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Morgen, Lehrer, wird's was geben

Thumb - © Grafik: Rainer Messerklinger
Gesellschaft

"Lernsieg", aber ohne Verlierer

1945 1960 1980 2000 2020

Das Bewerten von allem und jedem - auch von Lehrern – zeigt ganz grundsätzliche Fallstricke der Like-getriebenen Gesellschaft auf. Es gibt aber auch Möglichkeiten, den Trend inhaltlich besser zu nutzen als mit sinnlosen Apps.

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Das Bewerten von allem und jedem - auch von Lehrern – zeigt ganz grundsätzliche Fallstricke der Like-getriebenen Gesellschaft auf. Es gibt aber auch Möglichkeiten, den Trend inhaltlich besser zu nutzen als mit sinnlosen Apps.

In der Wolle gefärbte Pessimisten haben schon längst mit der Digitalisierung abgeschlossen. Sie meinen, überall Anzeichen für Verschiebungen vom Stabilen in Richtung Flüchtiges erkennen zu können. Die guten alten, immer geltenden Werte seien heute durch Bewertungen ersetzt und ins Wanken gebracht. Werte halten ewig und einen Tag, Bewertungen halten oft nur ein paar Sekunden, blauer Daumen nach oben, roter Daumen nach unten. Was liegt also in diesen Bewertungszeiten näher, als die traditionellen „Bewerter vom Dienst“ in der Gesellschaft, die Lehrer, bewerten zu wollen? So meinten die, die den „Lernsieg“ ausriefen und damit scheiterten.

Warum? So eine Bewertung würde dann hervorragend funktionieren, wenn man den Lehrer als Wissens-App auf zwei Beinen sieht. Aber es ist anders. Tatsächlich bringen Lehrerinnen und Lehrer den Schülern nicht nur Mathematik, Englisch, Deutsch und anderes bei, sondern auch ein geregeltes Zusammenleben in der Schule, Grundbegriffe wie Gerechtigkeit, Rücksichtnahme und – ob man will oder nicht – die Werte der Leistungsgesellschaft.

Genauso unbestritten ist, dass weder diese Werte noch der Wissenserwerb per Note stets angenehm für die Belehrten sind, was die Bewertung zu einer Versammlung subjektiver Befindlichkeiten macht. Und das verletzt den Grundsatz jeder haltbaren Bewertung – seit Aristoteles Logik lehrte: Eine Bewertung, die uns in Summe einen Vorteil bringen soll, muss demnach von einem halbwegs neutralen Standpunkt aus erfolgen.

Wenn man Lehrer also von Schülern bewerten lässt, die gegen die Anforderungen des Systems aufbegehren und schlechte Noten abräumen, dann werden sie auch die Lehrkraft schlecht benoten – es hagelt Ein-Stern-Bewertungen. Verstehen sie aber die System-Anforderungen gut und setzen sie sie um, dann werden viele Fünfsternbalken vergeben werden. Nimmt man eine Klasse, in der sich die Niveaus mischen, wird auch der Lehrer in Summe ein gemischtes Ergebnis erhalten, der in etwa dem Notenschnitt der Klasse entspricht. Denn es ist wenig wahrscheinlich, dass der gute Schüler schlechte Bewertungen gibt, oder aber der schlechte Schüler seinen Lehrer blendend finden wird. So gesehen bewerten die Schüler gleichsam das eigene Leistungsvermögen, indem sie ihre Lehrer bewerten. So sind auch die auffällig durchschnittlichen Ergebnisse zu interpretieren, die öffentlich wurden, als die App noch online war.