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Massaker im Kinderzimmer

Meldungen von gewalttätigen Kindern und Jugendlichen lassen aufhorchen. Sind gewaltverherrlichende Filme und Videos (mit)schuld an dieser Entwicklung? Ja, meint der Regensburger Psychologe Helmut Lukesch im Furche-Gespräch.

Die Ziffer rüttelte auf: Um ganze 32 Prozent sei im ersten Halbjahr 2008 die Zahl „krimineller Kids“ gestiegen, klagte die neue Innenministerin Maria Fekter (VP). Die bevorzugten Delikte: Vandalismus, Drohungen und Diebstähle. Exakt 3397 Kinder zwischen zehn und 14 Jahren hätten heuer bereits „amtsbehandelt“ werden müssen, erklärte Fekter – und dachte laut über eine Absenkung der Strafmündigkeit von derzeit 14 auf 13 Jahre nach. Es folgte ein Sturm der Entrüstung: Nicht nur an Fekters Forderung entzündete sich die Kritik, auch an ihren Zahlen. Tatsächlich müssen „Kinderdelikte“ erst seit heuer der Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Früher lag dies im Ermessen der Polizei.

Doch auch wenn die Statistik umstritten ist: Gewalttätige Kinder und Jugendliche sind längst keine Einzelerscheinung mehr. Doch was lässt Kinder zuschlagen? Ist es tatsächlich der übermäßige Konsum von Gewalt-Videos, wie vielfach behauptet wird? Helmut Lukesch, Professor am Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Regensburg, hat zahlreiche Mediennutzungs- und -wirkungsstudien bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt – und gehört zu den Warnern: „Die Realität, dass Medien in den Alltag eingreifen, ist nicht mehr zu leugnen: 7,5 Milliarden Euro wurden 2007 für PC- und Videospiele ausgegeben, Fernseher, Internet, Spielkonsole und Handy gehören zum Medienalltag der Kinder“, weiß Lukesch, der in der Vorwoche als Referent bei der 57. Pädagogischen Werktagung in Salzburg teilgenommen hat. „Angesichts dieser Zahlen müssen sich die Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen doch aufmachen, diese Kontakte nicht einfach hinzunehmen, sondern das Angebot kritisch zu sichten, sich zu informieren.“ Die Furche bat den Medienexperten zum Gespräch. DH

Die Furche: Herr Professor Lukesch, Ihre Studien sprechen eine deutliche Sprache: 14- bis 19-Jährige verbringen demnach rund sieben Stunden täglich mit Medienkontakten. Häufig konsumieren sie Gewaltvideos, -spiele und -filme. Machen Medien, die Gewalt zeigen, tatsächlich gewalttätig?

Helmut Lukesch: Robert Steinhäuser, der Täter von Erfurt (der 19-jährige Amokläufer hatte 2002 im Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und anschließend sich selbst erschossen, Anm.) war ein massiver Spieler von „Counter Strike“, das war bekannt. Er hatte zusätzlich den „Vorteil“, in einem Schützenverein zu sein, also gut schießen zu können. Als der Verweis von der Schule kam, entstanden in ihm entsprechende Rachephantasien, die durch seine Kompetenz im Schießen und seine Motivation durch die konsumierten Spiele angestachelt wurden. In solchen Ausnahmesituationen passiert es immer wieder, dass Menschen mit Tunnelblick auf etwas losgehen, nicht links und rechts und nicht auf ihr soziales Umfeld achten. Es ist eines der bestgesicherten Ergebnisse der Medienforschung, dass durch den Konsum von Gewaltfilmen, -videos und -spielen, und auch durch gewalthaltige Musik, die Menschen, besonders Kinder, gewalttätiger werden. Zwar ist festzuhalten, dass es viele Wege in die Gewalt gibt, aber die Medien sind einer davon.

Die Furche: Wenn gewaltverherrlichende Medien zu einer höheren Toleranzschwelle gegenüber Gewalt führen – gibt es dann auch den umgekehrten Effekt, dass etwa bestimmte Medien die Gewaltbereitschaft senken?

Lukesch: Sie haben recht, man kann Medien in unterschiedlicher Weise einsetzen und unterschiedlich gestalten. Es gibt Filme, Videos und Spiele, die ausgesprochen prosozial sind. Und es gibt auch entsprechende Wirkbefunde, dass modellhaft dargestellte Prosozialität Kinder positiv beeinflusst. Doch im Gegensatz zu Gewalthandlungen sind Gesten des Miteinanders, ist Empathie filmisch schwierig darzustellen. Der Kinnhaken ist wie eine Messerstecherei oder jedes andere Gemetzel filmisch leicht und erregungswirksam umzusetzen. Wie aber sollen Filmemacherinnen und Filmemacher soziale Handlungen spannend gestalten? Diese Handlungen sind meist nicht so spektakulär und man braucht viel „Gehirnschmalz“, um sich diese auszudenken.

Die Furche: Ihren Forschungsergebnissen zufolge haben 65 Prozent der 15-Jährigen ein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer, 38 Prozent steht ein eigener Internetanschluss zur Verfügung. 96 Prozent der Kinder und Jugendlichen nutzen das Handy mit seinen vielfältigen Möglichkeiten. Zusätzlich sitzen 10- bis 19-Jährige täglich 113 Minuten vor dem Fernsehgerät. Welche Chancen haben hier noch die Eltern, begleitend, korrigierend einzugreifen?

Lukesch: Tatsache ist, dass es Gewalt gab, bevor die Bildmedien erfunden wurden. Durch die maximale Geräteausstattung meinen manche Eltern, sie hätten für ihre Kinder alles getan, denn sie haben ja viel Geld für die Kinder ausgegeben. Doch das ist ein sehr einseitiger Blickpunkt: Laut unseren Untersuchungen sind beispielsweise fünf Prozent der Sendezeit im deutschen Fernsehen mit Gewalthandlungen ausgefüllt, demgegenüber bestehen wenige Angebote mit prosozialen Handlungen. Die Kinder und Jugendlichen konsumieren diese Filme und Serien alleine in ihrem Zimmer: Kein Austausch, kein Gespräch über das Gesehene ist dadurch möglich. Eltern hätten zwar die Möglichkeit, durch ein Gespräch auf die Verarbeitung des Gesehenen Einfluss zu nehmen, aber diese Möglichkeit wird viel zu selten genutzt.

Die Furche: Im Zusammenhang mit gewaltverherrlichenden Medien wird immer wieder der mögliche „Katharsiseffekt“ bemüht. Trifft er Ihrer Meinung nach zu?

Lukesch: Die Katharsisthese behauptet, dass durch den stellvertretenden Konsum von Gewalt die Menschen friedlicher werden. Man müsste dann im realen Leben Gewalt nicht mehr ausleben, weil man dies bereits in der Phantasie gemacht hat. Aber: Den Katharsiseffekt gibt es nicht, das ist die am besten widerlegte These in der Mediennutzungs- und -wirkungsforschung. Es gibt keinen überzeugenden Beleg, dass eine Korrelation etwa zwischen dem Konsum von Gewaltspielen und Friedfertigkeit besteht. Die Effekte deuten immer in die andere Richtung: Gleiches erzeugt also Gleiches. Es würde wohl auch niemand auf die Idee kommen, einen Sexualstraftäter mittels Pornofilmen therapieren zu können.

Die Furche: Wie schichtenspezifisch sind Ihre Befunde?

Lukesch: Auch wenn man auf die soziale Schicht, die Geschlechter- und Bildungsdifferenzen achtet, wird der Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewalt und gesteigerter Gewaltbereitschaft nur geringfügig schwächer. Man kann also nicht behaupten, dass die Lebenswelten hier nivellierend wirken: Medien haben eine Wirkung auf die Menschen, die im Denken und auch im Verhalten zum Ausdruck kommen kann.

Die Furche: Sie sagen, dass sich Eltern verstärkt um die Mediennutzung ihrer Kindern kümmern müssten. Doch viele Eltern fühlen sich längst überfordert. Müssten nicht die Medienmacher verstärkt in die Pflicht genommen werden?

Lukesch: Die Eltern sind auf alle Fälle gefordert. Wenn sie in Bezug auf Medien nicht fit sind, dann müssen sie sich eben fit machen. Wegsehen ist keine Lösung. Mütter und Väter hören doch die Verrohung der Sprache ihrer Kinder, und der sprachlichen Gewalt werden selten Grenzen gesetzt. Es sollte deshalb die Aufgabe von Schulen und außerschulischen Einrichtungen sein, die Eltern kompetenter zu machen. Vor den Ver- und Geboten muss aber das vertrauensvolle Gespräch zwischen Eltern und Kindern stehen. Spielsucht und Internetsucht sind immaterielle Süchte, die zunehmen. Die Eltern sitzen im Zimmer daneben und merken die Bedrohung und die Suchtgefahr nicht. Wenn es etwa rechtzeitig beim Medienkonsum gelingt, durch entsprechende Bemerkungen im Zuseher Empathie für das Opfer zu wecken, macht das brutale Video, das Spiel keinen Spaß mehr. Es gilt, die Perspektive vom Täter hin zum Opfer zu lenken. Erziehung bedeutet ja nicht, einseitig einzuschränken und zu kontrollieren, sondern Perspektiven aufzuzeigen.

Die Furche: Welche Tipps haben Sie konkret für Eltern?

Lukesch: Als Wissenschaftler betreibe ich Forschung und kommuniziere die Forschungsergebnisse. In diesem Bereich gibt es viele Stimmen, die diese Ergebnisse abzuwiegeln versuchen nach dem Motto: „Ich habe selbst auch schon brutale Filme gesehen und bin dennoch nicht gewalttätig geworden.“ Das ist naiv. Aus der Sicht der Wissenschaft müssen Eltern eine Gegenposition einnehmen. In Bezug auf das Internet empfiehlt es sich für jüngere Kinder, gemeinsam nach guten Suchmaschinen und Seiten im Internet zu fahnden. Es geht nicht um ein Medienverbot, sondern um eine kompetente Mediennutzung. Eltern sollten Kriterien für eine gute Kinder-Webseite kennen. Wenn Eltern gemeinsam mit den Kindern Medien nutzen, sie hier gut begleiten, mit ihnen über das Gesehene diskutieren, erfüllen sie ihre Erziehungsaufgabe. Denn Medienerziehung ist ja Teil der Erziehungsaufgabe!

Das Gespräch führte Christina Gastager-Repolust.

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