Wie können private und berufliche Beziehungen ohne Machtkämpfe gelebt werden?

Wir Menschen sind keine Einzelwesen. Beziehungen sind lebensnotwendig. Studien zeigen, dass Singles früher sterben und Alleinlebende weit häufiger an Depressionen leiden. Auch im Berufsalltag ist das berühmte Vitamin "B" für eine Karriere nicht weg zu denken. Beziehungswissen will aber gelernt sein, Spielregeln sind zu beachten. Allzuleicht werden aus Beziehungen Machtkämpfe. Bei den 26. Goldegger Dialogen Anfang Juni mit dem Titel "Kraft der Beziehungen - Bindung, Freundschaft, Resonanz" wurden vor allem Machtkämpfe in Beziehungen, Opfer-Täterdynamiken, Machkompetenzen im Berufsalltag sowie das Prinzip Menschlichkeit beleuchtet.

Liebe als Droge

Der Psychiater und Psychosomatikexperte Joachim Bauer aus Freiburg zeigte in seinem Vortrag in Goldegg sehr eindrucksvoll, dass Lob, Anerkennung und Liebe auf unser Gehirn wie eine Droge wirken. So wird etwa Dopamin im Körper in einer Verliebtheitsphase genauso ausgeschüttet wie nach Kokainzufuhr. Liebe macht uns also high. Im Gegensatz zu Kokain ist dieser Highzustand von Beziehungen aber gesundheitsfördernd. "Es konnte nachgewiesen werden, dass das Immunsystem von Menschen in guten, lebendigen Beziehungen weit stabiler ist als jenes einsamer Menschen", so Bauer. "Wird hingegen jemand aus Beziehungen ausgegrenzt, entsteht nachweislich Aggression." Aggression ist also kein Trieb (wie so lange angenommen), sondern eine psychologische und biologische Reaktion des Körpers. Ausgrenzung führt zu Aggression, Gewalt und Kriegen. Im Umkehrschluss sind also nährende Beziehungen die beste Friedensarbeit.

Glatteis der Illusionen

Zwei Menschen sehen sich, die Schmetterlinge schwirren und die rosa Brille (samt Glückshormonausschüttungen) wirkt einige Wochen bis Monate. Dann setzt der Verstand langsam aber sicher wieder ein, und wir sehen ein reales Gegenüber: mit Stärken und Schwächen. Hier beginnt Beziehung, die Auseinandersetzung, und vor allem auch oft die destruktiven Muster, wie wir miteinander umgehen.

Der Arzt und Therapeut Rüdiger Dahlke forderte in seinem Vortrag eine Führerscheinprüfung für Beziehungen ein. "Die aktuellen Scheidungsraten zeigen deutlich, dass die Paare die einfachsten Grundregeln nie gelernt haben", so Dahlke. Liebesromane und Hollywoodfilme führen viele Paare aufs Illusionsglatteis. Partnerschaft ist manchmal Vergnügen und meist bewusst zu leistende Arbeit. "Die Liebe ist wie der Schaum am Bier - flüchtig - und ohne Bewegung schmeckt sie bald schal", so Dahlke. Beziehungen brauchen einen aktiven Einsatz, Energie in Form von bewusst gemeinsam verbrachter Zeit, Kommunikation und Toleranz, um den von uns gewählten Partner wirklich kennen zu lernen. Denn während der Auswahl unseres Partners erliegen wir zwei fast unbeeinflussbaren Strömungen: Dem Gesetz der Resonanz - "Gleich und Gleich gesellt sich gern" oder dem Gesetz der Polarität - "Gegensätze ziehen sich an!" Erstere Paare haben es zwar scheinbar leichter, die Beziehung ist aber oft oberflächlich und birgt wenig Entwicklungschancen. Zweitere Paare leben in der ewigen Herausforderung und leiden oft unter Opfer- und Täterspielchen.

Opfergefühle und Machtkämpfe sind der Arbeitschwerpunkt von Jaya Renate Herbst, Paartherapeutin aus Mannheim. Die Expertin unterscheidet in ihrem Vortrag zwischen einem "Opfer", also einer Person, die auf eine negative Situation keinen Einfluss nehmen kann, und Opfergefühlen. Diese gehören zu Situationen und Dynamiken, wo wir sehr wohl Einfluss auf den Ausgang haben, diesen aber nicht wahrnehmen. Beispielsweise um in der Paarbeziehung bewährte Machtkämpfe auszutragen. Dies geschieht meist unbewusst und löst viele Aggressionen aus. Denn wer sich als Opfer fühlt, empfindet sich machtlos, und das macht auf die Dauer wütend.

Wenn Liebe einengt

Maria fühlt sich von Peter eingeengt. Anstatt ihm das klar zu sagen und ihre persönlichen Grenzen zu setzen, geht sie in die Opferhaltung. Irgendwann explodiert sie dann mit den Worten: "Nie lässt Du mir meinen Freiraum, immer sperrst Du mich ein, das halt' ich nicht mehr aus!" Für Maria ist Peter ganz klar schuldig. Dabei hat sie es verabsäumt, ihre Grenzen zu kommunizieren. Viel zu oft kommt es so zu vorschnellen Trennungen. "Bindungsverlust ist aber das, was wir am meisten befürchten", betont Herbst. Für sie ist Trennung nie eine gute Lösung, denn diese Muster kommen in der nächsten Partnerschaft wieder und immer wieder zum Vorschein. Die Beziehungsexpertin Jaya Herbst unterscheidet fünf Opfer-Grundthemen, die Menschen in Beziehungen ausagieren: die Berechtigung zu sein zeigt sich in Sätzen wie "Du siehst mich ja gar nicht!" Die Thematik Geben und Nehmen steckt im Vorwurf: "Ich bekomme nie das von Dir, was ich brauche!" Die Frage der persönlichen Macht steckt in Anschuldigungen wie "Du willst mich unterdrücken!" Der Wert fällt Aussagen zum Opfer wie: "Wegen Dir kann ich nicht so sein, wie ich wirklich bin!" Und als fünften Punkt nennt sie die Erlaubnis zu Lust und Freude, die im Vorwurf gehemmt ist: "Mit Dir macht das Leben keinen Spaß!"

Unbewusste Liebestöter

Viele dieser Verletzungen finden völlig unbewusst statt und stören oft über Monate und Jahre hinweg den kostbaren Schatz der Partnerschaft. "In einer guten Paarbeziehung zu leben, stellt einen hohen Wert dar. Sie aufzubauen erfordert einiges an regelmäßiger Investition. Eine gute Paarbeziehung ist die Folge einer eigenen, inneren Haltung, die tägliches Training erfordert", erklärt Jaya Renate Herbst. "Der Ausstieg aus der Opferhaltung erfordert Eigenverantwortung. Wer sonst außer wir selbst sollte die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen formulieren? Das Ziel ist nicht, Opfergefühle ganz zu vermeiden, sondern diese immer schneller zu erkennen und bewusst aus der Opfer-Täterdynamik auszusteigen", sagt die Expertin in Sachen Beziehung.

Streiten will gelernt sein

Streiten ist Teil einer gesunden, lebendigen und vor allem dauerhaften Beziehung. Konstruktives Streiten kann man lernen und zwar etwa in der "Streitschule für Paare" von Jaya Herbst, die ab September in Salzburg beginnt. Das Paar investiert fünf Wochenenden für die gemeinsame Beziehung und lernt von vier beziehungserprobten Therapeuten einen konstruktiven Umgang miteinander.

Die Wiener Psychotherapeutin und Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek (siehe dazu auch das Interview unten) vermittelte in ihrem Vortrag Hintergründe zu dem Tabuthema Macht. Karriere erfordert einen versierten Umgang mit Interessenskonflikten. Wer die Spielregeln nicht kennt oder nicht befolgt, spielt eben nicht mit in der Welt der internationalen Konzerne oberhalb der so genannten gläsernen Decke. Ein Schlüssel zur Macht ist das persönliche Ziel sowie der Wille, dieses Ziel auch zu erreichen. Genauso wie es Energie und Wille braucht, um Partnerschaft zu leben - und nicht beim ersten Stein am Weg das Handtuch zu werfen.

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