Kopftuch - © Foto: iStock / FatCamera (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Gesellschaft

Mit oder ohne?

1945 1960 1980 2000 2020

Seit diesem Schuljahr ist das Tragen von Kopftüchern an österreichischen Volksschulen verboten. Kritiker sehen darin reine Symbolpolitik, Befürworter einen wichtigen Schritt gegen die Diskriminierung von Mädchen.

1945 1960 1980 2000 2020

Seit diesem Schuljahr ist das Tragen von Kopftüchern an österreichischen Volksschulen verboten. Kritiker sehen darin reine Symbolpolitik, Befürworter einen wichtigen Schritt gegen die Diskriminierung von Mädchen.

Eigentlich gilt das Kopftuchverbot an allen Volksschulen. Darüber sprechen wollen Direktorinnen und Direktoren jedoch nicht. „Bei uns gibt es das Problem überhaupt nicht“, heißt es da, oder „Es gibt wichtigere Themen, über die Medien berichten sollten“. Wie heikel das Thema ist, lässt sich auch an der darüber entbrannten Debatte in den vergangenen Wochen ­beobachten. Gegner des Verbots sehen die Verbannung von Kopftüchern aus dem Unterricht als klare Symbolpolitik, bei der es um die Diskriminierung von Muslimen in der österreichischen Bevölkerung geht. Befürworter betonen, dass ein Kopftuch im Islam nicht zwingend vorgeschrieben ist und hoffen durch das Verbot auf eine bessere Integration muslimischer Mädchen in den Unterricht.

Argumentierbar sind, wie so oft, beide Seiten. Ein Richtig oder Falsch lässt sich nicht ausmachen. Und genau das macht die Debatte so schwierig, wie der Verfassungsrechtler Bernd-Christian Funk erklärt: „Eingriffe in die Religionsfreiheit sind an sich zulässig. Keinesfalls darf aber der Kernbereich der Religionsfreiheit verletzt werden. Dazu würde zum Beispiel ein Verbot des Betens gehören“, erklärt Funk, „die interessanten Szenarien, wie das Kopftuch, die Burka, die Beschneidung oder das Schächten, gehören zu den typischen Problemzonen juristischer Beurteilung“. Die neue Gesetzeslage ist jedenfalls klar: Mit diesem Schuljahr ist „das Tragen weltanschaulich oder religiös geprägter Kleidung, mit der eine Verhüllung des Hauptes verbunden ist“, an Volksschulen verboten. Kommt ein Mädchen mit dem Kopftuch in den Unterricht, müssen Lehrer und Lehrerinnen dies sofort der Schulleitung melden. Passiert dies ein zweites Mal, kann Eltern eine Strafe von 440 Euro drohen.

Gleichstellung von Frau und Mann

Diese Maßnahmen sind wichtig und notwendig, sagt die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz. Sie hat mehrere Bücher zum Islam in Europa verfasst, darunter auch das Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“, welches Sie gemeinsam mit dem Historiker Heiko Heinisch, der sich seit Jahren kritisch mit dem Islam auseinander setzt, publiziert hat. „Ein kleines Mädchen mit Hijab ist in seiner Bewegungsfreiheit und damit in seiner Entwicklung eingeschränkt und es wird in eine inferiore Rolle gedrängt“, sagt Scholz, „die Verhüllung ist ein sichtbares Zeichen der Ungleichstellung der Geschlechter und widerspricht dem Unterrichtsprinzip ‚Erziehung zur Gleichstellung von Männern und Frauen‘ diametral.“ Schulen sollten, wenn es nach ihr ginge, kopftuchfreie Räume sein, um Mädchen vor dem zunehmenden Druck religiöser „Peergroups“ zu schützen. „Die Pubertät wird reduzierend als Zeitpunkt der Geschlechtsreife aufgefasst“. Ab diesem Zeitpunkt sollen sich Mädchen verhüllen, „um Männer vor weiblichen Reizen zu schützen“, sagt Scholz, „das ist auch ein äußerst problematisches Männerbild.“ Zudem trage die Verhüllung als „religiöse Pflicht“ der Vielfalt des Islam keine Rechnung. Hierzulande tragen zwei Drittel der sich selbst als streng religiös bezeichnenden Musliminnen im Alltag nämlich kein Kopftuch, wie die 2017 erschienene Studie „Muslimische Diversität“ der Universität Wien zeigt. Sollte man religiöse Symbole also generell aus Schulen verbannen, wie es zum Beispiel in Frankreich seit mehr als 15 Jahren der Fall ist?

„Im Hinblick auf die Trennung von Staat und Religion sind wir meilenweit von Frank­reich entfernt“, sagt der Politologe und Islamwissenschaftler Rami Ali. Schließlich sei in der österreichischen Verfassung der Begriff „Säkularität“ nirgendwo verankert, während der Laizismus in der französischen Verfassung sehr wohl festgehalten ist. „Wenn Säkularitätsbestrebungen ein Anliegen sind, dann müssen sie für alle gelten“, sagt Ali, „beschränkt sich die Forderung nach Säkularisierung lediglich auf eine Gruppe von Menschen, dann ist das nicht nur ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit und in das ebenso gesetzlich verankerte Erziehungsrecht der Eltern, sondern vor allem auch eine offensichtliche Ungleichbehandlung.“ Der Versuch, das Tragen des Kopftuchs auf ein „Werteset“ oder eine Motivation zu begrenzen, verkenne die Ambiguität und Vielfalt, die es unter muslimischen Frauen gebe, sagt Ali. Denn dieses werde aus den unterschiedlichsten Motiven heraus getragen.