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Motto "China-fest und Griechen-sicher"

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Die Lokomotive der Weltwirtschaft und damit das große Hoffnungsgebiet der Globalisierung scheint angeschlagen. Die Wirtschaft Chinas wird von den Investitionen des Staates gehalten, aber auch dieses Rezept muss sich an der Realität messen lassen.

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Die Lokomotive der Weltwirtschaft und damit das große Hoffnungsgebiet der Globalisierung scheint angeschlagen. Die Wirtschaft Chinas wird von den Investitionen des Staates gehalten, aber auch dieses Rezept muss sich an der Realität messen lassen.

Gefühle und halbrationale Einschätzungen sind in der modernen Marktwirtschaft mindestens ebenso wichtig wie die mathematischen Modelle, welche die Kunden zumeist von ihren Investmentberatern vorgestellt bekommen. Menschen vom Schlage eines George Soros etwa greifen auch schon einmal tief in die Milliardenbörse, wenn ihre Kreuzmuskulatur sich verspannt (so hat es Soros tatsächlich beschrieben).

Es ist also viel Gefühl und viel Stimmung mit dabei, wenn über Märkte entschieden wird. China hatte da in den vergangenen Jahren immer den Bonus des unbesiegbaren Drachen, vor dessen Wachstum man so etwas wie ängstlich-gierige Freude entwickeln konnte. Zehn Prozent BIP-Steigerung in einem Jahr -und das bei einem Land mit mehr als einer Milliarde Einwohner, das war schon mehr als bedeutend für die Weltwirtschaft. Und für Exportnationen, die sonst nur als Sparmeister bekannt sind. Jeder dritte BMW, Mercedes oder Audi wurde in China verkauft. Aber trotz dieses unendlich scheinenden Booms des ganzen Landes plagte Ökonomen und Journalisten immer wieder ein bohrender Zweifel: "Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein?" Kann es etwa wahr sein, dass die Volksrepublik allein zwischen 2011 und 2013.6,6 Gigatonnen Beton verbaute? Das wäre, wie die Washington Post nachrechnete, mehr als die USA im gesamten vergangenen Jahrhundert verbaut haben. Und das in zwei Jahren. Unglaublich und schon vom ersten Anblick her "zu schön"?

Der Crash als Signal

Seit dem mit Milliarden Yuan eingedämmten Börsencrash in der vergangenen Woche kann man diese Frage mit einem halben und sehr bangen "Ja" beantworten. Denn die chinesische Regierung hat offenbar viel mehr Angst vor der Schwäche der eigenen Wirtschaft als sie ihrem Volk und der Wirtschaftswelt insgesamt eingesteht - und sie ist offensichtlich bereit alles zu unternehmen, um diesen Eindruck zu erhalten.

3,5 Billionen Dollar an Börsenwert vernichtete der Crash, der rund acht Tage dauerte und sich eher so angelassen hatte wie eine normale und notwendige Kurskorrektur in der überhitzten Immobilien-und Baubranche des Landes. Dann aber setzte Peking alles in Bewegung, um die Abwärtstendenz zu stoppen. Die erzwungene Aussetzung von rund 90 Prozent der notierten Unternehmen vom Handel brachte aber mit dem Einbruch auch die Erkenntnis mit sich, dass sich die Kurse in China niemals frei entwickeln werden. Der Aktienmarkt, das von der neuen Regierung als Wachstumsfetisch für den kleinen Mann hochgehaltene Finanzvehikel, wird also seine Funktion nicht erfüllen können, da er nur Gewinne kennen darf. So etwas schafft Unsicherheit, die zuallererst auf den internationalen Foren sichtbar wird. Die erste deutschsprachige Börsen-Plattform bot vergangene Woche die "12 Top Investment-Chancen" unter dem Titel "Chinafest und Griechensicher" an.

Dieser Vergleich mit Griechenland ist natürlich übertrieben. Aber es gibt auch noch andere Indikatoren, welche ein ganz anderes Bild von Chinas Wirtschaft zeigen, als das gemeinhin gemalte. Das betrifft zunächst den Staatsschuldenstand. Er ist auf den ersten Blick gesehen nicht dramatisch hoch und liegt derzeit bei offiziell 20 Prozent. Doch das chinesische Datenwerk scheint mehr als angreifbar. Geht es nämlich nach dem McKinsey Global Institute, dann ist der Schuldenstand bei 55 Prozent und hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.

Wo bleiben die Investitionen?

Das wäre vor allem bei einem so hohen BIP-Wachstum weniger dramatisch als etwa der Schuldenstand der meisten EU-Staaten. Aber das Wachstum ist längst nicht mehr so hoch wie in den Jahren vor der Finanzkrise von 2008. Dazu kommt eine seit 2008 unbeachtete Entwicklung. Die Auslandsinvestitionen in China sind seit dem Ende der US-Investmentblase um beinahe die Hälfte gefallen, von 120 auf 60 Milliarden Dollar. Woher kommt also das immer noch große Wachstum? Experten schreiben das den öffentlichen Investitionen zu. Aber können allein staatliche Gelder ein Wachstum schaffen, das an einem immer noch schwachen Inlandskonsum krankt und dem die Exporte immer mehr lahmen? Im März 2015 sanken die Ausfuhren um 15 Prozent.

Da die Illusion des Aktienmarktes vorbei ist - wer soll nun die leerstehenden Wohnungen und Gebäude mieten oder kaufen, und wer die Autos für die verlassenen Highways? In Chinas Internetforen geht derzeit ein Satirecomic um, das einen Funktionär einer kleinen Stadt porträtiert, der durch enorme Bautätigkeit und gefälschte Zahlen im Apparat aufsteigt. Der Titel der Geschichte heißt übersetzt "Nowhereland".

Wer sich die Wirtschaftsdaten der vergangenen Quartale ansieht, wie das zuletzt die Presse getan hat, der wird sich davon überzeugen lassen, dass in der humorigen Geschichte mehr Wahrheit steckt als der Führung in Peking lieb sein kann. Denn welches Wachstum auch immer gewünscht und vorhergesagt wird -es tritt ein. Nur welchen Nutzen haben Zahlen, die niemand mehr glauben kann?

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