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Mehr als nur ein Zeitvertreib

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Nach Jahren der ausschließlichen Konzentration aufKinder und Jugendliche rücken die Erwachsenen wieder in den Mittelpunkt von Aus- und Weiterbildungsangeboten.

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Nach Jahren der ausschließlichen Konzentration aufKinder und Jugendliche rücken die Erwachsenen wieder in den Mittelpunkt von Aus- und Weiterbildungsangeboten.

Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung (Johann Wolfgang von Goethe).

Der humanistische Zitatenschatz ist reich an Bezügen zum Thema Bildung. Die Zeitlosigkeit des Themas zeigt sich heute daran, daß der Trainer- und Ausbildnermarkt boomt, und auch die Politik greift Bildung als Thema regelmäßig auf. Unabhängig vom derzeitigen Wahlkampf hat das Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten die Initiative ergriffen und organisiert vom 20. bis 25. September 1999 unter dem Motto "einblickdurchblick" die Woche der Erwachsenenbildung.

Es wäre sicher vermessen, zu erwarten, daß diese Aktivitäten acht Millionen Österreicherinnen und Österreicher zu faustisch Strebenden machen werden, aber ein wichtiger Impuls ist gesetzt. Nach Jahren der ausschließlichen Konzentration auf die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen ist dies ein Schritt in Richtung einer nachhaltigen Qualitätsverbesserung des nationalen Arbeitsmarktes.

Rohstoff Bildung Der "Brockhaus" 1997 definiert Bildung als "die Entwicklung des Menschen im Hinblick auf seine geistigen, seelischen, kulturellen und sozialen Fähigkeiten". Wurde in früheren Zeiten Bildung als eine zeitlich begrenzte Periode in der Entwicklung eines jungen Menschen angesehen, so hat die rasante technische Entwicklung der letzten 150 Jahre dieses Konzept ad absurdum geführt.

"Lebenslanges Lernen" hat sich zwar schon begrifflich in unserem Sprachschatz eingenistet, bei der Umsetzung gilt es aber noch viel zu tun. Bildung als wichtiger Rohstoff für die Zukunft steht im wirtschaftlichen Bereich und Arbeitsmarkt außer Diskussion. Dies wird auch durch die Steuergesetzgebung belegt. So sind ab dem kommenden Jahr Investitionen in die Weiterbildung sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite steuerlich begünstigt. Hier aber zeigen sich die ersten Unschärfen: Die Grenzen zwischen Aus-, Weiter- und Erwachsenenbildung sind fließend. Sind etwa Sprach- oder Kreativkurse volks- und betriebswirtschaftlich weniger wertvoll als Motivationsseminare?

Das Österreichische Ausbildungssystem zählt zu den besten Europas, verschiedentlich wird sogar die Meinung vertreten, daß die Österreicher in Sachen Ausbildung Europameister seien. Tatsache ist, daß ein Großteil des Bildungsbudgets in die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen investiert wird, Kritiker sprechen davon, daß weit über 90 Prozent des Etats hier eingesetzt werden. Ein nach Begabungen und Leistungsfähigkeit differenziertes System ist inzwischen unbestritten. Die Schule hat nun einmal die Aufgabe, die junge Generation auf das Leben vorzubereiten - und dies möglichst umfassend. Daher sei, nicht nur in Anlehnung an ein humanistisches Bildungsideal, sondern auch bezugnehmend auf die Forderung der Wirtschaft nach mehr Generalisten auf die Bedeutung der Vielfalt des Angebotes hingewiesen.

Viele Erwachsene versuchen, künstlerische oder intellektuelle Interessen zu verfolgen, welche sie während ihrer Berufsausbildung aus Zeit- und Geldknappheit vernachlässigen mußten. Sicher ist Erwachsenenbildung prima vista nicht shareholder value orientiert, ihre eminente gesellschaftspolitische Auswirkung darf jedoch nicht unterschätzt werden. Denn das menschliche Gehirn ist nicht nur Ratio-orientiert.

Kreativität nützen Während unsere linke Gehirnhälfte für Daten und Fakten bestimmt ist, liegen in der rechten Gehirnhälfte die Zentren für Kreativität und Phantasie. So war Albert Einstein nicht nur ein brillanter Wissenschaftler, sondern auch ein unerhört kreativer Geist. Warum sollten wir also das schöpferische Potential unseres Geistes begrenzen und der Kreativität keine Chance geben? Die Herausforderung der Zukunft liegt in der Schaffung von Neuem. Computer helfen uns bei der Umsetzung, der primäre Input zu Veränderungen kommt aber aus der menschlichen Fähigkeit zum unlogischen Denken.

Im Rahmen einer OECD-Studie zur Finanzierung des lebensbegleitenden Lernens wurde in Österreich auf ein beachtliches Defizit im Bereich der Weiterbildung hingewiesen. Um in das Spitzenfeld der OECD-Länder zu gelangen, müßte Österreich in die berufsorientierte Bildung zusätzlich 15 Milliarden Schilling (etwa 1,09 Milliarden Euro) investieren. Zur Zeit liegt der gesamte Bildungsanteil am BIP nur bei 25 Prozent, der OECD-Vorschlag geht von 40 Prozent aus (Nähere Informationen hierzu: Siehe Homepage des BMUK: www.bmuk.gv.at oder in der Abteilung V/E/18 des BMUK, Tel: 01/ 53120-4631).

Ein großes Problem stellt aber die inhomogene Struktur der Nutzer des Weiterbildungsangebotes dar. Während in der Verwaltung und in multinationalen Konzernen ein hohes Problembewußtsein besteht, sind bei den kleinen und mittleren Unternehmen, bei hochqualifizierten Technikern und bei gering- bis unqualifizierten Arbeitnehmern die größten Defizite festzustellen.

Für die beiden erstgenannten Gruppen ist der Faktor Zeit das Haupthindernis, für die letztgenannten die Kosten, aber auch mangelndes Bewußtsein für die Notwendigkeit, sich besser zu qualifizieren. Alle großen Weiterbildungsinstitutionen, aber auch einige kleinere Institute sind zwischenzeitlich dazu übergegangen, zeit- und ortsunabhängige Lehrgänge auf der Basis von computer based training (CBT) oder Telelearning anzubieten. Damit kommt der Markt den Bildungsinteressierten entgegen.

Mogelpackungen Einen weiteren Schritt in Richtung höherer Bildungsstandards stellt der "Qualifizierungsfreibetrag", dar. Damit soll ein steuerlicher Anreiz nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Arbeitnehmer geschaffen werden, Weiterbildung nicht als "Geschenk von oben" sondern als Investition in die Zukunft anzusehen.

Megaevents mit Trainer-Gurus haben inzwischen sogar die Plakatwände erobert, das Angebot klingt zumeist verlockend. An einem Wochenende internalisiert der Teilnehmer die Lehrinhalte, welche sonst in mehrwöchigen Seminaren vermittelt werden. Bei Motivationsseminaren mit mehreren tausend Teilnehmern sollen innerhalb eines Tages aus Verlierertypen Führungspersönlichkeiten gemacht werden.

Die Angebote sind bunt und verlockend, aber leider meist Mogelpackungen. Der Trend zur Kurzzeitpädagogik begünstigt natürlich diese Tendenzen. Da Zeit Geld ist, müssen Inhalte möglichst schnell vermittelt werden. Ob der Seminarbesucher das Gehörte auch aufgenommen hat, ist nicht von Interesse. Aufgrund des gesellschaftlichen Drucks gibt ja niemand zu, daß er etwas nicht verstanden hat.

Im Wirtschaftsleben wird der kurzfristige, praktischer Nutzen propagiert, nicht langfristige Bildung. Daß diese Einstellung kontraproduktiv ist, zeigt sich am besten daran, daß die Besucher von "Schnellsieder-Seminaren" zumeist nach einem halben Jahr schon die erste "Auffrischung" ihres Wissens benötigen. Dies stellt natürlich eine einträgliche Einnahmequelle für die Anbieter dar, der gesellschaftliche Nutzen ist aber höchst zweifelhaft.

Was hindert uns, langfristig zu planen? Die Woche der Erwachsenenbildung bedeutet ja nicht, daß nur eine von 52 Wochen zur Qualitätsverbesserung der Österreichischen Bildungslandschaft aufgewendet werden soll. Durch den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft sind die Anforderungen an den einzelnen höher geworden, nicht nur bezüglich Arbeitsquantität, sondern auch betreffend die Qualität des Geleisteten. Ein hohes Bildungsniveau bringt daher bessere Chancen im internationalen Wettbewerb.

Der Autor ist Verlagsleiter und arbeitet als freischaffender Journalist eines Bildungsmagazins.

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