Digital In Arbeit

Maßstab der Anerkennung

Conchita Wurst, Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014, irritiert mit ihrem Aussehen, aber warum? Keine Frage, sie entspricht nicht der Norm. Man begegnet nicht sehr oft einem Mann im Frauenlook und mit Bart. Ja, Conchita Wurst will bewusst provozieren. Sie tut dies nicht um aufzufallen, sondern um vielen Menschen Mut zu machen, die wegen ihrem Anderssein unterdrückt oder benachteiligt werden. Ihre Botschaft richtet sich gegen Diskriminierung und spricht für Toleranz. Ich habe jedoch den Eindruck, dass diese nicht angekommen ist, denn es wird hauptsächlich über ihr Äußeres geredet und diskutiert. Wir tun uns offensichtlich schwer damit, den Menschen hinter dem "Anderen“ zu sehen. Wir sehen nur den "Anderen“ im Gegenüber.

Gerade viele gläubige Menschen sehen im Erscheinungsbild von Conchita Wurst ein Zeichen moralischen Verfalls. Dazu gehören auch nicht wenige Muslime. Kann es aber sein, dass wir Moral am äußeren Erscheinungsbild eines Menschen festlegen? Ich frage mich auf der anderen Seite, wie die Schlagzeilen wohl ausgesehen hätten, hätte Conchita Wurst kaum Punkte im Song Contest erhalten. Tolerieren wir den erfolgreichen "Anderen“ mehr als den weniger erfolgreichen? Nach welchen Maßstäben erkennen wir den "Anderen“ an? Wenn das Äußere bzw. der Erfolg eines Menschen unsere Maßstäbe festlegt, spricht dies viel mehr für einen moralischen Verfall bei uns selbst.

Der Prophet Mohammed verwies auf einen göttlichen Maßstab: "Gott schaut nicht auf euer Aussehen und Vermögen, wohl aber auf eure Handlungen und Herzen“. Eigentlich sollten gerade Minderheiten, die nach Anerkennung in der Gesellschaft auf Augenhöhe streben, mehr Toleranz gegenüber anderen Minderheiten zeigen. Dass dies nicht immer der Fall ist, zeugt von einer Haltung im Sinne: Ich beanspruche Rechte für mich, die ich anderen aber verweigere.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau