Gesellschaft

Marissa Mayer: Keine Heimarbeit mehr bei Yahoo

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Yahoo-Chefin Marissa Mayer schafft die Heimarbeit in ihrem Unternehmen wieder ab: Ein richtiger Schritt, befindet die Süddeutsche Zeitung.

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Yahoo-Chefin Marissa Mayer schafft die Heimarbeit in ihrem Unternehmen wieder ab: Ein richtiger Schritt, befindet die Süddeutsche Zeitung.

Gerade ist sie Mutter geworden, und nun das: Statt die von vielen Eltern ersehnten flexiblen Arbeitsbedingungen zu fördern, verordnet Yahoo-Chefin Marissa Mayer allen Heimarbeitern des Internet-Konzerns die Rückkehr ins Büro. Die Aufregung in den Internet-Foren ist groß. Wird das Trend? Dabei war man doch gerade dabei, das alles abzuschaffen: den Neun-bis-17-Uhr-Arbeitstag mit gemeinsamem Kantinengang, die Präsenzpflicht in der Tagesbesprechung, das Einzelbüro als Statussymbol.

Scharen von selbsternannten Trendforschern verkaufen seit Jahren Studien zur Arbeitswelt von morgen mit immer dem einen Inhalt: Arbeiten, das werde man künftig jederzeit mit jedem und von überall können. Und dabei zwischendrin die Kinder bekochen, Blumen umtopfen, die Mutter im Seniorenheim besuchen und so unglaubliche Mengen an Benzin sparen. Ist das nicht die Welt, die sich viele wünschen? Oder ist es doch Marissa Mayers Welt, in der Gespräche auf dem Büroflur oder eine Plauderei in der Cafeteria die Quelle von Kreativität, Teamgeist und damit letztlich Produktivität sind?

Jeder Heimarbeiter spart 11.000 Dollar im Jahr

Mayer wird mit dieser Position in Deutschland viele Gewerkschafter erfreuen, die sich vehement gegen Job-Aktivitäten von Mitarbeitern jenseits des Firmengeländes wehren. Tatsächlich ist die Heimarbeit gerade für Eltern gar nicht so vorteilhaft, wie dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn ein geregelter Arbeitstag lässt sich mitunter besser mit Familienaufgaben kombinieren als ständige Erreichbarkeit. Und speziell Frauen finden sich mit dem Heim-Büro oft in Konstellationen wieder, in denen sie bienenfleißig arbeiten und ansonsten unsichtbar bleiben. Karriere machen die anderen.

In Amerika, wo Heimarbeit vornehm "telecommuting“ genannt wird, ist das Modell auch nicht deshalb beliebt, weil es Eltern das Leben angenehmer macht. Mehr als drei Millionen Amerikaner arbeiten von daheim aus - vor allem, weil sie ihren Arbeitgebern so kräftig Geld sparen: Jeder nach Hause verbannte Beschäftigte bringt 11000 Dollar pro Jahr, kalkuliert eine Beraterfirma. Schließlich bekommt die Firma dann das Büro samt Betrieb gratis. Zudem steigt die Produktivität, wenn nur Ergebnisse gemessen werden und nicht die Arbeitszeit, in der vom privaten Schwatz mit dem Kollegen bis hin zur Büro-Intrige diverse arbeitsfremde Aktivitäten den Tag durchziehen. Hinzu kommen die volkswirtschaftlichen Ersparnisse. Der Energieverbrauch, die Umweltbelastung und alle Kosten des Straßenverkehrs sinken erheblich, wenn der tägliche Weg zur Arbeit entfällt.

Insofern lässt sich die Verordnung der Yahoo-Chefin auch als eine Abkehr vom reinen Kostenmodell verstehen. Mayer sagt damit: Kommunikation schafft Werte, Zusammenhalt, Identifikation mit der Firma, gemeinsames Ideenspinnen. All das hilft dem Unternehmensziel. Und nur ein gesundes Unternehmen macht seine Mitarbeiter zufrieden. Jede Führungskraft, die ihre Aufgabe ernst nimmt, weiß es zu schätzen, wenn sie mit ihren Mitarbeitern zuweilen persönlich reden, das Team auch mal spontan versammeln kann.

Natürlich spricht absolut nichts dagegen, Mitarbeiter tageweise oder in bestimmten Projekten auch mal vom heimischen Schreibtisch aus werkeln zu lassen, zumal Kommunikation selbst innerhalb von Büros sehr oft elektronisch fließt. Das ist ein Vertrauensbeweis der Vorgesetzten, die Mitarbeiter werden es ihnen danken. Einen Gouvernanten-Betriebsrat, der jeden Beschäftigten vor Eigeninitiative schützt, den braucht man wahrlich nicht. Tatsächlich ist die Firma aber ein wahrhaft soziales Netzwerk, das gepflegt werden will. Für viele Menschen ist sie sogar das wichtigste Netzwerk, dem sie angehören.

Süddeutsche Zeitung, 27. Februar 2013