Mit sich selbst befreundet sein

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Wie lebt man ein gutes Leben? Und was ist das überhaupt? In seinem neuen Buch beschreibt der Philosoph und Ethiker Clemens Sedmak Wegmarken für menschliche Reife, inneres Wachstum und Lebensglück.

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Wie lebt man ein gutes Leben? Und was ist das überhaupt? In seinem neuen Buch beschreibt der Philosoph und Ethiker Clemens Sedmak Wegmarken für menschliche Reife, inneres Wachstum und Lebensglück.

Gemessen an den üblichen Vorstellungen vom Glück war das kurze Leben der kleinen Issa Grace eine einzige Tragödie: Im Juni 2013 in einer kleinen US-amerikanischen Stadt mit Trisomie 18 geboren, durfte das Mädchen nie flach liegen, weil es sonst zu ersticken drohte, sondern musste unablässig gehalten werden. Tag für Tag, Stunde für Stunde war mit seinem Tod zu rechnen, doch Issa Grace lebte wie durch ein Wunder weiter. Neun Monate später, in der Nacht des 24. März 2014, wurde das Atmen des winzigen Körpers schließlich langsamer und schwächer, und Issa Grace starb in den Armen ihrer Schwester Sophie. "Ihre Reise war kurz", schrieben ihre Eltern und ihre drei Geschwister in einem Nachruf, "aber ihr Leben war voll von Bedeutung und Sinn und hat uns alle in Weisen geprägt, die sich erst in ihrer Abwesenheit offenbaren werden."

"Das Beste aus dir heraus"

Einer, der das Mädchen ebenfalls halten durfte und davon tief berührt wurde, war Clemens Sedmak, Professor für Sozialethik am King's College der Universität London und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung in Salzburg. In seinem neuen Buch "Das Gute leben" wird dieses prägende Erlebnis für den dreifachen Doktor und Hochleistungsmenschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen. "Es gibt die Phrase ,Etwas bringt das Beste aus dir heraus'", schreibt Sedmak; "etwas in dieser Art geschah in diesem Moment und für diesen Moment. Empfindungen von Schutzwillen und Ehrfurcht stiegen in mir auf; ich hatte das Gefühl, etwas in sich Bedeutungsvolles zu tun, etwas zu machen, das keine großen Begründungen und Erklärungen verlangte: Issa halten. So gesehen war nicht klar: Wer hält wen?"

Das Tragen dieses Mädchens sei für ihn eine Erinnerung daran gewesen, worum es im Leben eigentlich geht. Doch was ist das Leben eigentlich? Sechs Grundeigenschaften sind es nach Sedmak, die es charakterisieren: Es ist unbegonnen, beginnt also nicht mit mir, sondern ist Geschenk und verdankt sich einer Ordnung, die über mich hinausgeht; es ist einzigartig, was zur Folge hat, dass mit jedem Menschen etwas Neues beginnt und nicht der Vergleich das entscheidende Werkzeug der Lebensvermessung ist; es ist undurchmessbar und entzieht sich damit endgültigen menschlichen Maßstäben; es ist bluterfüllt und dadurch zugleich verwundbar; es ist prägend, hinterlässt also auch Eindrücke im Leben anderer; und es ist offen, weist also über sich hinaus. Diese Weite und Tiefe führt nach Sedmak dazu, dass sich das Leben nicht anhand von simplen Listen oder Rezepten abbilden lässt: "Die Suche nach dem Guten im Leben ist deswegen auch nicht über Abkürzungen zu erledigen, die Suche nach dem guten Leben ist eine Lebensaufgabe -und schwer, richtig schwer."

Das beginnt schon mit dem Nachdenken darüber, was für ein gutes Leben überhaupt notwendig wäre. Um hier Antworten zu finden, schlägt Sedmak drei Gedankenexperimente vor: Welchen Wunsch würden wir einem Neugeborenen mitgeben? (Ein völlig sorgenfreies Leben? Oder die Erfahrung, im Leben willkommen zu sein und seinen je eigenen "Platz" zu finden?) Wie möchte ich selbst zum Zeitpunkt meines Todes gelebt haben? (Will ich - wie in Bronnie Wares Buch "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" - bedauern müssen, mich zu wenig um meine Freundschaften bemüht zu haben oder nicht den Mut gehabt zu haben, meine Gefühle auszudrücken?) Und nicht zuletzt: Welche Basisgüter sind für ein gutes Leben unverzichtbar? (Anerkennung? Bildung? Gerechtigkeit? Gesundheit? Respekt? Freundschaft? Liebe?)

Erwachsen und verwundbar werden

Ob es gelingt, das Gute zu leben, ist freilich nicht allein eine Frage der Bereitstellung von Basisgütern, betont Sedmak. Auch kann das Leben in seiner Fragilität nicht "nach Plan" konstruiert werden. Dennoch sei es hilfreich, über das gute Leben nachzudenken, um auf diese Weise einen Leuchtturm zu haben, an dem man sich orientieren könne.

Eines dieser Lebensziele könnte persönliches Wachstum sein -oder überhaupt das Ziel, erwachsen zu werden und das Leben selbst in die Hand zu nehmen. "Es lohnt sich, erwachsen zu werden, weil das Leben sich dann in Tiefe und Fülle zeigt, mit Kanten und Spitzen", schreibt Sedmak. Dazu gehört auch die Reife, sich berühren zu lassen, hineinzuwachsen in die eigene Verwundbarkeit -und polyglott zu werden in den Sprachen der Liebe. "Das Gute ist die Liebe, das, was Liebe schafft und durch die Liebe geschafft wird," schreibt der Philosoph.

Selbstfreundschaft

Einen liebevollen Blick sollten wir nicht zuletzt auch auf uns selbst und unser Leben werfen können. Was sind meine Eigenarten? Was tut mir gut? Was macht mich glücklich? Es lohne sich, an einer solchen "Gebrauchsanweisung für mich selbst" zu arbeiten - und ihr auch zu folgen, ist er überzeugt. "Wenn ich weiß, dass ich morgens am besten arbeiten kann, werde ich mein Leben danach ausrichten; wenn ich weiß, das sich an einem Tag zwischendurch immer wieder Momente für mich alleine brauche, werde ich dies zu berücksichtigen versuchen." Die Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, könne einen solcherart zum Blühen bringen. Hilfreich könne auch ein "Brief an mich selber" sein.

Issa Grace hat diese Möglichkeit nicht gehabt, aber durch ihr Leben gezeigt, worum es eigentlich geht, schreibt Clemens Sedmak: Nämlich nicht um Leistung oder Erfolg, ja auch nicht um Fairness, diesen Schlüsselbegriff der modernen Gerechtigkeitstheorien -Issas Krankheit war schließlich alles andere als fair. Doch ihr Leben hatte Tiefe. "Lebenstiefe ergibt sich aus dem Kostbaren, dem Preis für das Kostbare und der Erfahrung der Zerbrechlichkeit dessen, was mir teuer ist", schreibt Sedmak. Die Mutter des Kindes hat es anders ausgedrückt: "Issa ist ein Mysterium, das wir nicht verstehen", meinte sie - ein Geschenk, das große Schmerzen verursache und zugleich schöner als alles, was sie sich je als Geschenk hätte träumen lassen.

Das Gute leben

Von der Freundschaft mit sich selbst

Von Clemens Sedmak. Tyrolia 2015, 128 Seiten, gebunden, € 12,95

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