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"Mir ist diese Welt nicht egal“

Beruflich reist Johannes Trimmel rund um den Globus, um die Situation behinderter Menschen zu verbessern und ihre Rechte zu stärken. Zwischendurch engagiert er sich für seine krisenhaft gebeutelte, katholische Kirche. Über einen Mann, dessen Tag 48 Stunden hat.

Der alte Mann kommt zu Fuß, am Arm seiner neunjährigen Enkelin. Hier, in einer kleinen Augenklinik irgendwo in Burkina Faso, soll er sich unters Messer legen und ins Auge schneiden lassen; hier wird man ihn lokal betäuben, seine milchig-trübe Linse entfernen und durch eine Kunstlinse um 1,50 Euro ersetzen; hier soll er endlich das zurückgewinnen, was er vor drei langen Jahren scheinbar unrettbar verloren hat: sein Augenlicht.

Anfangs ist die Angst des 65-Jährigen groß. Ins Spital geht man schließlich hier erst dann, wenn der Tod schon an die Türe klopft. Doch am Tag nach dem simplen Eingriff, als er die weiße Binde vom Auge streift, ist die Freude groß - erst recht zu Hause bei seiner Familie. "Das war ein großes Hallo“, erinnert sich Johannes Trimmel, der den alten Mann bei seiner Heimkehr als Sehender begleitet hat. Jetzt, wo er endlich wieder eigenständig sei, könne seine Enkelin wieder zur Schule gehen, meinte der Alte euphorisch und versprach ihr ein Fahrrad für den Weg dorthin. Und jetzt, wo er endlich wieder sehen könne, werde er seine Arbeiter wieder ordentlich antreiben auf dem Feld.

Augenlicht um 30 Euro

"Solche und ähnliche Geschichten gibt es sehr oft“, erzählt Johannes Trimmel schmunzelnd. Nicht nur für die vom Grauen Star (Katarakt) betroffenen Menschen selbst ändert sich das Leben durch die zwölfminütige, 30 Euro günstige Operation von Grund auf. Ihre ganze Familie und Umgebung ist involviert: Kinder und Enkel haben plötzlich wieder Zeit für den Schulbesuch; und pflegende Mütter oder Väter haben wieder die Möglichkeit, Geld für die Familie zu erwirtschaften. "Jeder blinde, jeder behinderte Mensch schafft zusätzliche Abhängigkeiten in der Familie“, erklärt der 44-Jährige im Büro des Vereins "Licht für die Welt“ in Wien-Meidling. Ein Faktum mit verheerenden Folgen: Laut Weltbank sind behinderte Menschen doppelt so oft von absoluter Armut betroffen wie nicht behinderte.

Johannes Trimmel will seinen Anteil leisten, um diesen Missstand zu beseitigen. Und er will sich als dreifacher Vater nicht damit abfinden, dass vierjährige Kinder nach einer Augenverletzung, die leicht und schnell behandelt werden könnte, erblinden. Seit neun Jahren ist er deshalb bei "Licht für die Welt“ engagiert - und fliegt heute als Leiter der Abteilung für Programme und Anwaltschaft International kreuz und quer über den Globus. Allein sechs Destinationen hat er im heurigen Jahr angesteuert: Burkina Faso, um die Auswirkungen der 2005 eröffneten Augenklinik zu untersuchen; Mosambik, Äthiopien und Pakistan, um sich laufende Programme anzusehen; Bolivien, um den universitären Zugang behinderter Menschen zu forcieren; und Uganda, wo er vor wenigen Tagen mit strategischer Planung beschäftigt war.

Strategie und Überzeugungskraft braucht Johannes Trimmel auch selbst: Schließlich muss er Entscheidungsträger für jene Rechte behinderter Menschen sensibilisieren, die laut UN-Konvention von 2006 längst verbrieft sind. Der Sensibilität der österreichischen Zuständigen stellt er indes ein vernichtendes Zeugnis aus: "Der staatliche Beitrag für Entwicklungszusammenarbeit ist beschämend“, empört er sich. "Das ist auch politisch kurzsichtig, denn nur eine Welt, in der es weniger Ungleichheit gibt, ist eine friedlichere Welt.“

Seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit hat ihn schon seit jeher angetrieben: als Jugendlicher in seiner Heimatpfarre Inzersdorf-St. Nikolaus im 23. Wiener Gemeindebezirk; als Zivildiener bei der Dreikönigsaktion, für die er - nach seinem Landwirtschaftsstudium und dem Engagement bei der Katholischen Jungschar - zehn Jahre lang tätig war; und auch jetzt bei "Licht für die Welt“. "Mir ist diese Welt eben nicht egal“, sagt Johannes Trimmel.

Als engagierten Katholiken lasse ihn auch der Zustand seiner Kirche nicht ungerührt. Lange Jahre war er als Pfarrgemeinderat engagiert, seit zwei Jahren sitzt er als Vertreter der Pfarren des 23. Bezirks im Vikariatsrat. Warum tut er sich das an - angesichts einer Kirche in der Krise und eines Berufes, der ohnehin alles von ihm fordert? "Erstens hat jeder Tag 48 Stunden“, meint er gelassen vor dem grellgelben Smiley-Plakat von "Licht für die Welt“. "Und zweitens glaube ich einfach daran, dass die Kirche soziale Sprengkraft hat und dass die biblische Botschaft brandaktuell ist. Das ist es, was mich hält.“

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