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Gesellschaft

"Manchmal möchte ich schreien"

1945 1960 1980 2000 2020
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Meine Tochter soll mich einmal nicht pflegen müssen. Sie soll ihr eigenes Leben haben. Und vor allem soll sie nicht das sehen müssen, was ich in meiner Arbeit sehen muss. (Eva Kucerová)

Momentan schläft sie gerade. Oder sie liegt einfach nur im Bett und starrt vor sich hin. Stundenlang kann das so gehen, erst später, wenn sie im Bett aufgerichtet wird, plaudert sie ohne Zusammenhang. "Sie ist ganz lieb und ruhig", sagt Eva Kucerová. Sich mit der alten Frau zu unterhalten, sei aber ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst das eigene Durst-oder Hungerfühl kann die 89-Jährige wegen ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr artikulieren. Kucerová muss sorgsam darauf achten, dass der schwache Körper genug zu trinken und zu essen erhält. Gerade eben hat die 35-Jährige Pause, sie kann die Wohnung ihrer Klientin im neunten Wiener Gemeindebezirk verlassen und Besorgungen machen. Danach ist sie wieder für die alte Dame zuständig, 22 Stunden täglich, zwei ewig lange Wochen lang.

Seit zehn Jahren arbeitet die junge Slowakin als selbständige 24-Stunden-Betreuerin in Wien. "Es ist nicht leicht, aber ich muss Geld verdienen", sagt sie. Gleich nach der Matura sei sie schwanger geworden, ein Jahr später habe sie sich vom Kindesvater scheiden lassen. Als die Tochter fünf Jahre alt war, entschloss sie sich, genauso zu arbeiten wie ihre ebenfalls alleinerziehende Mutter -als Betreuerin eines vergleichsweise wohlhabenden Menschen im nahen Wien. Seither wechseln sich die beiden Frauen ab: Zwei Wochen ist sie selbst hier, während sich die Oma zu Hause um die mittlerweile 15-jährige Tochter kümmert; die anderen zwei Wochen ist die 59 Jahre junge Oma in Wien, während Tochter und Enkelin endlich wieder beisammen sind. "Diese zwei Wochen mit meiner Tochter sind besonders", erzählt Kucerová. Für sie erduldet sie viel.

Schreckliches Alleinsein

Vor allem die Einsamkeit sei quälend, diese Sprachlosigkeit neben einem Menschen, mit dem kaum ein Austausch möglich ist. Nur ein Mal im Monat kommt der vielbeschäftigte Sohn der Frau vorbei. "Manchmal möchte ich schreien", sagt Kucerová, "aber nach ein paar Minuten ist es meist vorbei. Was soll ich auch machen, jede Arbeit ist schwer." Das Waschen, Pflegen und Eincremen, das Füttern und Windelwechseln sind hingegen längst zur Routine geworden.

1050 Euro brutto kann sie auf diese Art innerhalb von zwei Wochen verdienen, in der Slowakei bekäme sie in einem Monat gerade einmal die Hälfte. Netto bleiben ihr 800 Euro übrig, die Kosten für den fünfstündigen Transport, bei dem sie gemeinsam mit drei anderen Frauen von Wohnung zu Wohnung chauffiert wird, werden direkt vom Sohn der Klientin an die Transportagentur überwiesen. Nur die halbjährliche Gebühr von 200 Euro für die Organisation "Altern in Würde" in Bratislava muss sie selbst bezahlen.

Rund 65.000 Frauen aus benachbarten EU-Ländern in Osteuropa arbeiten derzeit als Personenbetreuerinnen in Österreich. Mit einem für hiesige Verhältnisse lächerlichen Brutto-Honorar von 75 Euro pro 24 Stunden gehört Kucerová noch zu den eher besser Verdienenden dieser Branche, manche Frauen arbeiten um 50 Euro pro Tag. Angesichts solcher Stundensätze wird die österreichische Familienbeihilfe für im EUAusland lebende Kinder zu einem wesentlichen Teil des faktischen Einkommens. Dass die Regierung sie ab 1. Jänner 2019 den Lebenshaltungskosten des jeweiligen Landes anpassen -also de facto deutlich kürzen -will, sorgt folglich für Empörung. Laut einer Online-Umfrage von "Altern in Würde" unter rund 1400 Betreuerinnen hätten 30 Prozent angegeben, diesfalls ihre Tätigkeit in Österreich beenden zu wollen. 26 Prozent sehen sich gezwungen, ein höheres Honorar von den betreuten Personen zu verlangen, und 24 Prozent wollen sich die gleiche Tätigkeit in einem anderen EU-Land suchen. "Die Betreuerinnen sind enttäuscht, sie fühlen sich für ihre Arbeit nicht wertgeschätzt", erklärt die Leiterin von "Altern in Würde", Zuzana Tanzer. Droht am Ende ein Pflegekollaps? Die zuständige Familienministerin, Juliane Bogner-Strauß (ÖVP), wiegelt ab: "Da lediglich rund 25 Prozent der Betreuerinnen betroffen sind, gehen wir weiterhin von keiner signifikanten Veränderung in der Pflege aus", meint sie. Der neue Wiener Gesundheits-und Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ) findet die Pläne hingegen "ein bisschen harakiri-mäßig": Wenn nur zehn Prozent der Frauen zu Hause blieben, hätte man "sofort ein veritables Problem".

Neuorganisation nötig

Ein Problem ist die 24-Stunden-Betreuung freilich grundsätzlich. Dass Frauen ihr Heimatland verlassen, um anderswo zu Dumpingpreisen alte Menschen zu betreuen, kann spätestens dann nicht mehr funktionieren, wenn sich die Lohnniveaus angleichen. Das Hilfswerk Österreich fordert deshalb eine Anhebung der Bezahlung, zumal die Förderung für die 24-Stunden-Betreuung (550 Euro pro Monat für zwei selbständige Betreuerinnen) seit Legalisierung dieser Betreuungsform 2007 nicht valorisiert worden sei. Auch im Regierungsprogramm ist eine Reform der 24-Stunden-Betreuung vorgesehen, freilich ohne Details.

Und Eva Kucerová? Sie wird künftig für ihre Tochter statt 200 Euro womöglich nur noch 130 Euro erhalten. Für die 35-Jährige eine große Belastung. 70 Euro, damit kann sie nicht nur den Monats-Essensbeitrag für die Schule ihrer Tochter finanzieren, sondern noch viel mehr. Dennoch will sie weiterhin nach Österreich kommen. Und was, wenn sie selbst einmal pflegebedürftig wird? "Meine Tochter soll ihre eigenes Leben haben", sagt sie. "Und sie soll nicht das sehen müssen, was ich sehen muss."

Meine Tochter soll mich einmal nicht pflegen müssen. Sie soll ihr eigenes Leben haben. Und vor allem soll sie nicht das sehen müssen, was ich in meiner Arbeit sehen muss. (Eva Kucerová)

Momentan schläft sie gerade. Oder sie liegt einfach nur im Bett und starrt vor sich hin. Stundenlang kann das so gehen, erst später, wenn sie im Bett aufgerichtet wird, plaudert sie ohne Zusammenhang. "Sie ist ganz lieb und ruhig", sagt Eva Kucerová. Sich mit der alten Frau zu unterhalten, sei aber ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst das eigene Durst-oder Hungerfühl kann die 89-Jährige wegen ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr artikulieren. Kucerová muss sorgsam darauf achten, dass der schwache Körper genug zu trinken und zu essen erhält. Gerade eben hat die 35-Jährige Pause, sie kann die Wohnung ihrer Klientin im neunten Wiener Gemeindebezirk verlassen und Besorgungen machen. Danach ist sie wieder für die alte Dame zuständig, 22 Stunden täglich, zwei ewig lange Wochen lang.

Seit zehn Jahren arbeitet die junge Slowakin als selbständige 24-Stunden-Betreuerin in Wien. "Es ist nicht leicht, aber ich muss Geld verdienen", sagt sie. Gleich nach der Matura sei sie schwanger geworden, ein Jahr später habe sie sich vom Kindesvater scheiden lassen. Als die Tochter fünf Jahre alt war, entschloss sie sich, genauso zu arbeiten wie ihre ebenfalls alleinerziehende Mutter -als Betreuerin eines vergleichsweise wohlhabenden Menschen im nahen Wien. Seither wechseln sich die beiden Frauen ab: Zwei Wochen ist sie selbst hier, während sich die Oma zu Hause um die mittlerweile 15-jährige Tochter kümmert; die anderen zwei Wochen ist die 59 Jahre junge Oma in Wien, während Tochter und Enkelin endlich wieder beisammen sind. "Diese zwei Wochen mit meiner Tochter sind besonders", erzählt Kucerová. Für sie erduldet sie viel.

Schreckliches Alleinsein

Vor allem die Einsamkeit sei quälend, diese Sprachlosigkeit neben einem Menschen, mit dem kaum ein Austausch möglich ist. Nur ein Mal im Monat kommt der vielbeschäftigte Sohn der Frau vorbei. "Manchmal möchte ich schreien", sagt Kucerová, "aber nach ein paar Minuten ist es meist vorbei. Was soll ich auch machen, jede Arbeit ist schwer." Das Waschen, Pflegen und Eincremen, das Füttern und Windelwechseln sind hingegen längst zur Routine geworden.

1050 Euro brutto kann sie auf diese Art innerhalb von zwei Wochen verdienen, in der Slowakei bekäme sie in einem Monat gerade einmal die Hälfte. Netto bleiben ihr 800 Euro übrig, die Kosten für den fünfstündigen Transport, bei dem sie gemeinsam mit drei anderen Frauen von Wohnung zu Wohnung chauffiert wird, werden direkt vom Sohn der Klientin an die Transportagentur überwiesen. Nur die halbjährliche Gebühr von 200 Euro für die Organisation "Altern in Würde" in Bratislava muss sie selbst bezahlen.

Rund 65.000 Frauen aus benachbarten EU-Ländern in Osteuropa arbeiten derzeit als Personenbetreuerinnen in Österreich. Mit einem für hiesige Verhältnisse lächerlichen Brutto-Honorar von 75 Euro pro 24 Stunden gehört Kucerová noch zu den eher besser Verdienenden dieser Branche, manche Frauen arbeiten um 50 Euro pro Tag. Angesichts solcher Stundensätze wird die österreichische Familienbeihilfe für im EUAusland lebende Kinder zu einem wesentlichen Teil des faktischen Einkommens. Dass die Regierung sie ab 1. Jänner 2019 den Lebenshaltungskosten des jeweiligen Landes anpassen -also de facto deutlich kürzen -will, sorgt folglich für Empörung. Laut einer Online-Umfrage von "Altern in Würde" unter rund 1400 Betreuerinnen hätten 30 Prozent angegeben, diesfalls ihre Tätigkeit in Österreich beenden zu wollen. 26 Prozent sehen sich gezwungen, ein höheres Honorar von den betreuten Personen zu verlangen, und 24 Prozent wollen sich die gleiche Tätigkeit in einem anderen EU-Land suchen. "Die Betreuerinnen sind enttäuscht, sie fühlen sich für ihre Arbeit nicht wertgeschätzt", erklärt die Leiterin von "Altern in Würde", Zuzana Tanzer. Droht am Ende ein Pflegekollaps? Die zuständige Familienministerin, Juliane Bogner-Strauß (ÖVP), wiegelt ab: "Da lediglich rund 25 Prozent der Betreuerinnen betroffen sind, gehen wir weiterhin von keiner signifikanten Veränderung in der Pflege aus", meint sie. Der neue Wiener Gesundheits-und Sozialstadtrat Peter Hacker (SPÖ) findet die Pläne hingegen "ein bisschen harakiri-mäßig": Wenn nur zehn Prozent der Frauen zu Hause blieben, hätte man "sofort ein veritables Problem".

Neuorganisation nötig

Ein Problem ist die 24-Stunden-Betreuung freilich grundsätzlich. Dass Frauen ihr Heimatland verlassen, um anderswo zu Dumpingpreisen alte Menschen zu betreuen, kann spätestens dann nicht mehr funktionieren, wenn sich die Lohnniveaus angleichen. Das Hilfswerk Österreich fordert deshalb eine Anhebung der Bezahlung, zumal die Förderung für die 24-Stunden-Betreuung (550 Euro pro Monat für zwei selbständige Betreuerinnen) seit Legalisierung dieser Betreuungsform 2007 nicht valorisiert worden sei. Auch im Regierungsprogramm ist eine Reform der 24-Stunden-Betreuung vorgesehen, freilich ohne Details.

Und Eva Kucerová? Sie wird künftig für ihre Tochter statt 200 Euro womöglich nur noch 130 Euro erhalten. Für die 35-Jährige eine große Belastung. 70 Euro, damit kann sie nicht nur den Monats-Essensbeitrag für die Schule ihrer Tochter finanzieren, sondern noch viel mehr. Dennoch will sie weiterhin nach Österreich kommen. Und was, wenn sie selbst einmal pflegebedürftig wird? "Meine Tochter soll ihre eigenes Leben haben", sagt sie. "Und sie soll nicht das sehen müssen, was ich sehen muss."