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Legasthenie: Teufelskreis mit Auswegen

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Nicht alle freuen sich über den Schulbeginn. Damit Lernstörungen nicht zur Belastung werden muß man gegensteuern.

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Nicht alle freuen sich über den Schulbeginn. Damit Lernstörungen nicht zur Belastung werden muß man gegensteuern.

Rechts und Links verwechsle ich grundsätzlich, wenn ich meinen Mann beim Auto fahren lotse", erzählte Magda Klein-Strasser vom Österreichischen Bundesverband Legasthenie (ÖBVL). Damit spricht sie eines der bekanntesten Symptome der Lernstörung an. Doch Legasthenie ist mehr als das einfache Verwechseln von Rechts und Links. Es handelt sich dabei um eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, die dazu führt, daß ein Kind diese Fertigkeiten in der dafür vorgesehenen Zeit nicht oder nur sehr unzureichend erlernt.

Beim ÖBVL vermutet man, daß fünf bis sieben Prozent der Schüler eines Jahrgangs schwere Legastheniker sind und etwa 20 Prozent unter einer leichten Form der Lernstörung leiden. "Legasthenie wird leider nur sehr schwer bis gar nicht festgestellt", bedauert Klein-Strasser. Das Problem sei, daß viele Lehrer zu wenig über Legasthenie Bescheid wissen. "Die Kinder werden oft falsch eingeschätzt. Es wird ihnen gesagt, sie übten zu wenig oder sie seien dumm. Aber gerade solche Kinder üben oft viel mehr als andere, nur eben falsch", so Klein-Strasser.

Dabei ist es gerade bei Legasthenie wesentlich, daß sie frühzeitig erkannt wird, da es sonst zu gravierenden Spätfolgen kommen kann. Neben geringen Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, die zu allgemeinem Schulversagen führen können, kommt es oft zu einer allgemeinen Lernunlust und einem geringen Selbstwertgefühl. Häufig reagieren betroffene Kinder auch übersensibel auf Leistungsanforderungen. Sie stehen ständig unter Druck und leiden unter Konzentrationsmangel. Das kann fatale Auswirkungen bis hin zu häufigen körperlichen Erkrankungen haben.

Um solche Folgen zu vermeiden, ist es daher entscheidend, daß rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden. "Es gibt keine Heilung, aber man kann Strategien erarbeiten, um jene Fehler, die immer wieder gemacht werden, zu vermeiden. Damit kann Legasthenie wesentlich gemildert werden," betont Klein-Strasser. Falsch aber die Vorstellung, daß LRS nur im Kindesalter behandelt werden könne.

Damit lese- und rechtschreibschwache Kinder jedoch nicht an ihren Schwächen scheitern, müsse der Teufelskreis von Leistungsversagen, gestörtem Selbstwertgefühl und reduzierter Lernmotivation möglichst früh durchbrochen werden, meint Klein-Strasser.

Zunächst müsse man den betroffenen Schülern die Gewißheit geben, daß sie an ihrem Problem nicht selbst schuld seien, da es sich weder um Schlamperei noch um Faulheit, sondern um eine spezielle Schwäche handle und daß man dagegen etwas tun könne. "Über die genauen Ursachen der Störung wisse man bis heute nicht Bescheid. Wesentlich sei jedoch, daß es sich nicht um einen Intelligenzmangel handle", so Klein-Strasser.

Eine genau Diagnose ist jedoch schwer. Es gibt nicht "die Legasthenie". Die Störung kann zu den verschiedensten Problemen beim Lesen und Schreiben führen. Als eine Sonderform kann auch eine Rechenschwäche auftreten. Allein durch ein Diktat lasse sich nicht feststellen, ob Legasthenie die Ursache für Schulleistungsschwäche sei, betont Klein-Strasser. Selbst das bekannte "Rechts-Links-Problem" sei kein sicheres Merkmal. "Diesen Fehler machen auch Menschen, die keine Legastheniker sind. Anderseits gibt es Legastheniker die damit überhaupt kein Problem haben," so Klein-Strasser.

Doch es gibt Warnsignale auf die Eltern und Lehrer achten sollten. Etwa wenn bei Wörtern, die häufig geschrieben werden, immer wieder Fehler auftreten oder wenn in einem Aufsatz ein Wort dreimal richtig und beim vierten Mal falsch geschrieben wird. Ein weiterer Hinweis ist es, wenn ein Kind zu Hause alles kann und in der Schule bei Übungen dann viele Fehler macht. "Denn ein Legastheniker ist ein in seiner Wahrnehmung und seiner Aufmerksamkeit gestörtes Kind," meint Klein-Strasser.

Spezielle Programme Haben Eltern den Verdacht, daß ihr Kind an einer Lese- Rechtschreibschwäche leidet, sollten sie auf jeden Fall eine Untersuchung durch einen anerkannten Psychologen oder an einer Neurologischen Klinik durchführen lassen. Erst wenn man genau über die Probleme des Kindes Bescheid weiß, kann man darauf aufbauen und für jeden Schüler ein spezielles Lernprogramm erarbeiteten.

"Lehrer geben Kindern oft den Rat: ,Hör genau hin, dann weißt du auch, wie man es schreibt.' Aber das ist absolut falsch. Wo hört man ein stummes H oder ein D am Ende eines Wortes? Ein Strategie könnte sein, daß man die Mehrzahl hernimmt, da hört man es. Wie das D bei Hunde," meint Klein-Strasser. Spezielle Legasthenikerbetreuungen werden heute auch schon an etlichen Schulen angeboten. "Bei leichter Legasthenie kann die Schule sehr gut helfen", meint Klein-Strasser. Bei einer schweren Form empfiehlt sie jedoch eine Einzelbetreuung. "In der Schule fehlt es da oft an Zeit und Platz."

INFORMATIONEN Beim Österreichischen Bundesverband Legasthenie, 1140 Wien, Rosentalgasse 13/11, Tel.: 01/9113277. Der Verein unterstützt und berät Eltern, Lehrer und Betroffene. Kostenlose Beratung gibt es am Donnerstag, den 12. November, Donnerstag, den 10. Dezember und Donnerstag, den 14. Jänner von 19-20 Uhr in der Buchhandlung des Pädagogischen Bundesverbandes, Strozzigasse 14, 1080 Wien oder beim zuständigen Schulpsychologischen Dienst.

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