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MaMa kann's jetzt auch selbst

Ich lerne Deutsch, weil ich den Führerschein machen möchte", sagt eine Frau mit langen schwarzen Haaren. "Und ich lerne Deutsch, weil ich Kosmetikerin werden will", ergänzt ihre Sitznachbarin. "Genau! Deswegen werden wir auch im Mai üben, wie man sich richtig bewirbt", erwidert Kursleiterin Claudia Gritsch langsam und deutlich. Jüngere und ältere Frauen mit und ohne Kopftuch sitzen in einem Kindergarten in Wien-Margareten auf etwas zu kleinen Stühlen im Kreis versammelt. Jede schreibt ihr persönliches Motiv, warum sie hier ist, mit einem Filzstift auf bunten Karton. Die Frauen scherzen untereinander. Von nebenan ist der Klang von Blockflöten zu hören, Kinder toben und lachen.

Seit Oktober besuchen die Migrantinnen zwei Mal wöchentlich einen "Mama lernt Deutsch"-Kurs, den die Stadt Wien durch den Integrationsverein "Interface" gratis anbietet. "Wir haben natürlich viele Musliminnen in den Kursen, also thematisieren wir das Opferfest genauso wie Weihnachten", erklärt Gritsch. Auch wenn sich die Frauen je nach Herkunft, Konfession und Bildungshintergrund unterscheiden, finden sich doch schnell gemeinsame Nenner, wie Gritsch betont: "Es sind alle Frauen, die meisten sind Mütter, und alle wollen Deutsch lernen."

Neben dem Deutschunterricht kommen lebensnahe Themen wie Schule, Erziehung oder Gesundheit zur Sprache. Durch Exkursionen lernen die Kursteilnehmerinnen Einrichtungen der Stadt kennen. Sämtliche Kursinhalte dienen dem gezielten Empowerment der Migrantinnen: "Wir wollen die Frauen dabei unterstützen, ihr Leben selbstständiger und selbstbewusster zu bewältigen", sagt Gritsch, "ob es um das Ausfüllen von Formularen, den Besuch des Elternsprechtages oder das Lösen eines Nachbarschafts-Konflikts geht." Für viele ist die Arbeitssuche noch ein weiter entferntes Ziel. Die Kursangebote sind bewusst niederschwellig angelegt: Damit die Mütter in Ruhe lernen können, gibt es eine Kinderbetreuung parallel zu den Unterrichtseinheiten, die die Frauen zeitlich flexibel wählen können.

Die Mama lernt -die Tochter turnt

Das kommt auch der aus Somalia stammenden Yara (Name geändert) entgegen. Ihre zweijährige Tochter Omima turnt gerade im Nebenraum mit anderen Kindern auf einer Sportmatte. In den Pausen schaut das kleine Mädchen immer wieder bei ihrer Mama vorbei. Die 31-Jährige mit dem weiß gemusterten Kopftuch hat im Sudan als Buchhalterin gearbeitet. Vor zwei Jahren ist sie ihrem Mann nach Österreich gefolgt, der im Bundesasylamt als Betreuer arbeitet. Im April kommt ihr zweites Kind auf die Welt, danach will sie hier die Ausbildung zur Buchhalterin beginnen. "Wenn es geht, möchte ich schon damit beginnen, wenn das Kind ein Jahr alt ist", sagt sie. Für die junge Frau sind die beiden wöchentlichen Kurseinheiten eine willkommene Abwechslung: "Ich bin sonst viel zu Hause -so komme ich mal raus." Im Kurs hat sie bereits Freundinnen gefunden, mit denen sie sich gut austauschen kann.

Eine davon ist die 34-jährige Aesha (Name geändert). Die gebürtige Türkin lebt schon seit 14 Jahren in Österreich. Sie will ihr Deutsch vor allem verbessern, um den Alltag ihrer Familie leichter organisieren zu können. "Für meine Buben ist es einfacher, sich gut zu integrieren", betont sie. Die beiden haben bereits in Wien den Kindergarten besucht und sprechen gut Deutsch. Vor einigen Jahren habe man es als Muslimin in Wien noch leichter gehabt, ist sie überzeugt. Seit den islamistischen Anschlägen auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo spürt sie eine verstärkte Skepsis, die den Musliminnen entgegenschlägt. "Das eigentliche Problem für manche Österreicher ist das Kopftuch", räumt Aesha ein, die selbst eines trägt. Vor allem im Sommer, wenn sie einen langen Mantel trägt, kommt es öfter vor, dass sie von den Leuten auf der Straße mit ablehnenden Blicken gestraft wird. Doch ihr schwarzes Kopftuch ist ihr wichtig: "Es gehört einfach zu meiner Religion, und der Islam spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben", erklärt sie. Von den Österreichern würde sie sich mehr Respekt und Toleranz gegenüber ihrer Religion wünschen.

Ein differenziertes Bild von der Kopftuch-Frage zeichnet eine IFES-Studie von Theologen Paul Zulehner, Meinungsforscher Peter Hajek und Politologen Peter Ulram: Demnach sind 56 Prozent der muslimischen Männer in Österreich der Meinung, dass Frauen selbst entscheiden sollen, ob sie ein Kopftuch tragen. 16 Prozent meinen, ihre Frau sollte unbedingt ein Kopftuch tragen, 13 Prozent halten das in der Öffentlichkeit nicht für nötig.

Insgesamt zeigt die Studie, dass in punkto Emanzipation von Musliminnen in Österreich große Unterschiede zwischen der ersten und den darauffolgenden Generationen bestehen. Während in Familien der ersten Generation eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern stattfindet, machen Musliminnen der zweiten Generation weniger Hausarbeit als ihre Mütter, die Männer beteiligen sich mehr. Auch ist der Kinderwunsch in der ersten Generation deutlich höher. In der zweiten Generation nähern sich die Werte jenen der Einheimischen an. Für Zulehner zeigen die Daten einen tief greifenden Wandel innerhalb der muslimischen Community in Österreich: "Das betrifft das Commitment in der islamischen Community, die Geschlechterrollen, das Freiheitsgefühl."

Um den Frauen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern, bietet die Stadt Wien neben den "Mama lernt Deutsch"-Kursen auch weiterführende "Frauen College"-Kurse: Damit soll jenen Migrantinnen eine Basisbildung ermöglicht werden, die sich bereits auf Deutsch verständigen können, aber nie, nur kurz oder schon vor langer Zeit die Schule besucht haben. In den "Frauen College"-Kursen können sie an ihrem Deutsch feilen und Fächer wie EDV, Mathematik oder "Bürgerinnenkompetenz" belegen. Einerseits erfüllen die Frauen mit dem Erreichen des Sprachniveaus A2 oder B1 die gesetzlichen Bedingungen zur Einbürgerung, andererseits sollen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt so verbessert werden.

Das eigene Geld verdienen

Für Sevilay (Name geändert) wäre das eine interessante Möglichkeit. Die 50-Jährige hatte zuletzt in Ägypten in einer Bank gearbeitet. Vor sechs Jahren ist sie ihrem Mann nach Wien gefolgt, seither hat sie nicht mehr gearbeitet. "Jetzt will ich erst mal richtig Deutsch lernen, damit ich die Staatsbürgerschaft erhalte", erzählt die Muslimin mit der schwarzen Strickmütze. Sevilay weiß, dass ein Job bei einer Bank in Wien für sie nicht mehr realistisch ist. Sie wäre beruflich flexibel. Ihr Mann hat zwar einen fixen Job, dennoch würde sie gerne ihr eigenes Geld verdienen.

Kursleiterin Gritsch, die die Frauen ein Stück ihres Lebens begleitet, ist gespannt, wie sie sich weiterentwickeln. "Für mich ist es schön, wenn ich einen Anruf bekomme und eine Frau mir stolz erzählt, was sie jetzt arbeitet." Manche machen sich als Änderungsschneiderin selbstständig, viele arbeiten auch als Reinigungskräfte. Wichtig für das gute Gefühl der Selbstwirksamkeit seien die vielen kleinen Erfolgserlebnisse: "Wenn sie die Mitteilung der Lehrerin verstehen oder den Arztbrief entziffern können, haben sich die Mühen gelohnt."

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