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Liebe zwischen Eigenständigkeit und quälender Einsamkeit

Viele Paare müssen oder wollen aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung eingehen. Nicht Egoismus, sondern Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation stünden oft dahinter, so Experten.

„Ich habe heute noch Flashbacks, weil das Wiedersehen so toll war. Das sind große Erinnerungen, die ich im Leben nicht vergessen werde“, ist Studentin Katharina B. noch sieben Monate nach der Wiedervereinigung mit ihrem Freund Klaus gerührt. Als sich das Wiener Paar am Flughafen in Melbourne wieder in die Arme schließen konnte, hatte Klaus gerade ein Architektursemester an der RMIT-Universität Melbourne absolviert. An „mindestens fünfzehn Stunden schwere Nervosität“ schon während des Fluges erinnert sich die 23-Jährige lebhaft und daran, wie sich die beiden am Terminal in den Armen lagen, als wäre die Zeit stehen geblieben: „Klaus war real – und kein virtuelles Bild mehr auf Skype.“

Mit dem virtuellen Bild aus der Internet-Videotelefonie-Software begnügte sich Katharina B. ohnehin die sechs Monate vor dem Wiedersehen und wenn das nicht funktionierte, verschickte das Paar E-Mails oder SMS und nahm teure Telefonate in Kauf. Eine Beziehung auf Distanz zu führen, hatten die beiden auch schon zuvor öfter erprobt. „Wenn man verliebt ist, kommt es einem widersinnig vor, sich wegen einer Distanz zu trennen“, so Katharina.

Geografische Distanz erleben viele Paare im Laufe ihrer Beziehung – ob freiwillig oder unfreiwillig, immer mehr Menschen nehmen für ihre berufliche Selbstverwirklichung eine Fernbeziehung in Kauf. „Das hat weniger mit einer Egoentscheidung zu tun als vielmehr mit Vorsicht. Die Menschen nehmen Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation“, weiß Paartherapeut Peter Battistich ( www.battistich.at). In Österreich lebt mittlerweile jede/r Fünfte der 18- bis 45- Jährigen in sogenannten „Living Apart Together“-Partnerschaften, also Beziehungen mit getrennten Haushalten. Über vier Prozent der Befragten derselben Altersgruppe müssen in ihrer Partnerschaft über eine Stunde Anreisezeit in Kauf nehmen, um den Partner zu besuchen. Das geht aus dem „Generations and Gender Survey“ der europäischen Wirtschaftskommission der UN hervor. „Wie stark Fernbeziehungen als Lebensform zunehmen, ist schwer festzustellen, weil Untersuchungen über einen längeren Zeitraum fehlen“, erklärt Statistiker Andreas Baierl vom Österreichischen Institut für Familienforschung der Universität Wien. Soziologin Christine Geserick vom selben Institut definiert Fernbeziehung als Partnerschaften, bei denen mindestens eine Stunde Reisezeit zwischen den Wohnorten liegt.

Eine Stunde Reisezeit

Nicht alle nehmen eine Fernbeziehung als „Kollateralschaden“ ihrer Selbstverwirklichung bloß in Kauf, für manche ist die räumliche Trennung eine bewusst gewählte Lebensform. „Das betrifft vor allem Menschen in der zweiten Lebenshälfte, Frauen, die nicht mehr in der reproduktiven Phase sind, oder wenn schon Kinder da sind und eine Beziehung gescheitert ist. Sie entscheiden sich häufig bewusst, nicht mehr mit dem neuen Partner zusammenzuziehen“, so die Soziologin.

Eine Liebe auf Distanz zu führen, bringt naturgemäß Schwierigkeiten wie fehlende Nähe oder unerfüllte Sexualität mit sich. Wie man die fehlende Nähe überbrückt und wie ungezwungen die Kommunikation sei, hänge davon ab, wie sehr man die technischen Kommunikationsmittel als natürlichen Raum wahrnehmen kann, so Geserick. Dass in Fernbeziehungen häufiger fremdgegangen würde, glauben Geserick und auch Paartherapeut Battistich nicht. „Die Versuchung mag größer sein, doch eine Fernbeziehung, in der Fremdgegangen wird, endet bald“, so Battistich.

Die Tücken der Distanz kennt Katharina B.: „Wenn man selbst daheim bleibt, ist es der andere, der viele neue, tolle Dinge erlebt.“ Viele Probleme würden in einer normalen Beziehung einfach durch eine Umarmung aus der Welt geschaffen werden können. Dann gebe es Konflikte, die auf Einsamkeitsgefühlen beruhen. „Man ist dann nicht traurig über die Trennung, sondern böse in dem Moment.“ Wichtig ist zu reflektieren und sich seiner Gefühle bewusst zu werden: „Man darf bei Problemen nie flüchten und am Telefon auflegen. Das wäre so, als würde ich jemanden aus meiner Wohnung raushauen und die Tür zusperren.“

Trotz Abstrichen zeigen Studien, dass Fernbeziehungen genauso lange halten können, wie normale Beziehungen. In den meisten Fällen geht die Entscheidung über das Zusammenziehen einher mit der Entscheidung über Heirat und Elternschaft. Lebensphasen der Ausbildung oder des Zusammenwohnens vor der Ehe dehnen sich insgesamt aus. Dass die eigene Selbstverwirklichung immer wichtiger wird, sieht Soziologin Christine Geserick aber nicht als negatives Zeichen einer modernen Individualitätsgesellschaft: „Wenn man die berufliche Verwirklichung anstrebt und man gerade als Frau den Job für ein Zusammenziehen nicht aufgeben will, dann sehe ich das als positiven Ausdruck weiblicher Emanzipation.“ Auch Katharina B. sieht in der Eigenständigkeit einen klar positiven Aspekt von räumlicher Distanz: „Ich würde mir immer wünschen, dass eine Partnerschaft aus zwei parallelen Leben besteht, die ineinander verwoben sind.“ Da die Studentin mit ihrem Freund mittlerweile zusammenwohnt, weiß sie, dass es passieren kann, sich zu sehr auf den anderen zu konzentrieren. Eigenständigkeit und eine besondere „Nähe durch Distanz“ können eine Fernbeziehung auszeichnen, das weiß sie heute wie damals: Gerade reist Klaus für eine Uni-Exkursion und etwas Urlaub für mehrere Wochen durch Südamerika.

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