen Schwierigkeiten die Anzeige eines Delikts verbunden ist, beweist die Tatsache, dass die Meldung eines Autodiebstahls mit Kosten von rund 100 Dollar verbunden ist - was zwei durchschnittlichen Monatsgehältern entspricht. Und dass Polizisten häufig für allfälliges Einschreiten und Amtshandeln noch zusätzlich die Hand aufhalten, ist den resignierenden Bürgern auch bekannt.

Sicher scheint zu sein, dass sich in den zehn Jahren seit der Wende die Kriminalitätsraten bei fast allen Delikten verdoppelt haben, wobei der Anstieg in den Großstädten und bei Eigentumsübergriffen am stärksten ist. Worüber man sich im Hinblick auf die Relation von Einkommen und Preisen nicht wirklich wundern darf.

Und Organisierte Kriminalität hat in Russland lange Tradition: Ab den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelang es kriminellen Banden (mit Vorläuferorganisationen in der Zarenzeit), die Schwächen des damals kommunistischen Systems zu nützen. Da im Kommunismus (privat)wirtschaftliche Tätigkeit illegal war, verwischten sich die Grenzen zwischen ökonomischer Eigeninitiative und und Eigentumsdelikten zunehmend; in den fünfziger Jahren kam es dann zu einer Annäherung der Schattenwirtschaft an mehr oder weniger korrupte staatliche Strukturen. Mit der aufkommenden Westöffnung in den siebziger und vor allem achtziger Jahren erweiterte sich der ökonomische und politische Radius und mafiose Organisationen konnten sich über Russland hinaus etablieren.

Wirtschaftliches Handeln ist, so die Experten des Petersburger Zentrums für Devianzforschung, ohne Konnex zur Wirtschaftskriminalität unmöglich. Der Versuch legaler unternehmerischer Tätigkeit scheitert an der zwangsläufig notwendigen Zahlung von Bestechungsgeldern für alle bürokratischen Prozesse, Steuerhinterziehung (nicht ganz unverständlich bei 85 Prozent Gewinnbesteuerung) und unvermeidlichen Geschäftsbeziehungen mit kriminellen Vereinigungen. Daher sei es fast überlebensnotwenig, sich in eine einschlägige "Dachorganisation" zu integrieren.

Abhilfe seitens der Politik ist zumindest kurzfristig - in Präsident Putin werden gewisse vage Hoffnungen gesetzt - nicht zu erwarten. Die Ostmafia sponsert direkt oder indirekt "geeignete" Kandidaten, Kriminelle heuern als Referenten oder Berater von Abgeordneten an, sofern sie nicht selber kandidieren. Seit dem ersten Halbjahr 2000 scheint die (auch politische) Aktivität der Mafia allerdings leicht rückläufig zu sein. Unsere Gesprächspartner vermuten, dass OK-Vorstrafen unter Putin für Duma-Kandidaten hinderlich werden könnten.

Die achtköpfige Wissenschaftergruppe des Soziologieinstituts hat den Finger am Puls des Geschehens. Die auch bei uns üblichen Forschungsmethoden (Befragung, Dokumenten-und Medienanalysen) werden ergänzt durch "teilnehmende Beobachtung". Dieser Zugang gilt bei uns als wissenschaftlich riskant - für einige der Petersburger Devianzforscher ist er es auch in der Praxis. Sie arbeiten als wissenschaftliche Undercover-Agenten mitten im Milieu. Publiziert werden die Forschungsergebnisse nur unter Pseudonym und mit sachlichen Verfremdungen.

Auf die Frage, ob bei kritischen Publikationen über die tatsächliche Entwicklung der organisierten Kriminalität nicht staatliche Restriktionen, der Entzug von Forschungsbudgets oder Gehaltsreduktionen zu befürchten seien, meinen die Gesprächspartner nüchtern, das würde bei der ohnedies schlechten Dotierung kaum auffallen. Jeder Mitarbeiter verdiene in seinen Nebenberufen ohnehin schon mehr als an der Akademie.

Die Namen einiger Forscher, die der österreichischen Gruppe vorgestellt wurden, fanden sich übrigens in keiner der Informationsschriften des Zentrums und auch nicht im St. Petersburger "Who is who der Soziologie". Trotzdem oder gerade deswegen erscheinen ihre Auskünfte vertrauenswürdiger als die der Wissenschafter des Innenministeriums.

Nicht einmal ein Scherz zum Abschied kann die Stimmung nach der weitgehend perspektivelosen Zustandsaufnahme noch so richtig aufmuntern: Worin besteht der Unterschied zwischen einem russischen und einem ausländischen Unternehmer in St.Petersburg? Wenn es Ärger gibt, leistet sich der Ausländer einen Anwalt - der Russe zahlt den Richter.

Die Autorin ist Professorin für Gesellschaftspolitik an der Universität Linz.

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