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"Mögen deine Tiere fett werden"

Die Mongolei ist auf dem Weg zur Marktwirtschaft - doch der alte Gruß der Nomaden gilt noch immer

Are you an independent traveller?" Er nennt sich Mister Bold und hat den Individualtourismus in Ulan Bator seit 1997 fest im Griff. Mit eigener Internetadresse und englischsprechenden Mitarbeitern an Bahnhöfen und Flughäfen mietet der untersetzte Mittvierziger jeden Sommer Appartments im Zentrum der mongolischen Hauptstadt auf, um sie bettenweise weiterzuvermieten - dann, wenn die Städter ohnedies in ihre luftigen Gers (Jurten) am grünen Stadtrand der grauen Metropole ziehen. Tourismus sei derzeit der einzige Weg aus dem wirtschaftlichen Schlamassel, meint Bold, nebenberuflich Dolmetsch und einst Prediger in Oklahoma, bevor sein Handy wieder klingelt. UB is very busy, sorry.

UB, das ist Ulan Bator. Die Zeit der schwarzen Wolgas scheint abgelaufen, Mercedes und Opel - oft noch mit deutschen Aufklebern - beherrschen das Straßenbild rund um den zentralen Sukhbataar-Platz. Internet-Cafès schießen aus dem Boden. Dschingis Beer gibt es längst auch außerhalb der exklusiven Hinterhofbars des Rundfunkgebäudes und Sachers Cafè verwöhnt seit geraumer Zeit mit pseudoalpinem Dekor, verjährten Bunte-Ausgaben und ausgedörrten Phantasietorten, deren Geschmack selten zum Namen passt. Eine Tasse "Österreichischer Kaffee" ist um 1.800,- Tugrik (23 Schilling) wohlfeil, das entspricht drei Mittagessen in der Truckerabsteige am Stadtrand oder fast einem Steak im Galerierestaurant vor dem Nationaltheater. Man spricht sächsisches Deutsch hier, nicht nur das mongolische Personal im rosa-weißen Dirndl-Look.

2,5 Millionen Einwohner hat das Land, davon 700.000 in Ulan Bator, doch statistisch nur 1,6 pro Quadratkilometer: Von ein paar schlaglöchrigen Asphaltpassagen um die Hauptstadt abgesehen, führen nur holprige Pisten durch den Steppenstaat. Der öffentliche Verkehr westwärts endet gänzlich nach rund 600 Kilometern oder 23 Stunden Staub-, Schlamm- oder Schneepiste: Yaks und Jurten und alle paar Stunden eine bescheidene Ansammlung buckliger Holzbuden oder Zelte, die fleischige Labung und weiß-gräuliche Stutenmilch versprechen.

Von Dzalangabad, der südlichen Provinzhauptstadt inmitten der Wüste Gobi, bis Moron, hoch im Norden am Fuß der Nadelwälder des Khovskol-Sees: Städtisches Flair strahlen die paar verfallenden sozialistischen Plattenbauten jedenfalls keines aus. Ansonsten dominieren Jurtensiedlungen in Reih und Glied, versteckt hinter mannshohen Bretterzäunen als Sicht- und Windschutz. Märkte, wo es Zwiebel und Kartoffel, aber nicht einmal eine Spur von Obst gibt. Kioskläden, wo Import-Pepsi, lettische Fischkonserven, polnischer Paprikasalat und russisches Bier in 1,5-Liter-Plastikflaschen die Regale spärlich füllen. "Baikalski", russisches Mineralwasser, kostet soviel wie vier Laib Brot, das per Eselskarren herbeitransportiert wird. Pferdestandplätze sind häufiger als Autos, die bis zum Zusammenbruch gefahren werden.

Der einzige öffentliche Bus in die Hauptstadt - ein schmutzigoranges russisches Modell der Ära Chrustchov - fährt immerhin zweimal wöchentlich ab; sofern er sich starten lässt, sich genug Passagiere finden, die Ziegen am Dach Platz haben und der Fahrer am Vorabend nicht zu sehr Gefallen am mongolischen Wodka, einem vergorenen Ziegenmilchgetränk gefunden hat.

35 Millionen Tiere

Von Transformation ist hier nichts zu bemerken. Und Benzin gibt es sowieso nur an den gut bewachten Tankwägen am Ortsrand, die Zapfsäulen der paar Tankstellen sind meist leer - es lebe der Schwarzmarkt.

Auch elf Jahre nach der Wende lässt die Moderne auf sich warten. Fette Weiden und öde Steppen, sandige Wüsten und die kahlen Gipfel des Altai: 46 Prozent der Bevölkerung leben von und mit der Viehzucht. Immer noch bilden über 170.000 Nomadenhaushalte mit etwa 33 Millionen Tieren das Rückgrat einer agrarischen Gesellschaft, die weitgehend autark ist und sich wieder zu (lamaistischem) Buddhismus und Schamanentum bekennen darf - doch die letzten beiden Winter waren die kältesten seit vielen Jahrzehnten, unterbrochen nur durch einen Sommer der Katastrophendürre. Über drei Millionen Tiere haben die jüngsten Wetterkapriolen schon jetzt nicht überlebt, der Herdenbestand verschwindet - mit ihm leiden die Menschen.

Die Nomaden sind Selbstversorger: Keine Tiere, das heißt kein Fleisch, keine Milch, keine Wolle, kein Leder, kein Dung zum Heizen der Jurten, keine Transportmöglichkeit der lebenswichtigsten Dinge beim Umzug in andere Weidegründe.

Das Wetter allein ist jedenfalls nicht schuld an der herandräuenden Misere: Da ist die fortschreitende Wüstenbildung, eine Folge der sprunghaften Vergrößerung der Herden um fast ein Drittel seit 1992. Nach dem Zerfall der staatlichen Agrarkollektive verfielen zudem zahlreiche Brunnen und wurden nicht mehr instandgesetzt, sodass die Überweidung um die intakten Wasserstellen beängstigende Ausmaße annahm - ein Paradies für Krankheitserreger aller Art. Die ersten Fälle von Maul- und Klauenseuche wurden Anfang dieses Jahres bestätigt: "Es droht der Verlust einer jahrhundertealten Nomadenkultur", bekräftigt auch Saraswathi Menon, Sprecherin der Vereinten Nationen in Ulan Bator.

"Mögen deine Tiere fett werden", lautet der alte Gruß draußen in den Steppen. Selbst nach Regierungsstatistiken lebten schon vor den Winterstürmen rund 30 Prozent der Mongolen unter der Armutsgrenze - die ist mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 18 US-Dollar definiert, doch landläufig gilt jeder Mongole mit weniger als 20 Stück Vieh als arm. Über die Hälfte der Ausgaben entfällt auf Nahrung, die ohne Importprodukte noch eintöniger wäre; die (geringe) Getreideproduktion ist auf 40 Prozent der letzten Blütejahre des Kommunismus gefallen und machte die Mongolei vom Exporteur zum Importeur. Die rohstofforientierte Wirtschaft leidet zusätzlich unter dem Verfall der Weltpreise für Kupfer, Gold und Kaschmirwolle, den Hauptexportprodukten des Landes.

Verflogene Euphorie

Die Euphorie der frühen neunziger Jahre ist lange schon verflogen. Die Inflation beträgt seit der Wende über 100 Prozent. Haupthandelspartner ist immer noch Russland, aus dem 34 Prozent aller Importe (Maschinen, Transportausrüstung, Treibstoffe) bezogen werden, trotz der neu entdeckten Liebe zu China und Japan: Wenig verwunderlich, dass die MPRP (Mongolian People's Revolutionary Party) bei den letzten Parlamentswahlen 2000 einen Erdrutschsieg gelandet hat - die Kommunisten haben das Ruder wieder fest in der Hand, nach einem vierjährigen Intermezzo einer Koalitionsregierung aus rasanten Reformern und planlosen Privatisierern "Endlich erkennen wir, dass das magische Wort Privatisierung nicht automatisch eine Verbesserung der Lebensqualität bringt", resümiert Kommunistenführer Enkhbayar nicht ohne Häme die Zeit seit 1996. Die Flucht in den Wodka als Antwort auf die Misere? Allein in der Hauptstadt werden alljährlich Zigtausende Betrunkene in polizeilichen Gewahrsam genommen. Präsident Bagabandi selbst spricht von einer "potentiellen Bedrohung der nationalen Sicherheit". Nastrowje.

Die Mongolei ist ein junges Land mit einer jungen Bevölkerung: 40 Prozent sind jünger als 16 Jahre, bereit für Chicago Bulls und Madonna. Die buddhistische Tradition mag den vergleichsweise friedlichen Übergang in Richtung Marktwirtschaft begünstigt haben, trotz aller politischer Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit. Der Rückenwind neuer wirtschaftlicher Seilschaften in Ostasien sollte die Mongolei wohl irgendwann konsolidieren.

Doch was ist schon Zeit für die Nomaden des Altai?

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