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"Man muss etwas auch versuchen"

Er gilt als Erfinder des modernen "Schwimmtauchens" und der Unterwasserfotografie, seine Faszination für die Meere und den Menschen ist ungebrochen. Hans Hass wird 90.

Meeresforscher, Tauchpionier, Unternehmensberater, Professor, Erfinder, Regisseur und Autor. Hans Hass feiert seinen 90. Geburtstag, von Arbeitsmüdigkeit zeigt sich bei ihm keine Spur. Die FURCHE hat ihn in seinem bescheidenen Büro in Wien besucht.

Die Furche: Herr Professor, vor rund zwanzig Jahren habe ich - damals ein Teenager -einen Vortrag von Ihnen gehört. Ich war fasziniert von den Unterwasserfotos, und ein Satz hat sich mir eingeprägt: Haie sind relativ ungefährlich - nur die kleinen darf man nicht an der Schwanzflosse halten, die können dann zubeißen.

Hans Hass: Wenn man einen Hai am Schwanz packt, kann er sich nicht umdrehen. Das ist ein fast sicherer Platz. Es gibt natürlich auch schlanke Haie und ein solcher hat mich gebissen (zeigt auf seinen rechten Unterarm). Im Roten Meer. Das war das einzige Mal. Das Blut hat ganz schön gespritzt.

Die Furche: Da wurde es sicherlich brenzlig.

Hass: Nein. Das Problem ist nicht, dass man angegriffen wird. Jeder Taucher möchte einmal einen Hai sehen. Aber es ist gar nicht leicht, dicht an sie heranzukommen. Für Haie ist der Mensch ein fremdes, unbekanntes Wesen.

Die Furche: Mittlerweile tauchen rund 20 Millionen Menschen - mit der von Ihnen entwickelten Technik. Wie sehen Sie diesen Trend?

Hass: Es freut mich sehr, dass heute so viele Menschen die Wunder der Meere selbst kennen lernen können. Damals dachte ich noch: Eigentlich müsste es dahinkommen, dass Wissenschafter unter Wasser gehen und sie wie Fische unter Fischen diese Tiere näher beobachten. Heute ist das so.

Die Furche: In den Meeren hat sich mittlerweile viel verändert. Die Fische werden etwa immer weniger. Lebensräume werden zerstört.

Hass: Zweifellos sind durch die technischen Möglichkeiten der modernen Fischerei viele Arten schon ausgestorben.

Die Furche: Was tun?

Hass: Die Frage müssen Sie sich stellen. Jeder darf nicht fragen: Was könnte geschehen. Man muss etwas auch versuchen. Und gerade die Taucher, die heute überall tätig sind, haben natürlich die Möglichkeit, die Fischerei zu beobachten und negative Auswirkungen zu melden.

Die Furche: "Man muss etwas auch versuchen." War das auch Ihr Motto, als Sie nach dem Krieg eine große Meeresexpedition starten wollten? Eine doch - mit Verlaub - ziemlich irrwitzige Idee.

Hass: Wenn ich heute zurückschaue, staune ich, wie ich es gemacht habe. Denn das Schiff Xarifa kostete damals über eine Million Mark. Wie soll man als Student zu so viel Geld kommen? Am Anfang war auch niemand interessiert: Das Meer galt als kalt und düster. Wichtig waren die Tauchmasken, mit denen man klar unter Wasser sehen kann. Dann erfand ich die ersten Unterwasserfotokameras und -filmkameras. Es ist mir gelungen, weil ich sehr emsig war. Ich habe sehr viele Vorträge gehalten, Bücher geschrieben und Filme gedreht.

Die Furche: Später haben Sie sich dem Thema Mensch zugewandt.

Hass: 1960 habe ich mein Schiff verkauft. Ich hatte erreicht, was ich wollte. Mich interessierte fortan vor allem der Vorgang der Entfaltung des Lebens und die Geschichte des Menschen. Heute weiß man viel darüber: Zuerst ist das Leben im Wasser entstanden, dann erfolgte die Eroberung des Landes. Und schließlich ging der Mensch hervor, dessen Besonderheit darin besteht, dass er aufgrund seiner Intelligenz in der Lage ist, seinen Körper zu verbessern. Wir sprechen von Werkzeuggebrauch. Aber eigentlich sind es Organe, die besondere Leistungen und Tätigkeiten möglich machen. Das war der große Vorteil des Menschen. Dadurch wurde er allen anderen Lebewesen - den Pflanzen und Tieren - total überlegen.

Die Furche: Meeresbiologie und menschliche Verhaltensforschung. Sind das nicht sehr verschiedene Gebiete?

Hass: Immer wieder habe ich Tauchexpeditionen gemacht. Ich musste ja auch Geld verdienen. Das andere war eine theoretische Arbeit. Beides hängt aber eng zusammen: Während ich tief unten im Wasser die Fische studierte, dachte ich oft: Da oben ist der Mensch. Ich sah ihn aus einer anderen Perspektive. Als ich mich dann dem Menschen zuwandte, war das nichts besonders Neues.

Die Furche: Der Mensch als ein Lebewesen unter vielen?

Hass: Als das Leistungsfähigste aller Lebewesen. Deshalb habe ich mich auch mit Themenbereichen wie der Staatenbildung und der Wirtschaft beschäftigt. Heute ist der Mensch so überlegen geworden, dass er viele andere Lebewesen zurückdrängt und ausrottet.

Die Furche: Eine Einsicht, die doch zutiefst verstörend wirken muss. Bei keinem anderen Lebewesen könnte es geschehen, dass …

Hass: … es sich selbst zerstören würde. Das ist es. Der Mensch ist zu erfolgreich geworden. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine Milliarde Menschen, dann stieg die Zahl auf drei, dann auf sechs Milliarden. Der Mensch darf sich nicht noch weiter vermehren. Wir sollten auf ein Nullwachstum kommen. In der EU ist das mit rund zwei Kindern pro Familie fast schon verwirklicht. Aber andere Länder - etwa in Afrika - haben im Durchschnitt bis zu acht Kinder. Das ist in jeder Hinsicht ungünstig.

Die Furche: Was schlagen Sie vor?

Hass: Wir sollten auf jeden Fall bescheidener werden. Unser Wunsch, auf die benachbarten Planeten vorzudringen, ist schön und gut, aber nicht sehr wichtig. Diese Planeten können vom Menschen kaum besiedelt werden. Anstatt Geld in diese Art von technischem Fortschritt zu stecken, sollte man lieber schauen, dass niemand in der Welt hungern muss und die Kluft zwischen Arm und Reich geringer wird. Das wäre ein wahrer Fortschritt.

Die Furche: Eine letzte Frage: Ihr Leben war ja ein großes Abenteuer …

Hass: Das ist es nach wie vor. Daran hat sich nicht viel geändert. Ich könnte noch zehn weitere Leben haben, ich käme nie an ein Ende.

Die Furche: Was machen Sie denn heute? Sie werden ja am Freitag 90 Jahre alt.

Hass: Ich schreibe immer noch an Büchern. Hier in meinem kleinen Büro fühle ich mich wohl. Und dann fahre ich weiterhin mit meiner Frau Lotte in der Welt herum. Ich habe in ihr einen sehr guten Begleiter. Ursprünglich wollte ich ja keine Frau auf Expeditionen mitnehmen. Nicht, weil Frauen Dinge nicht können, sondern weil es Probleme geben kann, wenn mehrere Männer dabei sind - und eine schöne Frau. Aber sie hat sich von Anfang an sehr geschickt angestellt. Und als wir das erste Mal an das Rote Meer fuhren, sagte ich: Fräulein Lotte - damals waren wir noch per Sie - ab heute sind Sie ein Mann. Sie hat verstanden. Jetzt sind wir schon 58 Jahre zusammen und werden es wohl bis zum Ende bleiben.

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