Tafel Türkis-Rot - © Foto: iStock / Smilja Jovanovic (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Gesellschaft

Lehren jenseits von Rot und Türkis

1945 1960 1980 2000 2020

Mit ihrem Buch und ihrem Tätigkeitsbericht polarisiert Susanne Wiesinger – nicht nur zum Thema Parteipolitik in den Schulen. Eine Einordnung aus Lehrersicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit ihrem Buch und ihrem Tätigkeitsbericht polarisiert Susanne Wiesinger – nicht nur zum Thema Parteipolitik in den Schulen. Eine Einordnung aus Lehrersicht.

„Was soll denn nun in den Beurteilungen stehen? Wer soll ganz vorne gereiht werden?“, soll der Leiter eines Assessment- Centers im damaligen Wiener Stadtschulrat (jetzt Bildungsdirektion) nachgefragt haben. Ursprünglich war sein externes Assessment-Center beauftragt worden, um Direktionsbesetzungen mit Hilfe eines Auswahlverfahrens nach objektiven Kriterien und parteiunabhängig durchzuführen. Nun ja. Die Anekdote ist symptomatisch für eine Kultur in Österreich, in der parteipolitische Entscheidungen immer wieder in das Schulgeschehen eingreifen und dieses teilweise dominieren. Ein Symptom unter vielen: Die Pädagogische Hochschule (PH) Wien ist „rot“, die PH Niederösterreich „schwarz“ bzw. „türkis“. Schulen etwa in Wien werden analog in „rote“ und „schwarze“ eingeteilt. Der Kollege, der mir vor Jahren diese Episode erzählte, ist übrigens mittlerweile Direktor, selbstverständlich mit Hilfe einer politischen Fraktion. Gelacht haben wir damals beide über das originelle Vorgehen des Assessment-Centers – und die professionelle Verschwendung von unseren Steuergeldern.

Lieber selbst an die Futtertröge Parteipolitik im Schulsystem: Dabei agieren die Akteure alle rational im Sinne der Klugheit, wenn auch nicht vernünftig. Sie haben den eigenen Vorteil oder den der eigenen Partei im Visier, nicht das Wohl des Landes oder gar der Kinder und Jugendlichen. Gemäß dem Motto: Lieber selbst an die Futtertröge, als sich unparteiisch und objektiv im Sinne der Meritokratie abmühen, dass tatsächlich die Talentiertesten nach oben kommen und das getan wird, was eigentlich vernünftig und angemessen wäre. Nach einer „Wut-Wirtin“ gibt es nun eine „Wut-Lehrerin“ namens Susanne Wiesinger und ihr zweites Buch. Sehr sinnvoll und begrüßenswert ist es, wenn das Thema Parteipolitik wieder an die Öffentlichkeit gebracht wird. Wiesinger fasst ihre Ergebnisse nach einem Jahr als „Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte“ im Bildungsministerium zusammen: „Die Parteilinie scheint wichtiger zu sein als wirkliche Hilfe für die Schüler.“

Gemeinsam mit Addendum- Redakteur Jan Thies kritisiert sie beide „Reichshälften“. Das rot-grüne Wien etwa beschönige Integrationsprobleme vor allem mit muslimischen Kindern, um nicht der FPÖ in die Hände zu spielen. Am Ministerium bemängelt die Wiener NMS-Lehrerin und ehemalige SPÖ-Lehrergewerkschafterin wiederum, dass ihre Arbeit „ausschließlich die politischen Positionen der Volkspartei untermauern“ sollte.