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Lust auf den starken Mann

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Die Solidarität ist "gekippt", dafür haben die Österreicher pro Kopf 2,5 Weltanschauungen.

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Die Solidarität ist "gekippt", dafür haben die Österreicher pro Kopf 2,5 Weltanschauungen.

Die Basis, auf der die Demokratie in Österreich steht, ist eine erstaunlich kleine." Wenn ein sozialwissenschaftliches Buch zu Beginn des letzten Kapitels zu dieser Erkenntnis kommt, darf man sich Sorgen machen, zumal wenn bald darauf die Aussage folgt: "Demokratie ist nicht mehr ein Wert für sich, das Ziel ist Turbokapitalismus gepaart mit sozialer Sicherheit - durchaus auch durch einen autoritären Staat."

Die Daten einer großen Untersuchungswelle 1999/2000 zur Erforschung der Lebenskonzepte und Werthaltungen der österreichischen Bevölkerung liegen nun als Buch vor: "Die Konfliktgesellschaft - Wertewandel in Österreich 1990-2000". 1990 hatte sich erstmals ein österreichisches Team mit dem Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner an der Spitze an einer großen europäischen Wertestudie beteiligt, nun werden die damals erhobenen Daten mit neuen verglichen und von fünf Autoren - Hermann Denz, Christian Friesl, Regina Polak, Reinhard Zuba und Paul Zulehner - analysiert. Trotz einer Fülle von Zahlen und Tabellen liest sich das Buch zeitweise wie ein Roman, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das nicht unbedingt überraschend, aber sehr konkret ausfällt.

Das zentrale Ergebnis drückt schon der Titel aus: "Konfliktgesellschaft". Österreichs Bevölkerung ist gespalten, nicht mehr in große politische Lager wie einst, aber in gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichen Werten. Doch auch der Einzelne neigt dazu, zwei Seelen in seiner Brust zu tragen, zwischen den widersprüchlichen Megatrends in einer pluralistischen Gesellschaft zerrissen zu werden. Das wird an den heutigen Einstellungen zu Arbeit und Familie, Religion und Politik anschaulich dargestellt.

Da gibt es auf der einen Seite einen enormen "Trend zum Ich": Zwei Drittel der Bevölkerung sind der Ansicht, dass der Sinn des Lebens darin besteht, das Beste herauszuholen. Selbstverwirklichung ist ein anerkannter Wert. Der Trend zum Ich verbindet sich aber mit dem Wunsch nach neuen Sicherheiten und einem Trend zum Wir: "Das Ich hat sich selbstbewusst aufgerichtet und ist dabei, sich mit dem Wir zu arrangieren: eine gesellschaftliche Entwicklung, die Positives verheißt."

Die These von der Konfliktgesellschaft baut auf den erhobenen Daten auf: "Der Wunsch nach Individualität steht in der Spannung zum Wunsch nach Gemeinschaft, der Wunsch nach Freiheit in Spannung zum Wunsch nach Ordnung, Sicherheit und Gleichheit. Diese Spannung ist nicht neu, sie steht aber unter neuen Vorzeichen. Zum einen lösen sich die sozialen und politischen Schutz- und Schonräume auf, zum anderen ist der Einzelne weitaus stärker für sich selbst verantwortlich als früher."

Neben der Selbstverwirklichung gewinnen die "kleinen Lebenswelten", Familie und Freunde, an Bedeutung. "Familie und Arbeit stehen auch heute noch als ungebrochene Sieger an der Spitze der menschlichen Werteskala: als Orte, wo der Mensch zum Menschen werden kann." Von den Befragten waren für 89 Prozent die Familie und für 66 Prozent die Arbeit sehr wichtig. Männer sehen Kinder immer weniger als elementaren Bestandteil einer guten Partnerschaft (minus 9 Punkte), Frauen hingegen wünschen sich verstärkt Kinder, was neues Konfliktpotential birgt.

Die Mehrheit der Bevölkerung will sich nicht mehr auf traditionelle Werte-Ideologien festlegen lassen, sondern orientiert sich vor allem am persönlichen Wohl: "Ich will alles und das sicher". Die Ansprüche und Anforderungen an die berufliche Arbeit sind in allen Bereichen gestiegen: mehr Selbstverwirklichung, mehr Gehalt und mehr Arbeitsplatzsicherheit.

In Sachen Sinnsuche kommt das Buch zu zwei wichtigen Schlüssen: Religion ist ein "Megatrend" - gerade in der westlichen, oft als säkularisiert und materialistisch etikettierten Welt. Das Christentum verliert aber an Bedeutung und seine Kirchen befinden sich in einer tiefgreifenden Krise. Wenn die Autoren Recht haben, wollen sich die Menschen nicht auf eine Religion verlassen, sie haben "durchschnittlich 2,5 verschiedene Weltanschauungen". 1999 bekannten sich mehr Menschen (83 Prozent) zum Glauben an Gott als 1990 (77 Prozent), auch das Vertrauen auf ein Leben nach dem Tod hat zugenommen (1990: 44, 1999: 50 Prozent).

Die kirchliche Kompetenz hat in dieser Zeit deutlich abgenommen. Mehr als 50 Prozent trauen der Kirche höchstens bei "geistigen Bedürfnissen" Antworten zu, für Fragen der Moral und des Familienlebens und für soziale Probleme sucht nur noch eine Minderheit Antworten der Kirche, sei es die katholische oder die evangelische.

Die Gesellschaft ist pluralistischer geworden, umso eher kommt es zu Konflikten in ihren Wertefragen. Menschen, die Autoritäten wollen, ja brauchen, stehen anderen gegenüber, die auch ohne Autoritäten auskommen. Der Trend der ungebrochenen Entwicklung zu mehr Freiheit hat sich inzwischen umgekehrt: Normen und Institutionen werden wieder wichtiger. Autoritäres Denken hat seit 1990 wieder an Ansehen gewonnen. Die Demokratie gilt eindeutig als ideale Staatsform, doch 60 Prozent der Befragten könnten sich Fachleute an der Regierung vorstellen, und ein Fünftel ist der Idee eines "starken Führers" durchaus nicht abgeneigt.

Die Solidarität ist "gekippt": Die Solidarität mit Menschen im engsten Umfeld (Mikrosolidarität) nimmt zu, die Ausländerfeindlichkeit steigt an: "Die Menschen schränken nicht unbedingt ihre Solidarität, aber deren Reichweite ein."

Die Untersuchung ortet heute eine "Kombinierbarkeit polarer Werte": So soll sich der Staat weitgehend aus der Wirtschaft heraushalten, aber zugleich ein soziales Netz bereitstellen. Nahezu jede Wertekombination ist möglich, "heute ist Pluralität erlaubt, ohne mit gesellschaftlichen oder sozialen Sanktionen rechnen zu müssen". Es gibt kaum einen Trend ohne starken Gegentrend.

Wir erleben Individualisierung, zugleich machen Bio- und Computertechnologie das Individuum auswechselbar, zum "Humankapital".

Wir erleben Säkularisierung und zugleich eine Resakralisierung: Medien und Wissenschaft übernehmen religiöse Funktionen, Esoterik wird wiederentdeckt, "neue Religiositäten" tauchen auf, zur echten Sinnsuche kommt die Flucht in pseudoreligiöse Traumwelten.

Wir erleben Demokratisierung, zugleich wächst der Wunsch nach einem starken Mann.

Den Trend zur Ökonomisierung, wobei sich die Ökonomie Regeln und Normen selbst setzt ("Was Wirtschaftsethik ist, bestimmt die Wirtschaft selbst") und ökonomische Prinzipien in allen Lebensbereichen Fuß fassen, begleitet ein Bruch zwischen Kräften, die für größeren Wirtschaftsliberalismus eintreten, und sozialreformerischen Kräften, für die Ökonomie nach politischen Vorgaben gestaltet und geregelt werden soll.

All diese heutigen Bruchlinien zeigt das Buch, aus dem auch alle hier angeführten Zitate stammen, präzise auf. Schließlich verrät es auch, dass die Bevölkerung auf die Frage, "was man auf keinen Fall tun darf", in den letzten zehn Jahren in fast allen Punkten gnädiger geworden ist. Strenger als 1990 beurteilt man nur, wenn jemand betrunken Auto fährt oder Schmiergelder annimmt. Das absolut Niederträchtigste war für die Befragten die Spritztour mit einem fremden Auto, gefolgt vom Mord aus politischen Gründen und dem Nichtmelden eines Parkschadens, während am anderen Ende der Skala Scheidung, Abtreibung und Homosexualität als am ehesten tolerierbare Dinge rangieren.

Die Konfliktgesellschaft. Wertewandel in Österreich 1990-2000.

Von Hermann Denz, Christian Friesl, Regina Polak, Reinhard Zuba, Paul M. Zulehner Czernin Verlag, Wien 2000, 256 Seiten, brosch., öS 278,-/e 20,25,

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