Minderheiten(sprachen) gefunden

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Es klingt wie ein Witz, ist aber keiner: Der Dialekt der südlichsten holländischen Provinz Limburg soll als Minderheitensprache anerkannt werden. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

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Es klingt wie ein Witz, ist aber keiner: Der Dialekt der südlichsten holländischen Provinz Limburg soll als Minderheitensprache anerkannt werden. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Die 1998 in Kraft getretene Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen sorgt derzeit im niederländischen Sprachraum für Diskussionen. Dabei hat diese Charta einen guten Zweck, nämlich den europaweiten Schutz von Minderheiten. Sie sieht zwei Gruppen von Minderheiten vor, wobei die eine deutlich mehr Rechte zugesprochen erhält als die andere. Im Klartext werden die in der zweiten Kategorie genannten Sprachen mehr als bestehend anerkannt denn tatsächlich gefördert. Länder, die die Charta ratifizieren, müssen gleichzeitig festlegen, welche Sprachen sie in welche Kategorie aufnehmen. Für die Niederländer stellten die Bestimmungen kein Problem dar, denn es gibt nur eine Minderheit im herkömmlichen Sinn: die Westfriesen in der Provinz Friesland. Diese Provinz ist schon seit langem offiziell zweisprachig, und die Ratifizierung der Charta machte keine neuen Aufwendungen erforderlich. Die Kostenfrage ließ den Staat 1996 auch bei der Auflistung von Sprachgemeinschaften für die zweite Gruppe großzügig sein: die niedersächsischen Sprachen (gemeint sind die verschiedenen Varianten des Niederdeutschen in den Niederlanden), Jiddisch und die Sprachen der Sinti und Roma.

Sprache oder Dialekt Als die Vertreter der südlichsten Provinz, Limburg, daraufhin auch ihren Dialekt aufgenommen haben wollten, gaben die Behörden dem Ansuchen ein Jahr später bereitwillig statt. Die Erweiterung der Liste würde den Staat ja nichts kosten, und die Provinz Limburg, die erst 1839 zu den Niederlanden gekommen war, hat ohnedies eine Sonderstellung inne, sowohl hinsichtlich der Landschaft, der Mentalität, als auch einiger staatsrechtlicher Strukturen. Die Charta besagt zwar gleich einleitend, dass Dialekte der offiziellen Landessprachen nicht als förderungswürdige Regionalsprachen gelten können, aber wer kann schon den Unterschied zwischen Sprache und Dialekt definieren? Wissenschaftliche Kriterien gibt es dafür nicht. Letztlich ist alles eine Sprache, was von den Sprechern dafür gehalten wird. Wegen der vielen deutschen Einflüsse kann man das Limburgische außerdem durchaus als Mengsprache zwischen Deutsch und Niederländisch sehen.

Erst als auch andere Gruppen ihren Dialekt in der Liste genannt haben wollten, erkannten die niederländischen Behörden die Brisanz der Frage und verweigerten die Aufnahme. Seither lassen jedoch Aktivisten aus verschiedenen Gegenden alle paar Monate mit neuen Forderungen von sich hören nach dem Motto: Warum dürfen die Limburger eine eigene Sprache haben und wir nicht? 1999 wurde beispielsweise in der Provinz Groningen der Wunsch nach zweisprachigen Ortstafeln (Niederländisch und Groninger Dialekt) geäußert. Bislang ist er allerdings ohne Konsequenzen geblieben.

Belgische Nachahmer Das alles wäre ein länderspezifische Kuriosum, wenn nicht 1839 ein großer Teil von Limburg zu Belgien, genauer zu Flandern, geschlagen worden wäre. Jetzt, wo die Charta auch in Belgien ratifiziert werden soll, verweisen die belgischen Limburger darauf, dass Limburgisch ja auch in den Niederlanden offiziell als eigene Sprache gilt. Noch existieren zwar keine Lehrwerke für diese Sprache; es gibt auch keine einheitliche Orthographie, ja nicht einmal ein offizielles Wörterbuch, und die niederländischen Limburger haben sich seinerzeit auch gar nicht um die belgische Variante ihrer Sprache gekümmert. Was nun?

Die Diskussion ist heftig, denn die flämischen Behörden weigern sich bislang, ihr Niederländisch in Minderheitensprachen aufzuspalten.

Im französischsprachigen Teil Belgiens gibt es ein ähnliches Problem, denn dort werden romanische Idiome gesprochen, die für die Charta ebenfalls in Frage kommen. Die Diskussion, die sich hier aus der Charta ergibt, ist jedenfalls sicher nicht im Sinn ihrer Proponenten.

Im Internet finden sich immer mehr Seiten, in denen für den Schutz von Sprachen geeifert wird, deren Sprecher wohl in den meisten Fällen selbst nicht ahnen, dass das, was sie sprechen, von jemandem als eigene Sprache eingestuft wird, etwa Seeländisch (in den Niederlanden) oder Bayrisch. Gewiss, hinter diesen Seiten stehen meist Einzelpersonen, keine breiten Bevölkerungsgruppen; aber jeder Trend beginnt erst einmal mit Vorläufern ...

Die Autorin unterrichtet Niederländisch an der Universität Wien.

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