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Leuchtfeuer

Die alten Karten und Pläne, die Menschen und Gesellschaften durch das Leben geleitet haben, stimmen nicht mehr. Das Lichtermeer gehört zu den ersten Versuchen, neue Orientierungspunkte zu setzen.

Das 20.Jahrhundert war am 23. Jänner 1993, am Abend des Lichtermeers eigentlich schon vorbei. Es dauerte, so der Historiker Eric Hobsbawm, vom Ausbruch des ErstenWeltkriegs 1914 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 und war durch eine paradoxe Konstellation zwischen Kapitalismus und Kommunismus gekennzeichnet. Zwar bestand ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den beiden Systemen. Dennoch hat im Zweiten Weltkrieg die temporäre und bizarre Allianz von liberalem Kapitalismus und Kommunismus die Demokratie vor dem Faschismus gerettet. Hobsbawm: "Eine der Ironien dieses denkwürdigen Jahrhunderts ist, dass das dauerhafteste Resultat der Oktoberrevolution - deren Ziel es ja war, den Kapitalismus weltweit umzustürzen - ausgerechnet die Rettung ihres Antagonisten im Kriege wie im Frieden war: Sie spornte ihn an (indem sie ihm Angst machte), sich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst zu reformieren."

Menschen ohne Orientierung

Diese Selbstreform führte zum Aufbau des sozialen Netzes, das zur Grundlage eines nie dagewesenen ökonomischen Erfolges wurde. Die sozialen und kulturellen Veränderungen, die durch die ökonomische Explosion des "Goldenen Zeitalters" ausgelöst wurden, unterhöhlten aber nicht nur die nach dem Weltkrieg aufgebauten, sondern auch ältere gesellschaftliche Strukturen. Auch solche, auf die der Kapitalismus selbst angewiesen war.

Als die Sowjetunion zerfiel, waren, so Hobsbawm, die Fundamente des liberalen Kapitalismus längst brüchig geworden. Das spektakuläre Ende der kommunistischen Regime war nur der Knall, der anzeigte, dass die Welt des 20.Jahrhunderts insgesamt verschwand. "Am Ende dieses Jahrhunderts war es zum ersten Mal möglich, sich eine Welt vorzustellen", so Hobsbawm, "in der die Vergangenheit (auch die Vergangenheit der Gegenwart) keine Rolle mehr spielt, weil die alten Karten und Pläne, die Menschen und Gesellschaften durch das Leben geleitet haben, nicht mehr der Landschaft entsprachen, durch die wir uns bewegten, und nicht mehr dem Meer, über das wir segelten. Eine Welt, in der wir nicht mehr wissen können, wohin uns die Reise führt, ja nicht einmal, wohin sie uns führen sollte."

Tatsächlich zeigten die Menschenketten und Lichtermeere, die in den frühen neunziger Jahren gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus protestierten, eine tiefe Ratlosigkeit an. Die Slogans der großen Kundgebung im Jänner 1993 in Wien waren merkwürdig problematisch und wurden auch bald scharf kritisiert. Was sollten Rufe wie "Anständigkeit zuerst" (gegen das Motto des sogenannten Ausländer-Volksbegehrens "Österreich zuerst") oder "Ich bin ein Ausländer"? War der Aufruf: "Wir wollen miteinander menschlich leben" nicht vollkommen nichtssagend? Und dann noch die Kerzen mit ihrer harmlosen und demütigen Symbolik. Symptome eines überbordenden Harmoniebedürfnisses?

Ungewohnt breite Allianzen

Ungewohnt und irritierend war auch die seltsame Mischung: Kirchliche Gruppen waren ebenso dabei wie sozialistische und kommunistische Organisationen, Vereine, Parteien, Gewerkschaften, Aktionsgruppen und jede Menge von Personen, die keiner Organisation angehörten. Freilich, schon die Friedensbewegung der achtziger Jahre hatte manchmal ähnlich breite Allianzen zu Stande gebracht - zuletzt gegen den Golfkrieg im Jahr 1991. Die Friedensbewegung war allerdings ein Kind des 20.Jahrhunderts. Seit 1945 gewann sie ihr Profil und ihre Dynamik großteils aus dem Protest gegen die West-Ost Aufrüstung. Und sie richtete sich auf ein Ziel, das in Europa einen breiten gesellschaftlichen Konsens fand: die Vermeidung von Krieg. Die Demonstrationen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit machten etwas Neues zum Thema: die Wertvorstellungen, nach denen die Welt, in der wir leben, aufgebaut ist und sein soll.

Wie soll Welt aussehen?

Auseinandersetzungen um die Frage, wie diese Welt aussehen soll, sind nicht leicht zu führen. Vor allem aber sind sie im 20. Jahrhundert gänzlich aus der Mode gekommen. Die großen Gegner des heißen und kalten Krieges waren nämlich zumindest in einem Punkt einer Meinung: ob die Welt sich in eine wünschenswerte Richtung entwickeln wird, hänge ausschließlich davon ab, ob die "richtige" ökonomische Ordnung eingeführt oder aufrechterhalten wird. (Hobsbawm sieht daher in den Kriegen des 20.Jahrhunderts säkularisierte Religionskriege.)

Einer der großen Ideologen des liberalen Kapitalismus, Friedrich Hayek, erklärte, es sei gerade die entscheidende Errungenschaft der Marktwirtschaft, dass sich in ihr die Menschen nicht mehr auf das riskante und konfliktreiche Unternehmen einzulassen brauchen, in dem Ziele für die Gestaltung einer gemeinsamen Welt formuliert werden. Durch den Austausch auf dem freien Markt entstünde die gemeinsame Welt, die den individuellen Präferenzen entspricht, ganz von selbst. Die Politik habe daher keine andere Aufgabe (und dürfe niemals eine andere Aufgabe übernehmen) als die abstrakten Regeln des Tauschs zu hüten.

Die marxistische Vision war in bestimmten Aspekten spiegelbildlich konstruiert. Auch sie glaubte den einzig möglichen Schlüssel zum Aufbau einer menschlichen Gesellschaft in Händen zu halten. Auch für sie war dieser Schlüssel ökonomischer Natur: er lag in der Abschaffung des Kapitalverhältnisses. Trotz aller Unterschiede zwischen den beiden großen Systemen entsprang die erstrebenswerte Gesellschaft für beide (gleichsam automatisch) aus dem, was sie jeweils für das einzig richtige ökonomische System hielten. In diesem Sinn sahen sich beide Systeme zu Recht als Repräsentanten der Moderne gegen anachronistische Strukturen. Nicht Tradition, Militär, Religion oder rassistische und nationale Mythen, sondern die rationalen Prinzipien wirtschaftlichen Handelns sollten die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung bilden. Unter diesem Gesichtspunkt waren die großen Kontrahenten natürliche Verbündete gegen die faschistischen Diktaturen. Und es wird sich erst zeigen, ob es nach dem Wegfall des prekären Gegenübers gelingen wird, den rapide wachsenden Tendenzen zurück zu autoritären Strukturen in Staat und Gesellschaft Einhalt zu gebieten.

Von heute aus betrachtet gehörte das Lichtermeer von 1993 zu den ersten Versuchen diesen Tendenzen etwas entgegenzusetzen: Orientierungspunkte in der unbekannten Landschaft zu finden, Leuchtfeuer zu setzen, mit Hilfe derer die Menschen und Gesellschaften im 21. Jahrhundert werden reisen müssen. Heute ist deutlicher als damals zu sehen, was die so unterschiedlichen Gruppen verband: Sie reagierten auf die Gefahr, dass die neue Orientierung im politischen Raum auf eine Reorientierung an rassistischen und nationalistischen Mythologien und einen autoritären Staat hinauslaufen könnte.

Den Mythos durchschaut

Und sie reagierten darauf, dass das Versprechen, die ökonomische Logik des liberalen Kapitalismus werde von sich aus die beste aller möglichen Welten hervorbringen, längst als Mythos durchschaut war. Sie betraten damit die unübersichtliche gesellschaftliche Zone, in der sich Moral und Politik überschneiden. Daran war sicherlich manches naiv: die Hoffnung, eine Kundgebung diesen Ausmaßes werde die Regierung zu einer menschlicheren Politik gegenüber Migrantinnen und Migranten bewegen. Wir wissen, dass das nicht erreicht wurde.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Stärke dieses Typs von Demonstration nicht im Erreichen relativ kurzfristiger politischer Ziele liegt. Sie liegt eher darin, dass dadurch eine neue Zone von gesellschaftlicher Auseinandersetzung eröffnet und inzwischen besetzt worden ist. In den Kundgebungen dieses Typs bringen Menschen mit sehr unterschiedlichem sozialen und politischen Hintergrund zum Ausdruck, dass das Gesellschaftsbild, das heute mit Hilfe von alten und neuen Mythen verbreitet wird, nicht das ihre ist.

Sie melden den Anspruch an, dass sie dabei ein Wort mitzureden haben. Und sie machen die Erfahrung, dass die Konfliktlinien im 21. Jahrhundert nicht immer in den bekannten Bahnen verlaufen. Die Karten und Pläne, die Menschen und Gesellschaften durch das Leben unter neuen Bedingungen leiten können, werden nicht ohne sie gezeichnet werden.

Die Autorin ist a.o. Professorin am Institut für Philosophie der Universität Wien.

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